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Aus: Ausgabe vom 30.12.2025, Seite 12 / Thema
35 Jahre nach der »Wende«

Das Projekt bleibt

Einige Anmerkungen zur Prophezeiung Christoph Heins, von der Deutschen Demokratischen Republik werde nichts bleiben
Von Gerd Schumann
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Die DDR muss weg. Trotz Protesten von Architekten und Denkmalschützern wurde im August 2000 die Großgaststädte »Ahornblatt« auf der Berliner Fischerinsel abgerissen.

»Von der DDR wird nichts bleiben. Sie wird ­vergessen werden wie die Bauernkriege. (…) Von der DDR sind zuallererst die Leute geblieben, aber die sterben gerade aus. Noch ein paar Jahre, dann ist die DDR ein völlig abgeschlossenes Kapitel, an das sich kaum noch jemand ­erinnern wird.« (Aus einem Interview mit Christoph Hein, Der Spiegel, 15/2025)

***

Hätte Christoph Hein mit seiner These, das Thema DDR werde sich quasi biologisch von selbst erledigen, recht, wäre Ilko-Sascha Kowalczuk, seit Jahrzehnten als Spezialist für die Aufarbeitung der »SED-Diktatur« unterwegs, seinen Job los. Davon aber ist nicht auszugehen. Er wird auch weiterhin gebraucht.

Das unterscheidet ihn von der Architektur im Osten. »Berlin reißt die DDR ab!« titelte jüngst der Berliner Kurier (9.12.2025). Als Spezialisten in Sachen Asbest und Restebeseitigung waren die verschiedenen Berliner Regierungen seit der »Wende« nicht untätig. Der Kurier listet auf: Palast der Republik, Stadion der Weltjugend, die Großgaststätte Ahornblatt, das Außenministerium, die Ausstellungsräume am Fernsehturm, das Palasthotel. Derzeit stehen auf der Agenda des dem alten Westberliner Klüngel verbundenen »schwarz-roten« Senats: das Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion in Prenzlauer Berg und das Sport- und Erholungszentrum (SEZ) in Friedrichshain. Teile der Fassade des SEZ wurden jüngst trotz Einwohnerprotesten von Baggern demoliert.

Der Drang, in der Bevölkerung positiv belegte Wahrzeichen der DDR zu beseitigen, hält unvermindert an. Er deutet darauf hin, dass das Thema – zumindest für die Herrschenden – nicht erledigt ist. Am Umgang mit der Geschichte lässt sich stets auch die aktuelle Verfasstheit der Gesellschaft und ihr Zeitgeist erkennen. Warum vor diesem Hintergrund nun gerade Christoph Hein einen Abgesang auf die DDR anstimmt, scheint daher zunächst unerklärlich. Kurz nach der Veröffentlichung im Frühjahr 2025 gelangte sein Roman »Das Narrenschiff« an die Spitze der Bestsellerlisten der Republik. Zwar wurde es jüngst von einer Jury des Spiegels nicht unter den zwanzig »besten Büchern des Jahres« gelistet, doch ist ein derartiges Ranking ja letztlich, im Gegensatz zu den nackten Verkaufszahlen, eine eher subjektive Angelegenheit.

Dass das Buch zum Bestseller werden würde, damit war nicht zu rechnen, und das nicht unbedingt wegen des Romans selbst und dessen in die politische Landschaft passenden Themas, eher wegen des Autors. Zwar besitzt Hein auch 35 Jahre nach der Wende noch einen Namen, die Wirkmächtigkeit seiner Texte hat mit dem Ende der DDR aber deutlich nachgelassen. Andere Themen als die Verfasstheit des nicht mehr existenten Sozialismus sind gefragt. Hein versuchte dem gerecht zu werden, und es gelang ihm sogar – »anders als vielen seiner ostdeutschen Kollegen« (Der Spiegel, 5.4.2025) –, nicht aus der Kulturszene zu verschwinden. Das ist offensichtlich schon viel in Zeiten der kulturellen und künstlerischen Abwicklung der DDR.

