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27.04.2026
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Was ist das Problem am Finanzkonzept?
Hamburg: An den Zahlen, mit denen die Stadt sich für Olympia bewirbt, stimmt so einiges nicht, sagt Xenija Melnik
Am 31. Mai wird in Hamburg über eine Bewerbung für die Olympischen Spiele der Jahre 2036, 2044 oder 2044 abgestimmt. Ihre Fraktion will das Finanzkonzept prüfen lassen, doch der Senat verweigert sich. Was haben Sie konkret unternommen?
Die Bürgerinnen und Bürger müssen die Möglichkeit haben, sich vor einer Entscheidung von erheblicher finanzieller Tragweite umfassend mit den zugrunde liegenden Zahlen auseinanderzusetzen. Vor diesem Hintergrund haben wir als Linksfraktion beantragt, den Landesrechnungshof mit einer Stellungnahme zum Finanzkonzept zu beauftragen. Alternativ sollte im Haushaltsausschuss eine Expertinnen- und Expertenanhörung durchgeführt werden, um das Konzept umfassend zu prüfen. Beide Vorschläge wurden von SPD und Grünen entschieden abgelehnt. Die Koalitionsfraktionen scheuen offenbar eine offene und frühzeitige Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Kosten.
Finanzsenator Andreas Dressel, SPD, hat 4,8 Milliarden Euro Kosten für Olympia angegeben und hält gar einen Überschuss für möglich. Was sagen Sie dazu?
Der Überschuss entsteht nur durch Rechentricks und Auslassungen, denn der kalkulierte Überschuss von 100 Millionen Euro entsteht nur dadurch, dass der Senat damit rechnet, dass der Bund 200 Millionen Euro zum Durchführungsbudget beisteuert. Die kompletten Kosten für öffentliche Sicherheit und Logistik wurden einfach mit null beziffert. Bei den Olympischen Spielen in Paris beliefen sich diese Kosten auf 2,65 Milliarden Euro. Ein Überschuss erscheint unter diesen Umständen – insbesondere ohne einen bislang nicht zugesagten Zuschuss des Bundes – unrealistisch.
Im Finanzkonzept des Senats gibt es eine große Leerstelle: das Olympiastadion. Was hat es damit auf sich?
Hamburg verfügt bislang über kein Olympiastadion. Statt dessen plant der Senat den Bau einer Multifunktionsarena neben dem Volksparkstadion. Offiziell heißt es, dieses Projekt sei unabhängig von einer Olympiabewerbung vorgesehen. Für die Spiele soll die Arena um eine Leichtathletiklaufbahn ergänzt werden, die anschließend wieder zurückgebaut werden soll, so dass die Anlage vor allem für den HSV sowie für Großveranstaltungen genutzt werden kann.
Abgesehen davon, dass die Laufbahn wieder entfernt werden soll: Was kritisieren Sie daran?
Diese Multifunktionsarena taucht im Finanzkonzept des Senats nicht als eigenständiger Kostenposten auf. Sie wird als langfristiges Zukunftsprojekt deklariert und damit faktisch aus der Olympiakalkulation herausgerechnet. Genau hier liegt die »Leerstelle«. Das ist auch vor dem Hintergrund der Reformagenda des Internationalen Olympischen Komitees bemerkenswert, die ausdrücklich vorsieht, möglichst auf kostenintensive Neubauten zu verzichten.
Der Senat umgeht dieses Problem, indem er den Neubau formal von Olympia entkoppelt – obwohl er funktional integraler Bestandteil der Bewerbung ist. Zudem fehlt es bislang an belastbaren Grundlagen: Weder liegt eine transparente Bedarfsanalyse für eine solche Arena vor noch ein unabhängiges Gutachten zur Frage, ob das bestehende Stadion perspektivisch wirtschaftlich bis 2040 nicht mehr tragfähig wäre. Die Diskrepanz zwischen ambitionierter Darstellung und fehlender finanzieller Konkretisierung wirft erhebliche Zweifel an der Transparenz und Belastbarkeit des Gesamtkonzepts auf.
Senat, Wirtschaft und Medien machen gezielt Stimmung für die Bewerbung, damit sich das Desaster von 2025 nicht wiederholt, als die Hamburger eine Olympiabewerbung zu Fall brachten.
Ja. Erst kürzlich zum Beispiel hat die Handelskammer eine Umfrage veröffentlicht, in der 1.000 Personen befragt wurden. Diese ergab, dass rund 60 Prozent der Befragten eher für bzw. klar für die Durchführung von Olympischen und Paralympischen Spielen in Hamburg seien. Das Perfide an der Sache ist, dass die Umfrage schon zwei Monate alt ist und in dem Zeitraum durchgeführt wurde, als das Finanzkonzept noch nicht veröffentlicht war. Dass die Veröffentlichung dann ausgerechnet kurz vor dem Versand der Briefwahlunterlagen erfolgt, wirkt kaum zufällig.
Xenija Melnik ist stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Linke in der Hamburgischen Bürgerschaft
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