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Geo- und Energiepolitik

Ölpreis auf Achterbahnfahrt

Trumps widersprüchliche Aussagen verursachen Turbulenzen am Rohstoffmarkt. Lieferausfälle trotz Iran-Krieges wegen alternativer Routen gering

Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire
Kostbarer Rohstoff: Ausweitung der US-Kriegspolitik wäre fatal für die Weltwirtschaft (Wisconsin, USA, 21.4.2022)

Am Montag morgen wurde Erdöl der international wichtigsten Orientierungsmarke Brent knapp über 114 US-Dollar pro Barrel notiert. Am frühen Nachmittag mitteleuropäischer Zeit lag der Preis bei rund 105,5 US-Dollar, nachdem er kurzzeitig sogar auf 103,5 US-Dollar gefallen war. Die Indizes an den Börsen legten deutlich zu.

Vorausgegangen war Donald Trumps nicht belegte Mitteilung, es habe »in den letzten zwei Tagen sehr gute und produktive Unterhaltungen über eine vollständige Lösung unserer Feindseligkeiten im Mittleren Osten« zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran gegeben, die im Laufe der Woche fortgesetzt würden. Auf dieser Grundlage habe er sein Kriegsministerium angewiesen, für einen Zeitraum von fünf Tagen alle Militärschläge gegen iranische Kraftwerke und die Energieinfrastruktur des Landes zu verschieben – vorausgesetzt, es gebe Fortschritte bei den laufenden Treffen und Diskussionen.

Bis dahin war die Stimmung ausgesprochen düster gewesen, nachdem der US-Präsident am Samstag abend (US-Ostküstenzeit) ein 48stündiges Ultimatum verkündet hatte, das kurz vor zwei Uhr in der Nacht zum Dienstag (MEZ) abgelaufen wäre. Sollte die Meerenge von Hormus bis dahin nicht restlos frei sein, werde er alle Kraftwerke Irans durch Luftangriffe »auslöschen« lassen. Teheran reagierte mit der Drohung, in diesem Fall die Kraftwerke und Entsalzungsanlagen der arabischen Nachbarländer zu zerstören.

Die iranischen Revolutionsgarden hatten am 3. März, dem vierten Tag des US-amerikanisch-israelischen Aggressionskriegs, die Straße von Hormus für »geschlossen« erklärt. Schiffe, die sie trotzdem zu durchfahren versuchten, würden »in Brand gesetzt«. Seither hat es aber immer wieder auch Versicherungen iranischer Politiker gegeben, der Wasserweg, der aus dem Persischen Golf über den Golf von Oman und das Arabische Meer in den Pazifik führt, sei für die internationale Schiffahrt frei und nur für Feinde der Islamischen Republik gesperrt. Tatsächlich ist die Zahl der Durchfahrten durch die Meerenge auf weniger als ein Zehntel des üblichen Aufkommens zurückgegangen.

Wieviel Öl geht dem Weltmarkt dadurch verloren? Erheblich weniger jedenfalls, als weithin angenommen wird. Es stimmt zwar, dass vor dem Krieg zwischen 14 und 15 Millionen, wenn nicht sogar bis zu 20 Millionen Barrel Erdöl pro Tag und damit bis zu einem knappen Fünftel des globalen Verbrauchs durch die Straße von Hormus transportiert wurde. Es dürfte zutreffen, dass es gegenwärtig nur noch geschätzte 500.000 Barrel pro Tag sind. Aber das bedeutet nicht, dass die Differenz als »verloren« zu betrachten ist. Ein großer Teil davon, vermutlich fast die Hälfte, wird auf alternative Routen umgeleitet, was freilich die Kosten erhöht und die Lieferungen um einige Tage verzögert.

Tatsächliche Verluste an verfügbarem Erdöl entstehen dadurch, dass alle arabischen Golfstaaten ihre Fördermengen gesenkt haben, seit die Meerenge als geschlossen gilt. Das sind zum Beispiel im Fall Iraks, das geographisch besonders ungünstig am Nordende des Persischen Golfes liegt, rund drei Millionen Barrel pro Tag – von 4,3 auf 1,3 Millionen Barrel pro Tag. Saudi-Arabien, größter Produzent und Exporteur der Arbeitsgemeinschaft OPEC Plus, hat seine Fördermenge nach eigenen Angaben um zwei Millionen Barrel pro Tag gesenkt. Einige Beobachter schätzen die Reduzierungen der arabischen Golfstaaten auf zusammengerechnet zehn Millionen Barrel pro Tag, was wahrscheinlich überhöht ist. Sieben bis acht Millionen könnten realistischer sein.

Das dem Weltmarkt entgangene Erdöl muss man verrechnen mit den Mengen, die ihm durch die Freigaben aus staatlichen Reserven zugeführt werden. Allein die 32 kapitalistischen Staaten, die Träger der von Paris aus operierenden International Energy Agency (IEA) sind, haben sich am 10. März verpflichtet, innerhalb der nächsten zwei Monate insgesamt 400 Millionen Barrel zum Verkauf zu stellen. Das entspricht in diesem Zeitraum einem zusätzlichen Angebot von etwa 6,7 Millionen Barrel pro Tag. Regelrecht katastrophal für die Weltwirtschaft würde aber eine Fortsetzung und Ausweitung des Krieges sein.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.03.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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