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Beschluss der Linken Niedersachsen

Israel-Fans laufen Sturm

Auf den antizionistischen Beschluss der Linkspartei Niedersachsen reagieren proisraelische Kräfte mit Empörung und Unterstellungen.

Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Ein Beschluss des niedersächsischen Parteitages versetzt prozionistische Kreise in Aufregung

Die Kampagne gegen die Partei Die Linke hat nach dem israelkritischen Beschluss des niedersächsischen Parteitags vom Sonntag weiter Fahrt aufgenommen. Die proisraelische Lobby in bürgerlichen Medien und sozialen Netzwerken nutzt die Gelegenheit, um der Partei ein Antisemitismusproblem anzudichten. Die Parteivorsitzende Ines Schwerdtner reagierte darauf am Mittwoch abend in der ZDF-Sendung »Markus Lanz« mit einer Distanzierung vom Beschluss. In die Debatte hatte sich zuvor der Verfassungsschutz Niedersachsen eingeschaltet. Man habe die Äußerungen beim Parteitag in Hannover »wahrgenommen«, erklärte der Geheimdienst bei X. Und weiter: »Wir prüfen etwaige antisemitische bzw. auch alle weiteren Tendenzen, die verfassungsschutzrechtlich relevant sein könnten, kontinuierlich.«

Auffallend ist, dass die Kritiker des Parteitagsbeschlusses fast durchweg mit Unterstellungen und Verdrehungen arbeiten. So wird die vom Text nicht gedeckte Deutung verbreitet, das Papier leugne ein angebliches »Existenzrecht Israels«, weil es pauschal den Zionismus attackiere. Dieser stehe ja für die Selbstbestimmung »der Juden« und die Idee eines »jüdischen Nationalstaates«. Diese Lesart übergeht bewusst, dass der Beschluss dezidiert zuerst nur eine bestimmte Ausprägung der zionistischen Ideologie kritisiert: den »heute real existierenden Zionismus, der sich durch Rassismus, Besatzungspolitik und militärische Gewalt auszeichnet«.

Auf dieser Deutung basiert auch die Kritik von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, am Beschluss von Hannover. Die »demonstrative Ablehnung des einzigen jüdischen Staates« sei ein »Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes«, erklärte er am Dienstag. Die Linkspartei biete »dem Judenhass« damit ein Zuhause. Schuster ließ sich zu der Behauptung hinreißen, mit dem Antrag vom Sonntag trage Die Linke zur »rhetorischen Rechtfertigung« der Gewalt gegen Synagogen und jüdische Einrichtungen bei. Die Welt machte sich den Vorwurf am Donnerstag prompt zu eigen.

In einem Gastbeitrag für das Magazin Focus setzte der antikommunistische Publizist Hubertus Knabe, bis 2018 Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, noch einen drauf. Die »Ablehnung des jüdischen Staates« sei in der Linkspartei »historisch tief verankert«, schrieb er. Schon die SED habe »in ähnlicher Weise gegen Israel und die Juden agitiert«. Nach dem »Ende der DDR« habe der damalige Parteichef Gregor Gysi, dessen Mutter aus einer jüdischen Familie stammte, dies aufzubrechen versucht, so Knabe. Doch er sei gescheitert. Heute stehe in der Partei das Tor für »migrantische und linke Israel-Gegner« weit offen.

Statt Solidarität mit dem angegriffenen Landesverband kamen von der Linke-Spitze unterdessen nur mehr oder weniger deutliche Distanzierungen. Kochefin Schwerdtner sprach bei Lanz von einem »sehr einseitigen« Beschluss, der den Eindruck erwecke, »dass wir keine Solidarität hätten mit vor allem auch den jüdischen Menschen«. Sie finde es »total falsch, diesen Antrag so gestellt zu haben«. Zugleich erklärte Schwerdtner, die Partei kritisiere die »konkrete Politik der israelischen Regierung und die Kriegsverbrechen«.

Heidi Reichinnek, Fraktionschefin der Partei im Bundestag, die zum niedersächsischen Landesverband gehört und beim Parteitag in Hannover dabei war, erklärte gegenüber epd, der Beschluss hätte »anders formuliert und ergänzt werden müssen«. Er werde »der komplexen Lage in Israel und Palästina« nicht gerecht. Von der Wucht der Kampagne überrascht zeigte sich der Landesvorstand der niedersächsischen Linken. Sie hätten »nicht damit gerechnet, dass der eigentlich differenzierte Beschluss derart stark missverstanden wird«, erklärten die Vorsitzenden Thorben Peters und Hilke Hochheiden gegenüber dpa.

