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Aus: Literatur - Frankfurter Buchmesse, Beilage der jW vom 20.10.2021
Literatur

Die Mitte ist ballaballa

Putziger Psycho: Elias Hirschls Roman »Salonfähig«
Von Ken Merten
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Man soll dem Werbetrick des Zsolnay-Verlags, Elias Hirschls Roman »Salonfähig« sei der »Austrian Psycho«, getrost auf den Leim gehen. Denn wie Patrick Bateman in Bret ­Easton ­Ellis’ Wahnsinnswerk »American ­Psycho« (1991) ist der Ich-Erzähler Hirschls eine kranke Type im Maßanzug: überbewusst in der Erscheinung, emotional komplett sediert. Markennamen sagen beide auf, wie andere ausatmen müssen. Alles scheint auswendig gelernt oder triebgesteuert, nichts deutet auf ein wirkliches Subjekt hin. »Es gibt eine Idee eines Patrick Bateman. Eine Art Abstraktion. Aber es gibt kein echtes Ich. Nur eine Entität. Etwas Illusorisches.« Auf Hirschls Antiheld trifft das ebenso zu. Auch den gibt es eigentlich nicht, auch er ist rein erdacht und nur erschwindelt, ein Kerl aus dem Kopf geboren.

Doch ist das Österreich dieser Tage nicht die Wall Street Ende der 1980er, und der Yuppie Bateman ist nicht Hirschls Politbobo, der »designierte Trizegeneralsekretär der JM-Fraktion des sechzehnten Wiener Gemeindebezirks und damit direkter Stellvertreter des Vizegeneralsekretärs im Falle von dessen spontan auftretender Abwesenheit aus familiären Gründen, Krankheit, plötzlichem Herztod, Blutverlust durch präzise herausgeschnittene Körperteile und so weiter«. Bate­man würde nie Obdachlosen Kleingeld geben. Hirschls Erzähler tut es und feiert sich dafür. Für jede auch nur erdachte Wohltat am Menschengeschlecht belohnt er sich – knuffiger-, österreichischerweise – mit einem Stück Sachertorte.

Es klingt putzig: ein Wiener Bateman, der sich mit Torte konditioniert, hauptamtlich für den Jugendverband »Junge Mitte« arbeitet, als Organisation einer christlich-konservativen »Mitte«-Partei angeschlossen, deren »Kernpositionen« irgendwo zwischen »Tradition und Moderne« stecken sollen, inhaltlich klar abgegrenzt vom linken, rhetorisch vom rechten Rand.

Man kann nicht dran denken, ohne alles österreichisch mit der Endung »-l« zu verniedlichen. Der Erzähler ist ein ­Stalkerl, ein Killerl, ein Monsterl. Ist ­Ellis’ Bate­man ein mittelgroßes Zahnrad im Big Business des Finanzkapitals, wird der Erzähler in »Salonfähig« aus dem Podcast rausgeschnitten, für den er interviewt wurde, und obwohl die Beziehung schon einige Monate währt, hat seine Freundin noch nie sein Schlafzimmer von innen gesehen. Der von ihm vergötterte, gerade 29jährige »Mitte«-Kanzlerkandidat Julius Varga ignoriert seine Nachrichten konsequent. So unbedeutend ist Hirschls Möchtegern-Bateman seiner Umwelt, dass er ihr meist nur einen Kommentar wert ist, wenn er sich am Vorabend voll Alkohol und Speed mal wieder daneben benommen hat. Den autoritären Charakter juckt das nicht, er will die Parteileiter hoch, imitiert den Kanzlerkandidaten bis ins Detail, versucht es zumindest.

Dabei ist der unzuverlässige Erzähler, der trotz seiner Ausfälle nie ganz durchfällt, aber immer mehr und mehr aus der künstlichen Fassung gerät, eingebettet in einen Mikrokosmos aus Giftigem: Während er auf einem Freiwild-Konzert ungehört Suizidabsichten hinausbrüllt, philosophiert Parteikollege Karl Voigt darüber, dass ernstgemeinter Einsatz gegen rechts nur durch Distanzierung vom eigenen Handeln gelingt. Er, wie alle anderen im Buch völlig totalitarismustheoriebanane geworden, versteigt sich in seinem Impulsreferat zu der These, dass die Mitglieder der deutschen Nazi-Black-Metal-Band Absurd ihre Texte »sehr undeutlich singen und in den Booklets selbständig zensiert haben«.

Hier liegt das Häsle im Pfefferl: Der Menschenschlächter von einst, der schein­eloquente Börsianer, ist ein lächerlich williger Funktionär für den Schwenk zum Faschismus geworden. Ein Wikipedia auswendig kennender Schlauschwätzer ohne Format. Hirschl hat Batemans Narzissmus weggestrichen und durch den Zwang ersetzt, alles auf ein selbsterdachtes Trauma zu schieben. Damit der Täter schön rumopfern kann.

Ellis’ Werk und Hirschls Beitrag lassen im Vergleich jedoch Zweifel aufkommen, ob die Neuauflage und geographische Verschiebung an die Donau der absoluten Gewaltbloßlegung Neuwert liefert. Immerhin ist die Ellis-Epigonage seit dem Einbruch durch Christian Krachts »Faserland« im deutschsprachigen Raum ­vielköpfig. Wollten früher alle Kafka sein, ist seitdem der 57jährige Kalifornier der große Leit(pop)stern.

Wie Hirschls Psycho eifert der Roman dem Vorbild bis zur eigenen Unkenntlichkeit nach. Wie jener (der damit den Schritt des Jungkanzlers Varga nachahmt) hinkt »Salonfähig« hinterher. Überhaupt: Sind Figuren wie Bateman, wie das Julius-Varga-Imitat, wirklich geeignete Bilder für den kapitalistischen Funktionsträger, der zum Faschisten gerät? Der Bedürfnisbefriedigung, die ihnen die Terrorherrschaft bieten würde, bedürfen sie gar nicht. Mag Bateman 2007/08 vielleicht eine schwere Zeit gehabt haben, jetzt kann er in der österreichischen Postdemokratie seine Gesichtsmaske aufsetzen, lügen und betrügen, sich hedonistisch gehenlassen und als Menschenmimer selbstgeißeln. Wenn Machtpositionen durch bürgerlichen Parteiinzest bestückt werden, wozu dann noch den Parlamentarismus aushebeln? Wenn ab und an ein Anders Breivik Anschläge verübt, wegen derer man sich entsetzen kann, wozu braucht es dann noch staatlich organisiertes Massenmorden?

Elias Hirschl karikiert die Karikatur. Der so gefährliche wie lächerliche Psycho ist in seiner Austroversion die noch größere toxisch-männliche Witzfigur, Aushängeschild einer an sich selber aus der oberen Mitte heraus ballaballa werdenden Gesellschaft. Ein peinlicher, andere mit sich reißender Selbstzerstörer. Tschuldigung, ein Selbstzerstörerl.

Elias Hirschl: Salonfähig. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 2021, 254 Seiten, 22 Euro

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