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Aus: Ausgabe vom 10.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Popkultur

Lollipops und Pinguine

Die Künstlerin, Schriftstellerin und Musikerin Patti Smith hat einen weiteren Memoirenband vorgelegt: »Bread of Angels. Die Geschichte meines Lebens«
Von Gerd Schumann
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»Jesus died for somebody’s sins, but not mine« – Patti Smith

»Die Kunst aus dem grenzenlosen Rock ’n’ Roll braucht keinen ­Schutzherrn, sie braucht das Volk.«

Patti Smith, »Bread of Angels«

Sie sang einst, außerhalb der Gesellschaft sei ihr Platz (in »Rock-’n’-Roll-Nigger«,1978). Da war Patricia Lee »Patti« Smith schon ziemlich berühmt. 1975, als der Punk gerade erfunden worden war, hatte sie mit dem Album »Horses« ein aufsehenerregendes Debüt vorgelegt, das in die Charts einzog (Platz 47 in den Billboard 200) und bis heute in den diversen Listen der besten Alben aller Zeiten weit oben notiert wird. Es ist allerdings keinesfalls ein »Punk-Album«, wie des öfteren und jüngst erneut vom Spiegel behauptet.

Auch die ihr häufig zugeschriebene Rolle als »Godmother of Punk« trifft ihr künstlerisches Schaffen nur unzureichend. Sie hatte einmal mit dem kaputten Sid Vicious kurz vor dessen Suizid unangenehm zu tun und trat mit Television und den Ramones im zur Legende stilisierten New Yorker Klub CBGB auf, als vielseitige Künstlerin aber passt sie in keine Schablone.

Nach ihrer in den USA mit dem National Book Award ausgezeichneten Autobiographie »Just Kids« (2010), in der sie über ihr gemeinsames hartes und doch von Zuversicht getragenes Leben im New York der späten 60er Jahre mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe schrieb, hat sie nun einen weiteren Memoirenband vorgelegt: »Bread of Angels« (»Brot der Engel«, vgl. Ps 78, 25). Robert Mapplethorpe wurde 1988 Opfer der HIV-Epidemie; einer von vielen Todesfällen, die Patti Smith nunmehr Revue passieren lässt: »… fast jede Woche erschienen alte Freunde in den Todesanzeigen«.

Der Tod hat sie schon als Kind begleitet, etwa in Gestalt einer unheilbar kranken Freundin aus der Nachbarschaft, die sie eines Tages in einer schwachen Minute bestahl. Die Gewissensbisse wurde sie danach nie mehr los. Es sind Kindheitserlebnisse wie dieses, die das Buch über weite Strecken prägen. Es lag noch einiges vor ihr, aber es ist verblüffend, was der 1946 Geborenen alles im Gedächtnis hängen geblieben ist: kleine Episoden, Ereignisse, Geschichten, die ihr Erwachsenwerden ausmachten. Szenen einer Kindheit, die in einen Aufbruch zu neuen Ufern münden.

Bei der Lektüre des Buches drängt sich so manches, vielleicht längst Vergessenes oder Verdrängtes aus der eigenen Jugend ins Gedächtnis, vielleicht sogar, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen das ablief. Bei Smith nimmt dieser Aspekt leider nur eine untergeordnete Rolle ein. Sie sind trotzdem präsent, vor allem durch die Armut, in der weite Teile der US-amerikanischen Nachkriegsgeneration aufwuchsen. Später kommt dann auch die Umbruchsituation in den 60ern zur Sprache: ­Vietnam, Krieg, Identität, Rassismus, Anarchie, Diskriminierung.