Kritik am Beschluss von Hannover kam auch vom Linke-Landesverband Thüringen. In einer Erklärung vom Donnerstag wird zudem ein weiterer Beschluss des niedersächsischen Parteitages attackiert. Darin war eine Entscheidung der Landesschiedskommission der Thüringer Linken vom Februar kritisiert worden. Die Kommission hatte der Bundessprecherin der Linksjugend, Martha Chiara Wüthrich, wegen angeblich antisemitischer Äußerungen alle Parteiämter entzogen. Thüringens Landesvorsitzende Katja Maurer und Ralf Plötner bezeichneten die Kritik aus Hannover als »üble Stimmungsmache«.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.03.2026, Seite 4, Inland

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→Leserbriefe
  • Leo Pixa 24. März 2026 um 23:15 Uhr
    Es ist das alte Dilemma der Sozialdemokraten. Wenn’s konkreter wird im Klassenkampf und endlich mal Farbe bekannt werden muss, erhält das Herumscharwenzeln der Opportunisten um die Futtertröge der Bourgeoisie einen qualitativen Umschlag. Es folgt der bedingungslose, aber hoffnungsvolle Kotau. Dann gibt es nur noch eine zukunftsträchtige Alternative, um die sozialistische Agenda glaubwürdig zu vertreten: Die Karten neu mischen und die alte Führung zum Teufel jagen. Alles andere ist Quark (Rosa)! Leo Pixa
  • Ulrich Duchrow aus Heidelberg 24. März 2026 um 13:59 Uhr
    In junge Welt vom 20. März berichten Sie unter der Überschrift »Israel-Fans laufen Sturm« über die Angriffe verschiedener Organisationen und Personen auf den Beschluss: Die Linke Niedersachsen lehnt den heute real existierenden Zionismus ab. Ich danke Ihnen, dass Sie als einzige der mir bekannten deutschen Medien feststellen: Diese Angriffe beruhen alle auf der Unterstellung, dass wer den gegenwärtig in Israel herrschenden Zionismus ablehnt, das »Existenzrecht Israels leugnet«. Dabei sagt der Beschluss ganz klar, dass es verschiedene Formen von Zionismus gibt und nur die jetzt herrschende abgelehnt wird, weil diese auf Völkerrechtsverbrechen beruht und gerade dadurch Antisemitismus fördert. Auch wird mit den Unterstellungen suggeriert, dass die Begriffe »Völkermord« und »Apartheid« antisemitisch sind. Das Umgekehrte ist der Fall. Die Begriffe sind völkerrechtlich korrekt (s. UNO und Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International). Die gegenwärtige Regierung Israels gefährdet die Zukunft Israels und befördert Antisemitismus. Die Öffentlichkeit sollte begrüßen, dass sich wenigstens eine Partei in Deutschland klar auf die Seite des Völkerrechts stellt und sich nicht dem Trend anschließt, sich von der deutschen Vergangenheit dadurch weißzuwaschen, dass die Völkerrechtsverbrechen des Staates Israel heruntergespielt und dadurch angeblich »die Juden« geschützt werden (vgl. MARWECKI, Daniel: Absolution? Israel und die deutsche Staatsräson. Göttingen: Wallstein, 2024). Eine wachsende Zahl von Jüdinnen und Juden wie z.B. die »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost« sagt inzwischen klar und deutlich: »Nicht in unserem Namen«.
  • Onlineabonnent*in Raimon B. aus C. 20. März 2026 um 20:45 Uhr
    Die weltpolitischen Ereignisse führen bewusst oder unbewusst in den Parteizentralen und auch bei deren Mitgliedern zu ideologischen Bekenntnissen sowie Interpretationen, die man auch verharmlosend als »Irrungen und Wirrungen« bezeichnen kann. Anstatt für Klarheit und Orientierung zu sorgen, wird innerhalb der Partei Die Linke erneut der Kampf um die Deutungshoheit in der Israel-Palästina-Frage mit Leidenschaft, aber wenig Kenntnis und Sachverstand geführt. Ursächlich ist dafür verantwortlich, dass man in der Partei, mit Gysi beginnend, dem völlig