Und es klingt fast versöhnlich, bedenkt man die Reaktionen auf Heins 2019 erschienene »Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Krieg« (»Gegenlauschangriff«). Sowohl Spiegel als auch Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) verrissen Hein. Hauptbegründung: Er habe die Unwahrheit geschrieben. Der Vorwurf entpuppte sich bei genauerer Betrachtung allerdings als Vorwand, um die heilige Kuh neudeutscher Geschichtsschreibung nicht zu Schaden kommen zu lassen: Der Autor hatte anhand des Umgangs mit sich selbst die Reduzierung der DDR auf das Thema »Stasi« attackiert.

Scheitern von Beginn an

Sechs Jahre danach nun »Das Narrenschiff«. Diesen Titel zu wählen für ein Werk, das die DDR als »untergegangenen Staat im Ganzen« (Berliner Zeitung, 15.3.2025) erzählt, schien zunächst auf anspruchsvolle Ambitionen des Autors hinzudeuten, seinen Beitrag in die seit einigen Jahren Fahrt aufnehmende Debatte um das Erbe des Arbeiter-und-Bauern-Staats einzubringen. Die Hoffnung wurde enttäuscht. Statt dessen bedient Hein das seit Jahrzehnten vorgestanzte Schwarzweißbild und lässt keinen Spielraum für die dringend notwendige Diskussion über die Schwächen und Fehler eines Systems, das sich als Alternative zum Kapitalismus verstand – von den Stärken ganz zu schweigen. Das »Ship of Fools«, von Jim Morrison 1970 zur Bewusstwerdung besungen, um die Gesellschaft zu verändern, hat zu versinken. Basta. Der Untergang ist determiniert, so Hein, und erweitert den Blick auf die DDR um die auch nicht eben neue Variante einer Zwangsläufigkeit des Scheiterns bereits ab Staatsgründung.

Anhand von drei Biographien, allesamt angesiedelt in einer Art unterer Oberschicht der SED, erzählt Hein vom permanenten Zwang zur opportunistischen Anpassung und dessen bitteren Folgeerscheinungen. Die Bürokraft Yvonne, deren jüdischer Geliebter auf der Flucht vor den Nazis spurlos verschwunden ist, wahrscheinlich ermordet wurde, schlägt sich als ledige Mutter irgendwie durch und entscheidet nach dem Krieg, sich und ihr Kind durch eine Liaison abzusichern. Pragmatisch schließt sie die Ehe mit dem vielfach privilegierten Funktionär Dr. Johannes Goretzka. Protegiert von diesem, wird die unpolitische Frau Parteimitglied, steigt beruflich auf zur Kulturhausleiterin und landet schließlich, um diesen zu bespitzeln, als Stellvertreterin an der Seite des wegen Westemigration stets verdächtigen, zudem jüdischen, kleinwüchsigen und homosexuellen Professors namens Benaja Kuckuck in einem Job, von dem beide keine Ahnung haben.

Kuckuck, einem international anerkannten Anglisten und Germanisten, wird in Ost wie West eine eigene Professur verweigert, im Westen gilt er als Kommunist, im Osten als unsicherer Kantonist. Der Professor arrangiert sich mit den Verhältnissen in der DDR, kommentiert aus zynischer Distanz Parteientscheidungen, pflegt hier und da Männerbekanntschaften und übernimmt die Leitung des Referats für Kinder- und Jugendfilm bei der »Hauptverwaltung Film«.

Johannes Goretzka wiederum, ein versehrter Fahnenjunker-Feldwebel der Hitlerwehrmacht und überzeugter Nazi, der zum Anhänger Stalins wird, macht zunächst Karriere, um dann wegen »Fraktionstätigkeit« in Ungnade zu fallen: Der Ingenieur für Hüttenwesen und Erzbergbau hatte in seinem Job zu viele Fachkenntnisse bewiesen und einem ZK-Beschluss widersprochen. Die Folgen des Parteiordnungsverfahrens wird er trotz aller Bemühungen niemals loswerden.

Der dritte Protagonist, ZK-Mitglied Karsten Emser, 1945 Mitglied der »Gruppe Ulbricht«, wird zum frustrierten, allzeit vorsichtig-misstrauisch agierenden Professor der Hochschule für Ökonomie und gibt dann und wann im engsten Freundeskreis seine Zweifel an verschiedenen Entscheidungen zu erkennen, derweil seine Frau, eine Funktionärin auf Stadtebene, der frustrierten Yvonne Goretzka Anregungen für Konsum und Liebschaften gibt. So weit, so banal. Dass die Hauptpersonen am Ende des Romans verbittert oder von Alzheimer gezeichnet die historische Szenerie verlassen, rundet das Bild vom Untergang des Narrenschiffes ab.

