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18.03.2026
- → Feuilleton
Die Sprache beim Wort nehmen
»Bäumchen, wechsel dich« in der mongolischen Parteienlandschaft: Elias Hirschls Roman »Schleifen«
Im Anfang war das Wort, haben manche auf ihrem Grabstein stehen. Seit Gott – der laut Peter Hacks ein ziemlich gutes Buch geschrieben hat – uns diese Note hinterließ, ist einiges an Sottisen den Sprachfluss hinabgegangen. Nunmehr stecken wir in einer »Umbruchszeit«, schreiben Hannes Bajohr und Ann Cotten im Editorial des von ihnen herausgegebenen Sammelbandes »Schreiben nach KI« (Verlag Matthes & Seitz, 2025): »nach der Einführung großer Sprachmodelle, vor ihrer völligen lebensweltlichen Normalisierung«.
Gelesen wird – Tiktokuntertitel, wenn man man grad keine Kopfhörer reinstöpseln kann. Munter werden Prompts in Chat-GPT, Gemini und Co. gehackt. Fakten sind überwunden, dank der ausschließlich auf Perspektiven setzenden Identitätspolitik von links, »Mitte« und rechts. Diplomatie ist out und geht höchstens noch auf Chinesisch.
Es nimmt also nicht wunder, dass vergangenes Jahr in Dietmar Daths opulentem Roman »Skyrmionen. Oder: A Fucking Army« (Verlag Matthes & Seitz, 2025) ein neuer Anlauf genommen wird, den Turm zu Babel doch noch hochzuziehen – als dem Menschen dienende Maschine aus Sprache. Und auch Elias Hirschls neuer und siebter Roman »Schleifen« nimmt sich der Frage an, ob der junge Ludwig Wittgenstein des »Tractatus logico-philosophicus« (1921) recht hatte, wenn er geografisch wurde: »Die Grenzen der Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.«
Grenzübertritte gibt es in »Schleifen« allenthalben: »Franziska Denk hatte die Pest.« Schon der erste Satz verweist auf Sprache als materielle Gewalt. Denn Denk war erkrankt, weil der Begriff »Pest« in einem Gespräch gefallen war, dem sie beiwohnte. An jedem Leiden, dessen Namen es vernimmt, erkrankt das Kind einer Angehörigen des Wiener Kreises und eines exkommunizierten katholischen Missionars. Die Familie flieht 1936 nach der Ermordung des zum Kreis zählenden Physikers und Philosophen Moritz Schlick durch einen ehemaligen Studenten vor dem Austrofaschismus gen USA. Denks Vater geht kurz darauf auf einer polynesischen Insel beim Missionieren hops. Ihre Mutter baut psychisch zunehmend ab und gerät in eine selbst zu einer solchen werdenden Möbiusschleifenmanie.
Eine ihrer Abhandlungen wiederum liest der junge Mathematiker Otto Mandl, der sich von Österreich aus vergebens müht, von den Instituten der deutschen Nazis anerkannt zu werden. Die sind derweil damit beschäftigt, eine ihrer Ideologie entsprechende Mathematik zu entwickeln, mit dem Ziel des »arische(n) Gebrauch(s) von Zahlzeichen«. »Die Länge des Fortbestehens des Deutschen Reiches in Jahren per definitionem (als) die größtmögliche Zahl« festzulegen, war einer der Vorschläge, die, anders als Mandls »iterative Räume«, an den Lehrstühlen des Reichs Gehör finden.
Mandls Brief an Franziska Denks Mutter wird der Tochter zugestellt, da diese sich nunmehr in derselben Klinik aufhält wie die Frühverschiedene. Denk und Mandl beginnen eine Brieffreundschaft, werden ein Paar und geben der der Tratschindustrie zuarbeitenden Forschung den Auftrag mit, herauszufinden, ob sie denn auch miteinander vögelten. Die Sprache jedenfalls suchen sie rigoros zu züchtigen und eine für den gesellschaftlichen Gebrauch gänzlich ungeeignete Nicht- und »Objektsprache«, eine Menge aus Unikaten, einzuführen: »Das Zeichen verortet seinen Signifikanten, also dieses kleine abgebrochene Stück des Ziegelsteins, bis ins kleinste Detail im vierdimensionalen Koordinatensystem des Universums.«
Die Welt in ihren Grenzen erschüttert dagegen Denks sprachfeindliche Sekte. Auch die kann nicht nicht kommunizieren, doch geben sich die Nonverbalistinnen und Nonverbalisten bei ihren Selbstmordattentaten und der stummen Haustüragitation (un-)redlich Mühe.
