Palantir trainiert in Gaza
Von Jakob Reimann
Gaza dient einmal mehr als Labor für den militärisch-industriellen Komplex. Am Tag des Inkrafttretens des sogenannten Waffenstillstands zwischen Israel und der Hamas richteten die USA am 10. Oktober 2025 in Kirjat Gat im Süden Israels das Civil Military Coordination Center (CMCC) ein, um die Umsetzung des 20-Punkte-Plans des US-Präsidenten zu überwachen und die Versorgung der palästinensischen Bevölkerung in der abgeriegelten Enklave zu koordinieren. Im CMCC-Hauptquartier verfügt auch ein führender Konzern aus dem Silicon Valley über einen »ständigen Arbeitsplatz«: Palantir Technologies. Dies geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Untersuchung der US-Plattform Drop Site News hervor, die sich auf drei Quellen aus diplomatischen Kreisen innerhalb des CMCC stützt. Die Aufgabe des »Riesen im Bereich Datenanalyse mit künstlicher Intelligenz« sei demnach die Bereitstellung der »technologischen Architektur für die Verfolgung der Lieferung und Verteilung von Hilfsgütern nach Gaza«, heißt es dort.
Mittels Drohnen würde Palantir Hilfskonvois und Verteilungen innerhalb Gazas verfolgen und »konvoi- und verteilungsbezogene Daten« in die Systeme des Unternehmens einspeisen, so die Quellen. Die Präsenz von Palantir und anderen Privatunternehmen führe laut Experten zu einer Situation, »in der die Bereitstellung von Hilfslieferungen in den Hintergrund tritt und statt dessen Profitinteressen, Investitionen und das Training von KI-Produkten in den Vordergrund rücken«, heißt es bei Drop Site News weiter.
Viele etablierte NGOs wie »Ärzte ohne Grenzen«, das Norwegian Refugee Council oder Oxfam seien durch die israelische Regierung aus Gaza verbannt worden. Die Einbindung eines Unternehmens aus der Riege rechter Techmilliardäre wirft Fragen in Hinsicht auf Datensicherheit, Überwachung von Zivilpersonen und das Hineindrängen privater Kapitalinteressen in genuin humanitäre Notlagen auf. »Die Vereinten Nationen verfügen bereits über eine humanitäre Architektur, die in Krisensituationen im Einklang mit humanitären Grundsätzen und auf Grundlage des Völkerrechts eingreifen kann«, sagte die UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese, gegenüber Drop Site. »Dieses profitorientierte Parallelsystem, an dem Unternehmen wie Palantir beteiligt sind, die bereits mit Israels völkerrechtswidrigem Handeln in Verbindung gebracht werden, kann nur als Monstrosität bezeichnet werden.«
Palantir kooperiert mit globalen Konzernen, darunter Techriesen wie Space X, Open AI und Amazon, sowie mit den weltweit größten Rüstungskonzernen Boeing, Lockheed Martin, Northrop Grumman und General Dynamics. In der BRD gehören SAP, die Rüstungsfirma Helsing sowie der Axel-Springer-Verlag zu den Partnern. Ab Mitte der 2000er Jahre erhielt das Unternehmen Multimillioneninvestitionen von der CIA, den US-Streitkräften sowie der Einwanderungsbekämpfungsbehörde ICE und stieg »zu den prägenden Unternehmen des sogenannten ›Kriegs gegen den Terror‹« auf, heißt es in einer Analyse des US-Magazins The Nation; seine Produkte fanden »ihren Weg auf die Schlachtfelder Afghanistans«.
Nach einem Treffen zwischen den Gründern Peter Thiel und Alex Karp mit israelischen Regierungsvertretern trat Palantir im Januar 2024 in eine »strategische Partnerschaft« mit dem israelischen Verteidigungsministerium ein, meldete das Wirtschaftsmedium Bloomberg damals. Man habe sich darauf verständigt, »die fortschrittliche Technologie von Palantir zur Unterstützung von kriegsbezogenen Missionen einzusetzen«, erklärte der geschäftsführende Vizepräsident Joshua Harris gegenüber Bloomberg. Der Völkermord gegen die Menschen in Gaza lief zu dem Zeitpunkt seit drei Monaten. Palantir sei »stolz auf seine Partnerschaft mit dem (israelischen) Staat«, heißt es bei The Nation weiter. Im Monat der Bekanntmachung der Kooperation »prahlte« CEO Karp bei einem Treffen mit Israels Präsidenten Isaac Herzog »mit Israels großer Nachfrage nach Palantir-Produkten«. Nach dem Überfall der USA und Israels auf den Iran am Wochenende hat Israel sämtliche Grenzübergänge nach Gaza für Personen und Hilfen vollständig geschlossen. Die Arbeitsbelastung für Palantir dürfte sich deutlich verringern.
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