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Druckindustrie

Schließungswelle trotz guter Stimmung

Die Druckindustrie erlebt gleichzeitig Kahlschlag und wirtschaftlichen Optimismus. Ein Tarifabschluss bringt zumindest etwas mehr

Foto: 20 Minuten/IMAGO
Immer mehr Kleinstfotoaufträge und immer weniger Zeitungen. Die Druckindustrie kriselt und boomt zugleich

Stimmung und Realitäten in der Druckindustrie liegen zur Zeit weit auseinander. Während sich vormals kleine Betriebe wie der Fotodienstleister Cewe zu weltweiten Konzernen entwickeln, schreitet das Druckereisterben weiter voran.

Cewe hat sich zu einem Multianbieter für digitale Dienstleistungen in Kleinstauflagen – Fotobücher, Kalender, Poster etc. – entwickelt. Für 2025 meldete Cewe einen Konzerngewinn nach Steuern von 58 Millionen Euro. Auch für das laufende Jahr rechnet die Oldenburger Firma mit weiterem Wachstum. Im Mai dieses Jahres verkaufte Cewe die Offsetdruckereien Saxoprint (Dresden) und Viaprinto (Münster) an das international tätige Druckereiunternehmen Cimpress aus Irland. Offenbar sind die erwarteten Margen im klassischen Bogenoffsetdruck für Cewe zu gering. Dafür hat Cewe angekündigt, von Kodak die Sofortfotosparte mit rund 500 Beschäftigten und 37.000 Fotostationen weltweit zu übernehmen.

Zu solchen Meldungen passt das verbesserte Geschäftsklima in der Branche. Der Bundesverband Druck und Medien (BVDM) befragt dafür monatlich Unternehmen. Der Geschäftsklimaindex stieg im Oktober um 7,5 Prozent und lag damit 13,2 Punkte über dem Vorjahresmonat. Größtes Problem bleibt die Auslastung der Kapazitäten. Einerseits sinkt das Druckvolumen, andererseits stehen in den Betrieben teils modernste Maschinen, die schneller produzieren können als je zuvor. Mit dem Geschäftsklima werden allerdings die Erwartungen und nicht der Grad der Auslastung gemessen.

Trotz eines deutlich besseren Geschäftsklimas schließen Druckereien im ganzen Land. Bei Dierichs Druck+Media in Kassel beantragte die Geschäftsführung im August Insolvenz in Eigenverantwortung. Von 212 Stellen sollen 44 wegfallen, die Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden steigen und eine Erhöhung der Löhne und Gehälter ausgesetzt werden. Das alles gehe zu Lasten der Belegschaft, kritisierte Christoph Hilberg von Verdi gegenüber der Gewerkschaftszeitschrift Druck und Papier. Für die Gewerkschaft ist die Druckerei ein wichtiger Partner, dort werden die Zeitungen der IG Metall, der IG BAU und der Verkehrsgewerkschaft EVG gedruckt. Für den Großauftrag hatten die Gewerkschaften die Bedingung gestellt, das Druckhaus müsse wieder in die Tarifbindung zurückkehren, was auch geschah. Der Ausgang des Insolvenzverfahrens ist offen.

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Ausgemacht ist das Ende der Druckerei der türkischen Tageszeitung Hürriyet in Mörfelden-Walldorf bei Frankfurt zum 31. Januar 2027. Still stehen die Maschinen bereits seit September in Zwickau beim Standort des Westermann-Verlags. Laut MDR seien dort 170 Arbeiterinnen und Arbeiter betroffen. Als Grund wurden »anhaltend schwierige Marktbedingungen« angeführt. Die Druckerei ist vielleicht auch ein Opfer der Digitalisierung im Bildungsbereich. Nachdem 1991 der Braunschweiger Verlag die Firma übernommen hatte, wurden dort unter anderem Schul- und Fachbücher sowie Kinder- und Jugendliteratur gedruckt.

In Passau trifft es die Druckerei der Mediengruppe Bayern, die das Werk zum Jahresende schließt. Die Passauer Neue Presse wird fortan in Regensburg hergestellt. Ein paar Monate laufen die Maschinen noch bei Vogel-Druck im unterfränkischen Höchberg bei Würzburg. Das Tochterunternehmen von Bertelsmann ist Spezialist für auflagenstarke Zeitschriften und Kataloge. Doch die Auflagen sinken. Deshalb stellt Vogel Druck den Betrieb spätestens zum 30. Juni 2027 ein, alle 280 Beschäftigten verlieren ihren Job. Ebenfalls Mitte 2027 schließt eine Druckerei der Funke-Mediengruppe mit Sitz in Essen. Diesmal trifft es die 70 Beschäftigten am Standort Hagen. Das Unternehmen teilte mit, die Druckproduktion ihrer NRW-Titel künftig extern zu vergeben. Verdi befürchtet, dass die Aufträge an tariflose Firmen gehen.

Vor diesem Hintergrund kann das Ergebnis der Tarifrunde für die Druckindustrie durchaus als kleiner Achtungserfolg gesehen werden. Die vier Verhandlungsrunden wurden von einzelnen Warnstreiks begleitet. Am 1. Oktober einigten sich BVDM und Verdi auf einen Lohntarifvertrag, der eine Steigerung in drei Stufen um insgesamt fünf Prozent umfasst, die Ausbildungsvergütungen steigen um sieben Prozent.

Das Druckereisterben ist auch Folge des Auflagenrückgangs bei Zeitungen und Zeitschriften. Einige Titel stellten 2026 ihr Erscheinen komplett ein. Bei Freiheit für Tiere ist nach genau 100 Ausgaben Schluss. Hannover verliert nach vier Jahrzehnten das Stadtmagazin magascene. Eingestellt wurden die Fachzeitschrift Aus dem Antiquariat, Alice Schwarzers Emma sowie Christ und Welt, zuletzt erschienen als Sonderseiten in der Wochenzeitung Die Zeit. Gerettet ist dagegen die Siegessäule, Magazin für ein queeres Publikum. Der Übergang in eine Genossenschaft ist mit der Wahl eines fünfköpfigen Aufsichtsrats abgeschlossen. Die neue Kovorständin Anne Motzek sagte, die Genossenschaft lege sich wie ein Schutzschild um den Verlag, ohne sein Herz – die gedruckte Siegessäule – anzutasten.

Es trifft auch die Papierbranche. Nach 289 Jahren schloss kürzlich die Papierfabrik Schleipen in Bad Dürkheim, 73 Arbeiter sind betroffen. In Düsseldorf stellt die Papierfabrik Julius Schulte Söhne spätestens im Juli 2027 den Betrieb ein, dort verlieren etwa 75 Beschäftigte ihren Job. Kleiner Wermutstropfen: Laut Rheinische Post gibt es »teilweise sechsstellige Abfindungssummen«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.11.2026, Seite 5, Inland

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