Unterstellt sei, dass Hein tatsächlich seine Charaktere, »die mir auf meinem Lebensweg behilflich waren oder mir Knüppel zwischen die Beine warfen«, kennt und durchschaut hat, wie er in der Mitte seines Romans (S. 384) schreibt. Er erzähle lediglich, was er »mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört habe«. Doch fügen sich zusammengesammelte Eindrücke sehr schnell in die durch den Autor vorgesehene, festgelegte Sichtweise.

Ähnliches gilt auch (»wofür ich mich verbürgen kann«) für seine Darstellung bekannter historischer Eckpunkte der Entwicklung, von der Zeit in Moskau inklusive des Hotels »Lux« Mitte der 1930er Jahre, dem Einsatz der Gruppe Ulbricht 1945, dem 17. Juni 1953, dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, den Aufständen in Polen und Ungarn im selben Jahr, dem Mauerbau 1961, dem 11. ZK-Plenum 1965 und dem Prager Frühling 1968. Unterm Strich entspricht sie dem im Westen schon vor 1989 gepflegten Geschichtsbild. Jedenfalls vermag oder will es Hein nicht, sich mit den Ereignissen gründlicher auseinanderzusetzen.

Das ist zu bedauern angesichts der Bedeutung des renommierten Autors als kritischer Geist und wirft Fragen nach seinen Motiven auf. Immerhin hat sich inzwischen herumgesprochen, dass der Kapitalismus nicht, wie nach Ende des sozialistischen Projekts in Europa propagiert, das Nonplusultra der gesellschaftlichen Entwicklung ist.

Die Suche nach Alternativen läuft, erneut, und Erfahrungen nicht nur aus der nahen Vergangenheit sind gefragt, sogar – trotz allgemeiner Verteufelung – solche die DDR betreffend: Zwar betont, wenn Alternativen diskutiert werden, unter dem Eindruck eines eigenartigen Klimas der Einschüchterung fast jedermann, ein neuer Sozialismus dürfe nicht aussehen wie die DDR; diese wolle nun wirklich niemand zurück. Ungeachtet dessen ist aber ein deutlicher Trend, sich mit der Geschichte des antikapitalistischen Deutschlands auseinanderzusetzen, wahrzunehmen. Dabei lässt sich nicht ausschließen, auch über Herrschaftskonstellationen der Zukunft und deren Grundlagen unter Einbeziehung der DDR-Erfahrungen nachzudenken, über den Privatbesitz an den wichtigsten Produktionsmitteln und von Grund und Boden beispielsweise.

Hein ist mittlerweile 81 Jahre alt. Teile seiner Jugend verbrachte er zwecks Schulbesuchs in Westberlin. Damit war es vorbei, als im August 1961 die Mauer gebaut wurde, er auf dem humanistischen Gymnasium in Westberlin kein Abitur ablegen konnte und dieses dann als Abendschüler in der DDR nachholte, weil er als Sohn eines Pfarrers, so heißt es, die Erweiterte Oberschule nicht besuchen durfte.

Was er vom Bildungsniveau im Sozialismus hielt, bekannte er gegenüber dem Spiegel ganz offen: Konrad Adenauer habe keine Hemmungen gehabt, die alten Nazis in führende Positionen zu bringen und also auch in die Klassenzimmer, »um den Wiederaufbau zu organisieren«, Walter ­Ulbricht dagegen habe dafür gesorgt, dass Nazilehrer entlassen wurden und »sogenannte Neulehrer« eingesetzt. So weit, so gut. Aber: »Das waren irgendwelche Handwerker oder Arbeiter, denen man in einem Kurzlehrgang das Fach beigebracht hatte und die ihren Schülern oft gerade mal eine Stunde voraus waren.« Was war richtig, was falsch? »Es lief in der DDR darauf hinaus, dass große Teile der Funktionseliten recht ungebildet waren, oft nur acht Schuljahre absolviert hatten.«