Elias Hirschl ist hauptsächlich Satiriker – und Satiren stehen oft im Ruch, hinterhergeschmissen zu sein. Der Versuch des 32jährigen Wieners, mit »Salonfähig« (Paul-Zsolnay-Verlag, 2021) Patrick Bateman in die FPÖ zu transferieren, scheiterte auch daran, dass Bret Easton Ellis’ »American Psycho« (1991) selbst als Satire einer Zeit ins Schwarze traf, in der der Kapitalismus sich gerade beklopptsiegte. Als mit Macht jonglierender Arschlocharchetyp eignet sich der Psycho wenig. Hirschls Nachfolgeroman »Content« (ebd., 2024) wiederum klatschte beidhändig die meterlangen Regalreihen ab, für die sich bereits an den tief hängenden Früchten der Absaufende-Welt-Dystopie und der Social-Media-Hölle bedient worden war.
»Schleifen« dagegen ist nicht nur weniger plakativ, sondern auch kein Nachtrag zu Unsäglichem, das literarisch wenig tragfähig, weil allzu oft schon selbst schlechte Literatur ist. Hirschl überdreht die Wirkmacht von Literatur und Sprache, wenn Denk ein Buch veröffentlicht, das heißt wie eine mongolische Partei. Die ist zu dem Zeitpunkt die drittstärkste im Parlament, erhält jedoch durch das Prosawerk einen Popularitätsschub und ist nunmehr stärkste. Zwei Lösungen bieten sich an, sich aus dem »Bäumchen, wechsel dich« zu befreien: Die Mongolei benennt sich nach einem baltischen Staat um, oder der Parteipluralismus wird abgeschafft.
Die Sprache beim Wort genommen: Deutlicher noch wird, wie gleichsam illusionslastig und alternativlos es ist, auf Kommunikation zu setzen, als die »Schleifen«-Erde von Scheinplacebos geflutet wird. Die Medikamente sind frei von Wirkstoffen, doch der Beipackzettel schildert, was die jeweiligen Pillen auslösen. Das führt nicht nur zu grassierendem Missbrauch und der unmittelbaren Nutzbarmachung für militärische Zwecke, sondern auch zu unliebsamen Hauptwirkungen: Schmerzmittel etwa radieren die Nozizeption gänzlich aus, da kann man sich auch schon mal versehentlich einen Körperteil abtrennen. Andere Pillchen lassen dieses oder jenes faktisch in der Welt Existente ausblenden. Eine Rückbindung zur Sprache: Etwas, von dem man keinen Begriff hat, kann man nicht einordnen und überhaupt nur dann ausmachen, wenn es einem auf die Füße fällt, so denn die Schmerzrezeptoren noch funktionieren.
Die testet Hirschl – der sich aus seiner Poetry-Slammer-Haut nicht ganz pellen mag – manchmal doppelt und dreifach: Wenn Denk kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Essay Komponist John Cage »unverblümtes kulturelles Aneignen« vorwirft, wird schnell klar, dass hier absichtlich Schmu gemacht wurde. Noch deutlicher wird es, wenn die Antilinguistin den »Islamischen Staat« verhandelt, ehe es diesen überhaupt gibt. Fraglich ist nur, welcher Ebene der Fehler anzukreiden ist, wenn die Dschihadisten bei der Namenssuche auch angeblich das pejorativ und von außen an die Kopfabschneider herangetragene Akronym Daesch erwogen hätten.
Ausnahmsweise mal wirklich geschenkt, denn es wird eh anders werden. Mit, Pi mal Daumen, Sprache und Menschheit überhaupt beginnt in »Schleifen« die »Verblumung« aufzuräumen, und die Satire auf Hegels Kunst- und das Kommunismusverständnis Kommunismus verschmähender Leute beginnt mit der Monoindividualisierung des Menschen.
Vorher noch werden Zeit- und allerlei andere Einheiten kaputtflexibilisiert, über die höchstmögliche Zahl gezankt und darf der arg vom Kurt-Wolff-Verlag drangsalierte Franz Kafka sich gegen die Lüge als Weltordnung aussprechen und die wirklich unendliche Geschichte schreiben. Weil die nicht vorliegt, gilt es, Elias Hirschls »Schleifen« zu lesen.
Elias Hirschl: Schleifen. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 2026, 416 Seiten, 26 Euro
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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