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Aus: Ausgabe vom 10.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Bekleidungen eines Unpolitischen

Brüchiger Biedermeier: Leif Randts neuer Roman »Let’s talk about feelings«
Von Ken Merten
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Freie Basecapwahl für freie Bürger: Leif Randt

Der böseste Scherz des Verlags ist nicht das Buchcover, das an eine Twentysome­thing-Schnulze von Netflix Anfang der 2020er gemahnt. Den Deckel sieht man schließlich beim Lesen von Leif Randts »Let’s talk about feelings« nicht. Kiepenheuer & Witsch aber werden realitätsnah fies, wenn sie den Strichcode der Rückseite bis über den Rand ziehen und man gegen Ende jeder ungeraden Romanseite aufs Auge gedrückt bekommt, dass man hier eine Ware verknuspert.

Wir erinnern uns: Der gebürtige Mainfrankfurter Leif Randt ist mit Anfang 40 und nunmehr fünf Büchern einer der hiesigen Autoren, an denen kein Feuilleton vorbeikommt. Auch und besonders nicht das politisch interessierte, sind gerade doch die mit brüchigem Biedermeier tapezierten Romane Randts als elegant vollzogene Rückzugsgefechte aus dem Weltgeschehen von Interesse.

In »Schimmernder Dunst über CobyCounty« (2011) etwa plätschert das Leben warenförmig vor sich hin; der Kommunismus scheint erreicht, ohne dass man ihn hätte mühsam einrichten müssen. Vor Entfremdung ist man hin- und an den Badestrand getapert. Ähnlich der Nachfolgeroman »Planet Magnon« (2015), diesmal aber im Weltraumformat. »Allegro Pastell« (2020) dann war das Lieblingsgesprächsthema der Lesenden hierzulande, schließlich kam er mit der Coronapandemie und den damit einhergehenden Spaziergängen zu zweit. Mit »Allegro Pastell«, dessen Verfilmung vergangenes Jahr gedreht wurde und noch seiner Kinopremiere harrt, war man zu zweit allein im Merkeldeutschland der 2010er: Die Zufriedenheit ist mehrheitlich, das Leben erträglich und bewusst soweit genießbar. Leitfrage: Was wäre, wenn es nur noch um Privates ginge? Die Welt als Union und Vorstellung.

Wie »Planet Magnon« auf die dystopische Utopie »Schimmernder Dunst über CobyCounty« folgte, kommt nun nach dem hübschen Sozialunrealismus »Allegro Pastell« der neue Roman »Let’s talk about feelings« – als gäbe es doch noch ein Danach und müsste einiges korrigiert werden.

Denn die Dinge entwickeln sich nicht zum Guten: Marian Flanders verliert im fernen Jahre 2025 im Alter von 42 seine Mutter nach nicht schön verlaufener Krankheit. Diese überstrahlte als Model in Sachen Berühmtheit noch Marians Vater, einen ehemaligen ARD-Nachrichtensprecher: »Realistisch betrachtet könnte Milo Coen der heimliche Schwarm von zwei bis drei, vielleicht auch fünf bis sechs Millionen deutschsprachigen Frauen gewesen sein, sowie vielleicht achthunderttausend schwulen Männern.« Marian dagegen backt als Boutique­betreiber in Berlin-Schöneberg kleinere Schrippen. Das Geschäft läuft mäßig, der Verkauf hochwertiger Plagiate aus China entpuppt sich als rechtlich heikel. Dabei ist sonst alles sozialdemokratesk tutti: Bernie Sanders durfte zwei Legislaturen US-Präsident sein und wird nun von einem jungen Republikaner abgelöst. Der »queerfeindliche russische Präsident« wurde bereits vor Jahren von Farbrevolution und Polizeiputsch entmachtet. Es herrscht das liberale Paradies auf Erden, so, wie es vor noch 200 Jahren gedacht sein mochte; denn man darf wieder etwas »prollig« finden, ohne vom Hygieneamt den Mund ausgespült zu bekommen, und sich sogar dem Fleisch- und Drogenkonsum ungehemmter widmen. Selbst der anstehende Rechtsruck, der sich im Wahlerfolg der »Libertären« ausdrückt, ist wohlig, weil Bestandteil des pluralistischen Puppenspiels. Eines der vielen Motti, allesamt Zitate des Romanpersonals, ist von der neugegründeten Progress-Partei angehörenden Bundeskanzlerin Brinkmann: »Ich lasse mich gerne von einem intelligenten Sprachmodell ablösen, aber unter keinen Umständen von den Libertären.«

Deutschland, aber verträglich? Wo das Bürgertum als herrschende Klasse aus der allgemeinen Krise unversehrt hinten wieder herauskommt, kann Marian sich mit neopubertärer Midlife-Crisis und persönlichen Verlustschmerzen beschäftigen und das wiederum als Ideologie restaurieren: »Im Apolitischen, fand Marian, lag eine besondere, bindende Kraft, die ein friedfertiges Miteinander überhaupt erst möglich machte. Nur wer in der Lage war, nicht in politischen Kategorien zu denken, konnte sich offen unterhalten und andere wirklich kennenlernen. Auch modisch schienen ihm jene Gesellschaften anregender zu sein, in denen es weniger klar markierte Positionen gab.«

Freie Kleiderwahl für freie Bürger: Der ödipal angeknackste und das Erwachsenwerden als Hobby auffassende Protagonist hat wenig an die Hand gegeben bekommen. In einem Disput mit seiner Mutter habe der heranwachsende Marian gegen den Kommunismus argumentiert, »weil es da bestimmt nur eine eingeschränkte Auswahl an Klamotten geben würde«. »Eventuell bekämen wir im Kommunismus weniger zu essen, aber dafür schönere Fashion«, sei Marian entgegnet worden. Klar.

Hoffentlich aber sind es zukünftig weniger Selbstplagiate wie dieses von »Allegro Pastell«: Wie Christian Kracht mit »Eurotrash« (2021) bereits gezeigt hat, geht der Trend hin zum Sampling des eigenen Werks.

Leif Randt: Let’s talk about feelings. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025, 310 Seiten, 24 Euro

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