unbestimmten und substanzlosen Begriff einer bedingungslosen Unterstützung Israels (Staatsräson) das Wort geredet hat. Dabei wird unkritisch ausgeblendet, dass alle Beteiligten auf beiden Seiten für den Konflikt und seine Auswirkungen auf die Menschen Verantwortung tragen. Eine einseitige Parteinahme ist dabei wenig hilfreich. Dem will der umstrittene Beschluss auf dem Landesparteitag differenziert Abhilfe schaffen. Daran zu erinnern und auf die Einhaltung der Menschenrechte zu dringen, hat nichts, aber auch gar nichts, mit Antisemitismus zu tun. Da hat das Sprichwort: »Keiner kann in Frieden leben, wenn es sein Nachbar nicht will«, seine unleugbare Berechtigung. Und das betrifft in heutiger Zeit, die genozidale Kriegsführung der israelischen Staatsführung im Gaza und deren anlasslose Bombardierung des Iran bzw. des Libanon. Die erkennbare Kopf- und Hilflosigkeit in der linken Parteiführung ist beschämend. Raimon Brete, Chemnitz
  • Jean Pier aus LUXEMBURG 20. März 2026 um 16:25 Uhr
    Ganz arm, dass auch Ewiggestrige in der Parteiführung der Linken glauben, sich mit der israelischen Regierung solidarisieren zu müssen. Wer immer noch nicht verstanden hat, dass die aktuelle realexistierende Führung des zionistischen Staates Israel für genozidale Kriegsverbrechen, Apartheid und illegale Angriffskriege steht, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen. Dass die Springer-Pressezeter und mordio schreit – lol –, aber dass ein Gysi,von dem ich eigentlich eher eine positive Meinung habe, da mitmacht, ist schon traurig.
  • Mitter Albert aus Gmunden 19. März 2026 um 20:58 Uhr
    Empörend ist in Wirklichkeit die dreifache Lüge. Erstens ist Kritik, die Verurteilung jeder Verletzungen des Völkerrechts und der Menschenrechte, der Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit die sich daher auch gegen jene, die der israelische Staat begeht, kein Antisemitismus. Es ist übelste Doppelmoral und Heuchelei, das nicht zu tun, wenn Israel der Täter ist. Wenn man noch dazu mit den Fingern auf andere zeigt. Zweitens rechtfertigen und unterstützen Politiker und Medien des westlichen Kapitalismus und Imperialismus alle Untaten Israels keineswegs deswegen, weil es ein jüdischer Staat ist. Sondern weil es der engste Verbündete des westlichen Imperialismus im Nahen Osten ist, sein gewaltbereiter und gewalttätiger Vorposten. Auch dafür ist der Herr Schuster vom Zentralrat einfach blind. Wie auch für die dramatische politische Rechtsentwicklung in Israel, die Hegemonie einer rechten, rassistische-nationalistischen Auslegung des Zionismus. Drittens ist es eine Lüge, die Juden mit Israel, dem rechten Zionismus, seiner Rolle als Speerspitze des Imperialismus gleichzusetzen. Wie absurd das ist, zeigt, dass die ganze Lobby des rechtszionistischen Israel auch alle Juden in und außerhalb Israels als »Antisemiten« beschimpft, die mutig gegen die menschenverachtende Politik Israels auftreten. Gerade der antikommunistische Verweis auf die SED der DDR, die den Antisemitismus viel konsequenter bekämpfte als die BRD, zeigt das wahre ideologische Gesicht der »Empörten«. Die DDR hat Israel als Verbündeten des Imperialismus, der die Palästinenser unterdrückt, ihre Menschenrechte dauernd verletzt, und nicht weil es ein jüdischer Staat ist, kritisiert. Und auch Herr Schuster soll erklären, wieso das Selbstbestimmungsrecht der Juden, ein jüdischer Nationalstaat nicht zu Lasten der Länder der Täter des Holocaust, sondern ganz ungerecht der elementaren Menschenrechte eines Volkes, das mit dem Holocaust überhaupt nichts zu tun hatte, realisiert wurde.
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