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28.04.2026
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»Grünes Licht« für Abschuss
Gaza: Britischer Söldner beschreibt perfides System aus Entmenschlichung und Tötungen an Verteilzentren für Hilfslieferungen
Es waren zutiefst erschütternde Szenen, die sich im Sommer vergangenen Jahres an angeblich zur Verteilung von Hilfslieferungen vorgesehenen Zentren im abgeriegelten Gazastreifen abspielten. Verzweifelte Menschen rannten in Massen Hunderte Meter, oft Kilometer weit, um etwas Nahrung für ihre Familien zu ergattern. Dabei gab es ein System aus »rotem Licht«, gefolgt vom »berüchtigten grünen Licht« – jenen Phasen, in denen es den Betroffenen für eine knappe Stunde erlaubt war, sich den Ausgabestellen zu nähern.
Der britische Soldat David McIntosh koordinierte für die für die »Gaza Humanitarian Foundation« (GHF) Verteilungen an der »Site 4« in Zentralgaza. In einem Interview mit der Londoner Organisation Declassified UK von Mitte April teilte er Aufnahmen, die die Anwendung des beschriebenen Farbsystems belegen sollen. »Das ist einfach krank«, sagte der ehemalige Elitesoldat vom Royal Marines Commando gegenüber dem Journalisten Alex Morris. Diese entmenschlichenden Szenen brachten dem System den Spitznamen »Squid Game« ein, nach der dystopischen Netflix-Serie von 2021, in der Teilnehmende einer Fernsehshow beim Kinderspiel »Tintenfisch« tatsächlich erschossen werden, wenn sie nach Ertönen eines Signals nicht sofort stillstehen.
Die Operation der privatwirtschaftlichen GHF lief von Mai bis Oktober 2025. Die Hilfsorganisation »Ärzte ohne Grenzen« verurteilte die Zentren als Orte »orchestrierter Tötung und Entmenschlichung«. Laut Gesundheitsministerium in Gaza wurden in diesem Zeitraum mehr als 2.600 Palästinenser an oder in der Nähe von Hilfsverteilungsstellen und UN-Konvois getötet und über 19.000 weitere verletzt. Nicht erschossen zu werden war jedoch noch lange kein Garant dafür, auch Nahrung zu ergattern. Denn die Rationen waren viel zu knapp bemessen, erklärte McIntosh. Die in einem Video gezeigten Lieferungen hättten nicht einmal für ein Fünftel der Personen an diesem Tag gereicht. In einer Aufnahme ist während einer Phase grünen Lichts Maschinengewehrfeuer zu vernehmen. McIntosh war nach Eigenaussage in der Vergangenheit in Afghanistan, Libyen und »überall« stationiert, doch in keinem anderen Kriegsgebiet habe er »soviel Gewehrfeuer und Bombenabwürfe« mitbekommen. »Es hört einfach nicht auf.«
Bereits im März hatte McIntosh auf Instagram mehrere Videos veröffentlicht, die Hunderte durch eine Trümmerlandschaft in Gaza hetzende Personen zeigen. Er beschrieb die »willensstarken Palästinenser, die sich ihrer Angst nicht beugen und ihre Familien nicht verhungern lassen«. »Ich hatte das Glück, in Gaza zu helfen«, schrieb McIntosh zu den Videos. Seinen »amerikanischen Kameraden« könne er nichts vorwerfen. Doch auch den privaten Söldnern der GHF wurden entsprechende Angriffe zur Last gelegt. So beschuldigte ein weiterer GHF-Whistleblower einen Kollegen, von einem Wachturm aus mit einem Maschinengewehr das Feuer auf eine Gruppe von Frauen, Kindern und älteren Menschen eröffnet zu haben, weil diese sich zu langsam bewegte, wie BBC im Juli 2025 berichtete.
Die Soldaten der israelischen Armee im Umfeld der Ausgabestellen befanden sich laut McIntosh »allerdings auf einem anderen Niveau von Bosheit: Sie schießen offen zum Spaß auf Zivilisten.« Auch auf die US-Amerikaner hätten die Israelis gefeuert, das war »Standardverfahren«. Das israelische Militär hatte »finstere Motive und versuchte unsere Arbeit zu sabotieren«, schrieb er und warf den israelischen Soldaten »Kriegsverbrechen« vor: »Ich habe es wirklich noch nie mit solch verdrehten, kriecherischen Köpfen zu tun gehabt wie diesen!« Ein weiteres Foto zeigt einen Graben, in dem sich Hunderte Menschen zusammenkauern, um Schutz vor den Salven zu finden. Ebenfalls Mitte April schilderte McIntosh gegenüber der Journalistin Rhana Natour von den Medienhäusern Drop Site News und Middle East Eye den Fall eines etwa zwölfjährigen Jungen, dem es gelungen war, ein Hilfspaket zu ergattern. Da er sich nicht sofort von der Verteilstelle entfernte, feuerten GHF-Söldner eine Blendgranate. Minuten später hätten israelische Scharfschützen ihm nahe der Brust in die Schulter geschossen. Schwerverletzt schleppte er sich zu einer nahegelegenen Brücke, bevor er zusammenbrach. »Er wurde ermordet«, so McIntosh. »Er wurde kaltblütig ermordet.«
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