So oder so führen Überlegungen zur Kindheit – bei Patti Smith und bei ihren Lesern – in die Welt der Phantasie: Das tatsächlich Erlebte mag verblassen, Fakten mögen verschwimmen, aber niemand vergisst die Gefühle, die er in bestimmten Lebenssituationen gehabt hat. Wartet das kleine Mädchen Patricia sehnlich auf die Weihnachtsgeschenke, die sich die Mutter zwar nicht leisten kann, aber doch irgendwie besorgt, dann werden die Henkel der Tragetasche, in der sie die Schätze – zwei große Lutscher und zwei kleine handbemalte Holzpinguine − für die Familie nach Hause tragen will, durchgeschnitten und die Tasche gestohlen. Als die Mutter aus dem überfüllten Bus aussteigt, hängt nur noch der Riemen an ihrer Schulter. »Jedesmal fassungslos«, so Patti Smith, erzählte die Mutter die Geschichte immer wieder. Und Patti wird es bis heute schwerfallen, »auf Flohmärkten oder in Billigläden an kleinen Pinguinen vorbeizugehen, als könnte ich so das große Eisfeld füllen, das in ihrem traurigen starken Herzen zurückgeblieben war«.

Sie dringt, was ihre Sozialisation betrifft, tief in eine vergangene Welt ein. Patti Smith, die Künstlerin, die aus Poesie Musik und Theater machte und – wahrscheinlich – dabei niemals ihre Haltung verraten hat und folglich auch immer fest in der Wirklichkeit ihres Lebens und der Verhältnisse geblieben ist. Eine nachdenkliche Revolutionärin, die ihren Platz sucht und der Wahrheit auf den Grund kommen will.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Fred »Sonic« Smith, dem Gitarristen der Protopunkband MC5 (»Kick out the Jams«, 1969), erlebte sie in den 80ern glückliche Jahre, zwei Kinder wurden geboren, zwischenzeitlich verließ sie das Rockgeschäft, aber natürlich schrieb sie weiter – darunter mit dem Stück »Frederick« (1979) eine Liebeserklärung an ihren Mann, die noch heute fest zu ihrem Repertoire gehört. Fred Smith hat auch den Titel »People Have the Power« inspiriert, den sie auf dem Album »Dream of Life« (1988) singt – Menschen haben die Kraft zu träumen, zu herrschen, die Welt den Narren zu entreißen. Verfügt ist, »das Volk regiert!«. Die Single wird kaum im Radio gespielt. Das Album floppt (zumindest in den USA). »People Have the Power« sagt mehr als ihr Song für freie Liebe »Because the Night«, der, vom Koautor Bruce Springsteen interpretiert, zu ihrem meistverkauften Titel geworden ist.

1975 hatte sie sich freigeschwommen. Wenn sie – im ersten Teil ihrer intensiven Version von Van Morrisons »Gloria« − ihr Glaubensbekenntnis ablegt, verbindet sich ihre Herkunft mit einem Wust von Erfahrungen beim Durchbruch zu neuen Ufern. Unzählige Male war ihre Mutter umgezogen, »von Pensionen in möblierte Wohnungen«, allein elfmal in den ersten vier Lebensjahren der Tochter.

All das brach aus der jungen Frau irgendwann heraus, auch die Enge der Glaubensdogmen: »Jesus starb für die Sünden von irgend jemandem, aber nicht für meine« (»Jesus died for somebody’s sins, but not mine«) zitiert sie in »Gloria« ihr eigenes Gedicht »Oath«. Die Zeugen Jehovas, zu deren Treffen sie ihre Mutter (»a devoted Witness«) mitgenommen hatte, ließ sie hinter sich, nachdem ihr dort erklärt worden war, dass im Reich Gottes nach der Apokalypse die Kunst keine Rolle spielen würde. Ab sofort, signalisiert sie mit ihrem Prolog zu »Gloria«, der Liebeserklärung an eine Frau, übernimmt sie »die Verantwortung für meine Entscheidungen im Leben und in der Kunst«. Sie emanzipiert sich, doch werden sie die Traumbilder aus religiösen oder esoterischen Zusammenhängen nicht verlassen.

Nach dem frühen Tod von Frederick Smith – er stirbt 1994 mit 46 Jahren an einer Herzkrankheit – geht die Künstlerin, Schriftstellerin, Musikerin Patti Smith ihren Weg weiter bis heute. Auch darüber schreibt sie in ihrer lesenswerten Autobiographie.

Patti Smith: Bread of Angels. Die Geschichte meines Lebens. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025, 320 Seiten, 26 Euro

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