Nur Illusionen

Hein ergänzt seine Überlegungen zum Bildungssystem mit Einschätzungen zur Ökonomie. »Die Wirtschaftspolitik der DDR basierte auf der Grundannahme, dass man die Inflation per Befehl abschaffen konnte.« Die Preise seien »künstlich (…) konserviert« worden, ob für Brötchen oder Mieten. »Das konnte nicht gutgehen. Das war Narretei, die reine Dummheit.« Ein Narrenschiff von Beginn an eben. Die DDR sei eine der »missglückten Träumereien der Menschheitsgeschichte«, zitiert ihn der Spiegel genüsslich, und Hein unterstreicht es noch einmal. Es sei der Wunsch gewesen, »ein nichtkapitalistisches, antifaschistisches Land aufzubauen«, der Wunsch »nach dieser freien Gesellschaft, mit dem Fernziel des Kommunismus«. Das habe »nicht funktioniert«.

Die Vorstellungen vieler Demonstranten auf dem Alex am 4. November 1989 seien »Illusionen« gewesen, die er nicht habe teilen können. Dazu zählte die Zusammenführung des Besten aus beiden Systemen: »Die soziale Sicherheit der DDR und die Freiheit aus dem Westen – mir war damals schon klar, dass das Unsinn ist.« Dementsprechend ist auch das »Narrenschiff« von Hein, dem pragmatischen Denker ohne Utopien, angelegt.

Nichts also werde bleiben von der DDR, sagt er, und vergleicht deren Streichung aus der Geschichte interessanterweise mit dem Schicksal von Aufständen und Revolutionen in Deutschland. Thomas Müntzer und der »Bundschuh« vergessen wie LPG und VEB. Die Bauernkriege als Analogie zur DDR. Deren 40jährige Existenz als Alternative liegt nun zwar auch schon 35 Jahre zurück, aber sie bewegt doch, entgegen der Heinschen Meinung, weiterhin die Gemüter auch derjenigen, die nicht in ihr sozialisiert wurden oder die sie, wie die Menschen im globalen Süden, nur vom Hörensagen kennen.

Die Oral History – von Generation zu Generation weitergegeben – sorgt dafür ebenso wie diverse Arbeiten, die mit dem Thema differenziert umgehen und die Geschichte des Landes unvoreingenommen untersuchen. Auch die Wiederbelebung verschiedener Projekte der Selbstbetätigung – Ausstellungen, Malzirkel, Arbeitskreise zur lokalen Geschichte und diverse Initiativen für den Erhalt von kulturellen Einrichtungen wie schon des erwähnten SEZ, aber auch von Theatern, Kulturhäusern oder Jugendklubs – deuten darauf hin.

Erzählte Geschichte(n)

Die erzählte »Geschichte von unten« entwickelt sich als Gegengewicht und Korrektiv zum Schwarzweißklischee im Umgang mit der DDR, und sie wirkt generationenübergreifend.

Der Bernhard-Franke-Förderverein in Bitterfeld feierte gerade sein zehnjähriges Bestehen. Franke, Nationalpreisträger der DDR, gehörte als Leiter des Malzirkels im Kulturpalast »Wilhelm Pieck« zu den Protagonisten des Bitterfelder Wegs (»Greif zur Feder, Kumpel!«). Der Verein bemüht sich um dessen Erbe, also auch um einen fairen Umgang mit der Kulturgeschichte der DDR – ein schwieriges Unterfangen zwar, aber doch mit Perspektive, wie beispielsweise die inzwischen zahlreichen Ausstellungen von DDR-Kunst demonstrieren.

Darüber hinaus – und mit überregionaler Wirkung – gibt es zunehmend Anstöße für konstruktive, an der Wahrheit orientierte Sichten auf diverse Sujets. Eine wachsende Zahl von Büchern und Filmen macht von sich reden – Katja Hoyer, Rainer Oschmann, die französischen Historikerinnen Agnès Arp und Élisa Goudin-Steinmann (»Die DDR nach der DDR«), das Interviewbuch zu Frauen in der DDR von Annette Schuhmann (»Wir sind anders!«), Aelrun Goettes Spielfilm »In einem Land, das es nicht mehr gibt«, die Dokumentarfilme über Gerhard Gundermann von Grit Lemke (»Gundermann Revier«) und Richard Engel (»Ende der Eisenzeit«) und, und, und … Authentische Geschichte, die sich nicht orientiert an den vorgestanzten Schemata der bundesrepublikanischen Vorgaben.

Auch Torsten Körners Film über verschiedene Frauenbiographien (»Die unbeugsamen 2 – Guten Morgen, ihr Schönen«) ist hier zu nennen. Er zeigt aber auch die Grenzen des Umgangs mit dem Thema auf. Das Gesetz zur Gleichberechtigung der Frau von 1950, die vollständige Streichung des Paragraphen 218 im Jahr 1972 werden nicht als Folge der alten Forderungen der Arbeiterbewegung gewertet, sondern ökonomischen und propagandistischen Zwecken zugeordnet. Frauen seien lediglich als dringend benötigte Arbeitskräfte benötigt worden, und die DDR habe mit der Abschaffung des Paragraphen 218 bei der westlichen Frauenbewegung punkten wollen, heißt es dort. Ähnliches kann man in bezug auf die antikoloniale Politik der DDR beobachten, die rein pragmatisch gewesen sei und nicht etwa Prinzipien wie Solidarität und proletarischem Internationalismus gefolgt sei.

Grundsätzlich ausgeklammert bleibt die Demokratiefrage: Sie ist unter (Er-)Schlagworten wie »Diktatur«, »Ein-Parteien-System«, »Totalitarismus« abgehakt und scheint in der bürgerlichen Demokratie gelöst. Wege, die von neuen Formen demokratischer Betätigung und Kontrolle handeln, bleiben ausgeklammert. Schließlich hätten Pläne nicht funktioniert, seien lediglich von oben nach unten durchgestellt worden, das Volkseigentum sei nur eine Worthülse gewesen. Demokratie, so die Erzählung, gab und gibt es nur im Westen.

Gegenwartsmisere

An Bedeutung gewinnt die Debatte über das sozialistische Projekt vor allem anhand von dessen sozialen Errungenschaften. Die immer offensichtlicher werdende Unfähigkeit des Kapitalismus, den immensen erzeugten Reichtum zu verteilen, spült inzwischen Themen an die Oberfläche, die ab 1990 tunlichst vermieden oder in die Schmuddelecke des Widersinnigen gestellt wurden. Dazu zählen im Kontext des Wohnraummangels zum Beispiel die Planbarkeit, die Plattenbauweise, der staatliche Umgang mit Grund, Boden, Mieten. Die Stichworte lauten: »Mietendeckel« und Sozialquoten – die die AfD in Berlin-Lichtenberg übrigens, damit sich selbst entlarvend, als »Rückfall in DDR-Strukturen« brandmarkt. Auch die Grundlagen der Misere, die Macht der Immobilienkonzerne inklusive der Forderung nach deren Verstaatlichung, liegen hier und da auf dem Tisch.

Die Frage, warum das DDR-Bashing weiterhin Hochkonjunktur hat, beantwortet sich durch einen Blick auf die neue deutsche Wirklichkeit gewissermaßen von selbst. Je maroder und dürftiger ausgestattet die Universitäten, Schulen und Kitas, je krasser die soziale Deklassierung von Schülerinnen und Schülern aus Arbeiterfamilien, desto stärker wird auch das Bildungssystem hinterfragt. Im Gesundheitswesen, gebeutelt von unzähligen »Reformen«, werden Krankenhäuser geschlossen, die Versicherten zunehmend zur Kasse gebeten, Infrastrukturen auf dem Lande ausgedünnt und inzwischen die Wiedereinrichtung von Polikliniken erwogen und vergleichbare »Ärztehäuser« eröffnet. In Diskussionen um das Krankenkassensystem taucht die Forderung nach einer Struktur oder Einheitskasse ebenso auf wie die nach einer Bürgerversicherung unter Einbeziehung von Selbständigen und Beamten.

Die allgemeine Tendenz nicht nur hierzulande, Staatsausgaben umzuschichten zugunsten von Industrie, Banken, Hyperreichen und Rüstungskonzernen, erzeugt eine zunehmende Verelendung größerer Teile der Bevölkerung und allgemeine Frustration. Unter Berlins Brücken und anderswo im Freien oder in Massenquartieren werden absehbar 100.000 Wohnungslose leben. Die Suppenküchen können den Ansturm schon jetzt nicht mehr bewältigen.

Tatsächlich bringt der außenpolitische Irrsinn, als Lehrmeister der Welt »werteorientierte«, zudem doppelzüngig praktizierte Strategien zu verfolgen und als Teil der US-Konfrontationspolitik vor allem gegen China zu agieren, viele Unternehmen ins Wanken. Er ist zudem ökologischer Frevel und nimmt eine verstärkte Abhängigkeit von Washington in Kauf. Unbeherrschbare Preissteigerungen mit einer zunehmenden Verarmung folgen.

Dass vom Boden der DDR kein Krieg ausging und das Land die antikolonialen Befreiungsbewegungen unterstützte, dringt hierzulande kaum noch durch. War es deswegen falsch? Ehemals koloniale Abhängigkeiten lösen sich zunehmend im Kräftefeld neuen Selbstbewusstseins des Südens und dem Einfluss globaler Gegenpole auf. Die europäischen Kolonialmächte – und in deren Tradition auch die BRD – sowie die USA isolieren sich zunehmend, derweil sich der DDR positiv erinnert wird. Noch heute kann man viele Fachleute in Mosambik, Angola, in Jemen, Ägypten, Syrien und anderswo treffen, die Deutsch sprechen. Heins Prophezeiung jedenfalls, die DDR werde schnell vergessen werden, entbehrt ihrer Grundlagen mindestens so lange, wie sich das kapitalistische System als unfähig erweist, die Probleme der Gegenwart und Zukunft hier wie dort zu lösen.

Nie Klassenbester

Solche Überlegungen kommen im »Narrenschiff« nicht vor. Wohin der Autor in seinem Roman den Hasen laufen zu lassen gedenkt, hat er schon im Einstieg mit einer knappen wie platten Anekdote vorgegeben. Die beste Erstklässlerin einer Schule, die nach dem Präsidenten des Landes benannt ist, wird während einer Feierstunde neben dem Namensgeber plaziert. Natürlich handelt es sich, auch wenn Hein den Namen ausspart, um Wilhelm Pieck, und der wiederum, bekannterweise ein gelernter Tischler, vertraut dem Mädchen namens Kathinka »ein kleines Geheimnis« an: Er sei nie Klassenbester gewesen. Woraufhin das Mädchen ihn fragt: »Warum sind Sie dann der Präsident und nicht der Klassenbeste?«

Zum Abschluss des Romans taucht Kathinka, nunmehr rundum glücklich im Westen der unbegrenzten Möglichkeiten angekommen, wieder auf. Sie findet eine Postkarte, »auf der ein dicker alter Mann neben einem kleinen Mädchen in einer Stuhlreihe saß«, gedruckt vor vier Jahrzehnten in einem DDR-Verlag. »Sie drückte einen Kuss auf das Foto, dann zerriss sie die Postkarte in kleine Schnipsel und warf diese in den Papierkorb.« Einfach entsorgt. Einfach?

Gerd Schumann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 2. Juli 2025 über Patrice Lumumba: »Antikoloniale Schlüsselfigur«

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  • Leserbrief von Monika Strauß aus Bad Soden am Taunus (5. Januar 2026 um 15:43 Uhr)
    Mit diesem Artikel spricht Gerd Schumann aus meiner Seele als gelernte DDR-Bürgerin. Seit dem Anschluss der DDR an die BRD vor 35 Jahren haben die Herrschenden und ihre Protagonisten nichts anderes zu tun, als unermüdlich die DDR, deren Wirtschaft, Sozialpolitik und Kultur zu diskreditieren. Soziale Errungenschaften werden miesgemacht. Suggeriert wird, die Menschen seien nur Zwängen unterlegen gewesen. Es gab viele fleißige und bewusste Menschen, deren Arbeit und Leistungen nun entwertet werden. Nichts, was den Ruch des Sozialismus trägt, darf übrigbleiben. Und so darf nichts bleiben, denn alles steht unter Verdacht. Und diese Angriffe verschärfen sich mit den zunehmenden Krisen in der kapitalistischen Wirtschaft und dem Schleifen des Sozialstaates. Doch Erinnerungen an das Projekt bleiben und Fragen nach Alternativen zum unsozialen Heute werden wieder lauter. Das »Narrenschiff« von Christoph Hein scheint sich großer Nachfrage zu erfreuen. Anfang November 2025 erhielt ich die Lektüre erst nach wochenlangem Warten in der Stadtbücherei meiner hessischen Kleinstadt. Hein ist einer der wenigen DDR-Autoren, die im vereinten Büchermarkt mit neuen Werken erscheinen dürfen, und daher zieht jedes neue Buch das Interesse auch von Nicht-Hein-Enthusiasten wie mir an. Nicht zuletzt mit dem »Narrenschiff« schreibt Hein für den westbundesdeutschen Leser. Er klärt nicht auf, er trägt zur Zementierung von Denkmustern bei, die die DDR verunglimpfen.
  • Leserbrief von Manfred Pohlmann aus Hamburg (5. Januar 2026 um 15:09 Uhr)
    Glückwunsch zum Artikel von G. Schumann. Große Klasse! Ein gutes Beispiel für eine kurze, klare und ganzheitliche Betrachtung von Zeitgeschichte. Als gelernter Bundesbürger konnte ich beim Übergang der DDR zur Bananenrepublik persönliche Eindrücke gewinnen, die das von Hein Geschilderte und nun durch die Westbrille betrachtete Bild der DDR für mich grundlegend anders aussehen lassen. Zwei prägende Eindrücke vorweg. Als Besucher der Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 konnte wer wollte an vielen Diskussionen live verfolgen, mit welchen unterschiedlichen schulischen Vorprägungen die FDJler und West-Jugend-Funktionäre aufeinandertrafen. Kein Wunder, dass im Nachhinein die Wessis von DDR-Jugendlichen als ziemlich begrenzt gebildet wahrgenommen wurden. Ein anderes Beispiel. Ich hatte das Glück, als Referent eines westdeutschen Unternehmensberaters einige Monate lang Seminare in den »neuen Bundesländern« durchführen zu können. Auftrag war, die neuen Bundesbürger:innen ideologisch wieder auf den rechten (!) Weg zu bringen. So waren sehr oft auch ehemalige Funktionsträger wie NVA-Offiziere und VEB-Direktoren die Adressaten! Das Referent:innenen-Team aus dem Westen setzte sich aus überwiegend jungen pädagogisch gebildeten Akademiker:innen verschiedener Fachrichtungen zusammen. Darunter befand sich u. a. auch einer, der den Seminarteilnehmer:innen in seinen Seminaren stundenlang Reden von Adenauer und Erhard als Zeugen des westdeutschen »Wirtschaftswunders« vorspielte und der am Ende des Tages außer Kopfschütteln der TN dem Servicepersonal noch leere Schnapsflaschen hinterließ. Ein anderer Referent musste aus dem Verkehr gezogen werden, weil dessen Bildungsstand derartig katastrophal war, dass die TN ihn auslachten und er mit hochrotem Kopf kopfüber aus dem Team herausgenommen werden musste. Ein Wort noch zu den Junglehrern. »Das waren irgendwelche Handwerker oder Arbeiter, denen man in einem Kurzlehrgang das Fach beigebracht hatte und die ihren Schülern oft gerade mal eine Stunde voraus waren.« Lieber eine Stunde voraus im Sinne von Frieden und Völkerverständigung als ein ganzes Leben im Sinne von Rassen- und Klassenhass mittels Verblendung und Verbildung. Hier ist nicht der Platz, um über die Kultur, sprich Literatur, Popmusik und Formen der täglichen Kommunikation in der DDR zu schreiben. Wäre aber m. E. ein sehr lohnendes Projekt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marian R. (30. Dezember 2025 um 13:26 Uhr)
    Leider stimme ich Herrn Heins Aussagen aus dem eingangs zitierten Interview zu - denn auch die Schrecken des 2. Weltkrieges, der Mord an den jüdischen Gläubigen usw. stehen zwar im Geschichtsbuch, haben aber keine realen Auswirkungen auf Verantwortliche und deren Wähler. Viele »Ossis« jammern heute, haben aber 1990 mit voller Kraft und vollem Bewusstsein (Staatsbürgerkundeunterricht) ihr Heimatland DDR verraten und verkauft. Und wenn nun Nachgeborene über die DDR reden, stört das die Herrschenden nicht, denn dadurch entsteht keine Wirkmächtigkeit, sondern die DDR bleibt dank Entpolitisierung eine nette Episode auf dem Niveau der Zeitschrift 'Super-Illu', deren systemstabilisierende Funktion für die BRD Thema einer Doktorarbeit sein sollte.

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