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Aus: Ausgabe vom 30.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Musical

Kein Mozart des Kalenders

»Spring Awakening«, ein mitreißendes Rockmusical nach Frank Wedekinds »Frühlings Erwachen« an der Wiener Volksoper
Von Eileen Heerdegen
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»O dieses Schamgefühl! Was soll mir ein Konversationslexikon, das auf die nächstliegende Lebensfrage nicht antwortet?«

Aber ich bin doch gar nicht verheiratet« – mit dem Schicksal der naiven 14jährigen Wendla, die unaufgeklärt schwanger wird, klagt Frank Wedekind 1891 in seinem Drama »Frühlings Erwachen« die (Doppel-)Moral seiner Zeit an. Erst 1906 wird es stark zensiert an den Berliner Kammerspielen unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt, die Presse schreit trotzdem: »Pornographisches Skandalstück!«

Beim ersten Mal, in diesem Fall dem ersten Porno, der meist lange vor dem »ersten Mal« kommt, sind Jugendliche heute 11 bis 17 Jahre alt. Dr. Sommer muss längst nicht mehr erklären, wie Kinder entstehen, sondern 13jährigen Mädchen Rat geben, ob sie einem gleichaltrigen Pickelgesicht anal zur Verfügung stehen müssen.

Frank Wedekind beschreibt einen Frühling, der nichts mit Kästners »Mozart des Kalenders«, Tulpen aus Amsterdam oder blühenden Bäumen im Prater gemein hat; für die Protagonisten seiner Kindertragödie, so der Untertitel, ist das Neue verwirrend und geprägt von Ungerechtigkeiten und Angst, also zeitlos bis hochaktuell.

Das erkannten 2006 auch die US-Amerikaner Steven Sater (Buch und Text) und Duncan Sheik (Musik). Die Story aus dem prüden wilhelminischen Deutschland wurde zum Rockmusical »Spring Awakening«, ausgezeichnet unter anderem mit acht Tony Awards.

Dabei ist die Musik recht durchschnittlich, ohne erkennbares Hitpotential, trotzdem hat die Wiener Volksoper mit »Spring Awakening« ein sehr glückliches Händchen bewiesen.

Vielleicht ist es die bewährte Zusammenarbeit von Regisseur Frédéric Buhr und dem musikalischen Leiter Christian Frank, die tolle Band mit Gitarre und Bass, aber auch Streichern, die zentral in einem bunten Blumenmeer sitzt, »wie ein Sehnsuchtsort oder ein Zufluchtsraum«. »Musik als Safe Space«, wie Frank sagt. Vielleicht ist es das eindrucksvolle, symbolträchtige Bühnenbild von Agnes Hasun, eine Mischung aus Klettergerüst und großem Käfig, das mit viel kaltem blauen Licht (Alex Brok) einen deutlichen Kontrast zur bunten Musikinsel schafft und Raum für Bewegung inklusive Stunts bietet.

Ganz sicher aber sind es die Menschen auf der Bühne mit ihrer unglaublichen Spielfreude. Ein sehr junger Cast, für viele Darsteller ist es das Debüt am Haus, das von ihnen mit stimmlicher und tänzerischer Präzision (Choreographie Klevis Elmazaj) tatsächlich gerockt wird. Begeisterter Szenenapplaus von Anfang an.

Wedekind, der spitze Lumpi unter den Dichtern mit ständig wechselnden Liebschaften, stellt die sexuellen Nöte seiner jugendlichen Figuren sehr stark in den Vordergrund, dabei ist nicht zu übersehen, dass vor allem Hilflosigkeit, die Tatsache, Erwachsenen ausgeliefert zu sein, die Heranwachsenden in die Verzweiflung treiben. Wendlas Klassenkamerad Moritz nimmt sich das Leben, nicht wegen unstillbarer Geilheit, sondern weil ihm seine Lehrer im wahrsten Sinne den Strick drehen. Ich war sicher nicht die Einzige im Publikum, die solch eine Situation überlebt hat, und genau hier liegt Wedekinds Kraft.

Natürlich ist nicht zu übersehen, dass die Sexualität männlich geprägt ist, naheliegend angesichts der Entstehungszeit. Jungs auf der Suche nach Befriedigung, Mädchen nach Nähe. Insofern hätte ich auf eine der drastischen Wichsereien verzichten können, zumal man beim ekstatischen Treiben im riesigen Feinripp selbst in der zehnten Reihe noch Angst bekommen konnte. Eine Gruppenmasturbation als Quälerei eines Mobbingopfers in der »Besserungsanstalt« hingegen – Sex als männliche Machtdemonstration, bedrückend und zeitgemäß.

So realistisch und aktuell wie der Song »The Dark I Know Well«, in dem die junge Martha den Missbrauch durch ihren Vater besingt. Alle Rollen in diesem Stück sind mit hervorragenden Sängerinnen und Sängern besetzt, aber hier möchte ich Isabel Saris besonders hervorheben. Toll gesungen und so ergreifend, dass nicht nur mir die Tränen kamen. Totenstille statt Szenenapplaus.

Im Gegensatz zu Wedekinds Vorlage gibt es bei »Spring Awakening« ein etwas pathetisches, fröhliches Ende, das jubelnde Ovationen am Schluss erlaubt. Mutmachend, aber unrealistisch, solange der mächtigste Mann der Welt ungestraft sagen darf: »Grab ’em by the pussy.«

Nächste Aufführungen: 4.4., 7.4.

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