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Aus: Ausgabe vom 24.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Die große Schuld

»Der Überläufer« nach dem Roman von Siegfried Lenz – Uraufführung in den Hamburger Kammerspielen
Von Eileen Heerdegen
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Berührendes Spiel: Markus Feustel als Walter Proska

September 1944, Belgien: »Ausgelaugt, abgestumpft und bei einer alliierten Luftüberlegenheit von circa 50 zu eins die eigenen Unzulänglichkeiten ständig vor Augen, warteten wir eigentlich alle nur noch auf das Ende.« Das scheint nah, Angriff eines feindlichen Bombers. Als der 17jährige endlich wieder hochkommt, steht dort ein Panzer. Der Junge ergibt sich, wartet darauf, »wie ein Mann« zu sterben. Zu seiner Verwunderung schießt der US-amerikanische Offizier nicht, scheint sogar erleichtert und sagt: »Für dich Krieg vorbei.«

Der Junge wurde später mein Vater, er hatte mehr Glück als sein Bruder, der nur 19 Jahre alt wurde und erst 50 Jahre nach dem Tod auf einem polnischen Soldatenfriedhof etwas Würde fand, oder sein Vater, dessen unbekanntes Schicksal das von Millionen ist. Er hatte auch mehr Glück als der fast gleichaltrige Siegfried Lenz, der in Dänemark desertierte, um zu überleben. Darauf stand nicht nur die Todesstrafe, es müssen Kameraden im Stich gelassen oder sogar bekämpft werden – egal auf welcher Seite –, Krieg belädt die Menschen auch mit individueller Schuld.

Auf 15 Briefseiten an seine Schwester versucht Lenz’ Protagonist Walter Proska mit dieser Schuld zu leben, ein anderer spritzt Drogen, weil er »Erinnerungen, schwer wie Zuckersäcke« hat. »Der Überläufer« beginnt mit dem Ende, das kein Anfang sein kann, weil der Krieg für diese Menschen nie vorbei sein wird, und wirft uns anschließend rasant direkt in die Hölle, in der Proska an der Ostfront gerade einen Anschlag auf seinen Zug überlebt hat. Regisseur Kai Hufnagel hat sich von Lars Peter eine schwarzweiße, oder besser schwarz-silbrige, Bühnenwelt erschaffen lassen (der Krieg hat keine Farben), erstaunlich wandelbar – metallene Stangen und U-Profile werden zu Waffen, metallene Fässer zu Särgen. Die Schauspieler tragen Ringe, schlagen ans Metall, verursachen maximalen (Kriegs-)Lärm – zusammen mit blitzschnellen Szenenwechseln entsteht so eine andauernde Bedrohung. Der Wahnsinn wird zur eindrucksvollen, physischen Anstrengung auch für das Publikum.

Die Geschichte ist einfach und unwichtig, ein bisschen Liebe (Proska und die polnische Partisanin Wanda), viel Schuld (Proska erschießt unwissentlich Wandas Bruder, später sogar seinen Schwager), ansonsten sind die Rollen stereotyp. Sadisten und Angsthasen, Mitläufer und eben auch Überläufer, so wie der zarte Wolfgang, genannt Milchbrötchen. Alles scheint austauschbar, es gibt keine Uniformen, die Gleichheit wirkt logisch, und doch fällt es der Zuschauerin gelegentlich schwer, die Rollen zuzuordnen; da ist es gut, dass »Milchbrötchen« von einer Frau, der sehr überzeugenden Miriam Schiweck, gespielt wird. Die visuelle Reduktion lässt den Schauspielern viel Raum, die insgesamt in diesem Ambiente und mit dem anspruchsvollen Text von Siegfried Lenz stark gefordert sind. Markus Feustel ist ein berührender Walter Proska, der inmitten des Kriegsgetümmels die furchtbare Einsamkeit vermittelt, die bei Fallada heißt: »Jeder stirbt für sich allein.«

Leider kann das Stück trotzdem nicht so bewegen, wie Wolfgang Borcherts »Draußen vor der Tür«, 1947 in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt, das zuletzt, 75 Jahre später, im November 2022, dort als Livehörspiel immer noch kraftvoll und ein aufwühlendes Erlebnis war.

Und doch ist es ein großer Gewinn, dass Intendant Axel Schneider, der auch die Bühnenfassung ausgearbeitet hat, die Uraufführungsrechte von der Siegfried-Lenz-Stiftung für die Kammerspiele mit ihrer antifaschistischen Tradition erwerben konnte. Erst 2016, zwei Jahre nach dem Tod des Hamburger Ehrenbürgers Siegfried Lenz, war der bereits 1951 geschriebene Roman »Der Überläufer« publiziert worden. Zu heikel war dem Verlag Hoffmann und Campe seinerzeit die Veröffentlichung erschienen, Proskas Überlaufen zur Roten Armee – ein rotes Tuch im Kalten Krieg. Außerdem waren die Mörder doch längst wieder unter uns und in Amt und Würden. Und wenn sie nicht gestorben sind, zündeln sie weiter oder haben weltweit würdige Nachfolger gefunden.

»’s ist leider Krieg – und ich begehre, nicht schuld daran zu sein!« (Matthias Claudius 1778)

Nächste Aufführungen: 26., 27., 28.3.

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