Gegründet 1947 Montag, 9. März 2026, Nr. 57
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.03.2026, Seite 2 / Betrieb & Gewerkschaft
Betriebsratswahl bei Siemens Energy

Wie erzielten Sie dieses gute Ergebnis?

Wahlkampf durfte sie nur in Begleitung eines uniformierten Sicherheitsbeauftragten führen, erklärt Isabella Paape
Interview: Jessica Reisner
imago776459973.jpg

Bis zum späten Donnerstag abend dauerte die Stimmenauszählung der Betriebsratswahl bei Siemens Energy. Sie sind mit einer eigenen Liste angetreten. Wie sieht das Ergebnis aus?

Über 30 Prozent Stimmenzuwachs und einen Sitz mehr im Gremium für mich und mein Team. Das ist nach diesem ungewöhnlich belasteten Wahlkampf sehr bemerkenswert. Ich freue mich auch über den Erfolg der Liste der IG Metall, die gleich vier Mandate hinzugewinnen konnten. Die unternehmensnahe »Freie Liste« hingegen hat Hunderte Wähler verloren. Sie stellt zwar mit 18 von 35 Sitzen immer noch die Mehrheit im Gremium, ist aber deutlicher Verlierer dieser Wahl. Eine erfreulich klare Botschaft der Beschäftigten: Stärkung der Beteiligungsrechte und der IG Metall!

Wie haben Sie und Ihr Team es geschafft, dieses gute Ergebnis zu erzielen?

Wir haben in vier Jahren engagierter Betriebsratsarbeit einiges erreicht. Viele Informationen zu tariflichen und betrieblichen Regelungen haben wir online aufbereitet, sogar Onlineveranstaltungen angeboten und Interessenvertretung sehr konkret erlebbar gemacht. Missstände sprechen wir offen an und suchen nach Lösungen im Sinn der Beschäftigten. Das kam gut an. Und wir konnten aufgrund des Zuspruchs mit mehr Mandaten rechnen. Dann folgte der Schock: meine fristlose Kündigung ohne Angabe von Gründen. Von heute auf morgen wurde ich vor die Tür gesetzt.

Siemens Energy kündigte Ihnen am 12. November 2025 fristlos. Warum?

Die Gründe für die Kündigung habe ich erst nach Monaten und im Rahmen gerichtlicher Verfahren erfahren. Weder die Personalleitung noch die Betriebsratsmitglieder, die der Kündigung zugestimmt hatten, hatten mich informiert. Auslöser war eine von mir geplante Veranstaltung zur Betriebsrente, die untersagt wurde. Alles in allem kein Grund für eine fristlose Kündigung, sondern aus meiner Sicht Alltagsgeschäft gewählter Betriebsräte. Ich erhielt jedoch sofort Hausverbot, musste Rechner und Firmenausweis abgeben. Damit hatte ich auch keine Möglichkeit mehr, mit meinen Kollegen Kontakt aufzunehmen. Da bei einer fristlosen Kündigung auch das Entgelt sofort wegfällt, war ich froh über einige Ersparnisse. Aber ich habe praktisch vom ersten Tag an unglaubliche Solidarität erfahren. Das hat mich so berührt und mir Kraft gegeben, durchzuhalten.

Was bedeutete die Kündigung für Ihren Wahlkampf?

Ich habe am Arbeitsgericht Nürnberg eine einstweilige Verfügung erwirkt, die mir erlaubte, mich zwecks Wahlwerbung werktags zwischen 11 und 14 Uhr auf dem Werksgelände zu bewegen. Allerdings nur in Begleitung eines uniformierten Sicherheitsbeauftragten. Das war natürlich ein fatales Signal an Beschäftigte, die gerne mit mir gesprochen hätten. Viele sagten: »Ich sage kein Wort, solange der neben dir steht.« Ich habe deshalb später nur noch in öffentlich zugänglichen Bereichen des Betriebs wie der Kantine mit Kollegen gesprochen. Mir war immer wichtig klarzumachen, dass nicht das aggressive Vorgehen von Siemens Energy gegen mich, sondern die Probleme der Belegschaft im Mittelpunkt stehen.

Was sind das für Probleme?

Ganz einfach erklärt: Für gut 7.000 Angestellte gibt es nur rund 2.000 Büroplätze. Das heißt, es gehört Glück dazu, über das Buchungssystem beim sogenannten Desk-Sharing einen Arbeitsplatz in der Nähe der Teamkollegen zu ergattern. Viele bleiben dann mehr oder weniger freiwillig im Home-Office. Außerdem sind Bürogebäude, Testhallen, Labore und Fertigung seit einem Umbau nicht mehr auf dem gleichen Gelände. So entstehen den Kollegen plötzlich lange Wege. Insgesamt agiert Siemens Energy zu kostengetrieben. Dabei lohnt es, in die Zufriedenheit der Belegschaft zu investieren. Zumal: Siemens Energy hat volle Auftragsbücher und einen phantastischen Aktienkurs.

Wie geht es weiter?

Es ist traurig, dass ich nicht in den Betrieb kann. Wenn die Unternehmensleitung die Kündigung nicht zurücknimmt, bleibe ich wohl bis zum Verhandlungstermin am 16. April am Arbeitsgericht ausgesperrt. Aber ich gebe nicht auf. Für mein Team und mich ist das gute Wahlergebnis ein großer Ansporn und ich freue mich darauf, wieder voll einzusteigen!

Isabella Paape ist fristlos gekündigtes Betriebsratsmitglied bei Siemens Energy in Erlangen

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche: