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»Grüner Marsch«

Spanien im Zwiespalt über den Kolonialismus

US-Thinktank fordert Madrid zur Rückgabe afrikanischer Gebiete auf

Foto: GRANGER Historical Picture Archive/IMAGO
Wer sich nicht versklaven lassen wollte, wurde lebendig verbrannt: Illustration über den spanischen Kolonialismus (circa 1600)

Die spanische Monarchie ist bis heute um Weißwaschung der historischen Kolonialverbrechen auf dem amerikanischen Doppelkontinent bemüht. Auch wenn sie Bedauern äußert. Am Montag besuchte König Felipe VI. gemeinsam mit dem mexikanischen Botschafter Quirino Ordaz die Ausstellung »Die Hälfte der Welt. Frauen im indigenen Mexiko« im Nationalen Archäologiemuseum in Madrid. Dabei ließ er sich laut Onlinezeitung El Independiente zu der Anmerkung hinreißen, dass die katholischen Herrscher seines Landes zwar versucht hätten, die Bevölkerung der eroberten Gebiete durch Gesetze zu schützen. Doch seien diese nicht wie beabsichtigt befolgt worden, und es sei zu »viel Missbrauch« gekommen.

Ein Schuldeingeständnis, wie es Mexikos damaliger Präsident Andrés Manuel López Obrador 2019 vergeblich in einem Brief an Felipe gefordert hatte, oder auch nur eine Kritik am Kolonialismus ist dies nicht. Doch offensichtlich glauben neokonservative Stimmen in den USA tatsächlich, dass Spanien ins antikoloniale Lager gewechselt ist. Hat sich doch Premierminister Pedro Sánchez mehrfach gegen die US-amerikanisch-israelischen Kriege in Nahost positioniert und auch ein paar Strafmaßnahmen auf den Weg gebracht. Jedenfalls fordert der frühere Pentagon-Mitarbeiter Michael Rubin Sánchez auf, »seinen antikolonialen Worten Taten folgen zu lassen und Spaniens Besetzung Afrikas zu beenden«. Mit »Afrika« sind in seinem am Montag auf der Webseite des neokonservativen Thinktanks American Enterprise Institute for Public Policy Research (AEI) veröffentlichten Text vor allem die beiden seit Jahrhunderten zu Spanien gehörenden, ursprünglich marokkanischen Städte Ceuta und Melilla gemeint.

Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, argumentiert Rubin, dass Marokkos König »Mohammed VI. sich wieder dem Geist des ›Grünen Marsches‹ verpflichten sollte«. So wie Rabat 1975 Hunderttausende Staatsbürger an die Grenze der spanischen Kolonie Westsahara brachte, um sie dann dort einmarschieren zu lassen, sollten die Grenzbefestigungen um die beiden Städte »mit Bulldozern eingerissen« werden, um dann in ihnen »die marokkanische Fahne zu hissen«, schreibt Rubin. Allerdings unterschlägt der Politikberater, dass Marokko die Westsahara weder »gewaltlos« noch gar auf legale Weise besetzte. Der »Grüne Marsch« war eine Propagandashow, die von einer gleichzeitigen militärischen Invasion ablenken sollte. Der darauffolgende Konflikt mit der Westsahara-Befreiungsfront Polisario ist bis heute nicht beendet – zumal die USA und auch Spanien die völkerrechtswidrige marokkanische Besetzung des Gebiets unterstützen.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.03.2026, Seite 6, Ausland

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