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Aus: Ausgabe vom 13.04.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
IG Druck und Papier

Auf die eigene Kraft vertrauen

Eine Erinnerung an den Gewerkschafter Leonhard Mahlein, der vor 100 Jahren geboren wurde
Von Franz Kersjes
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Leonhard Mahlein (1921–1985) als Vorsitzender der IG Druck und Papier 1983

Es sind Sätze, die die Gegenwart berühren: »Wir müssen als Gewerkschafter dazu beitragen, dass wieder eine öffentliche Grundsatzdebatte über Gesellschaftsfragen und über Machtstrukturen geführt wird. (…) Es muss zu einer Repolitisierung der gewerkschaftlichen Arbeit kommen. (…) Politisierung heißt eindeutig Parteinahme für eine interessenbezogene Politik zugunsten der abhängig Beschäftigten und gegen die einseitig konservativ-reaktionäre Politik zugunsten des Kapitals. Politisierung der Gewerkschaften heißt nicht zuletzt die Umsetzung einer solchen Politik im Interesse der Beschäftigten wie der Arbeitslosen mit allen zur Verfügung stehenden gewerkschaftlichen Mitteln.«

Sie stammen aber aus dem Jahr 1985, ausgesprochen von Leonhard »Loni« Mahlein auf dem Kongress der Internationalen Grafischen Föderation in Helsinki. Wer war der Mann, der am 4. April 1921 in Nürnberg geboren wurde? Sein Vater war Hilfsarbeiter bei der Güterabfertigung der Eisenbahn. Nach dem Besuch der Volksschule lernte Loni den Beruf des Buchdruckers. Er wurde zum Kriegsdienst eingezogen und 1941 mehrfach verletzt. Schwer verwundet kam er bei Kriegsende heim. Als Sohn eines in Nazideutschland verfolgten Kommunisten trat Mahlein wie selbstverständlich der KPD bei, die er wenig später im Nürnberger Jugendparlament vertrat. Außerdem schloss er sich 1946 der IG Druck und Papier an, zu deren ersten Mitgliedern in Nürnberg er gehörte. 1952 trat er aus der KPD aus. Es war die Zeit der Auseinandersetzung über die Gewerkschaftsfrage in der Partei (»These 37«). 1983 schilderte er die Situation in einem Interview in der Zeitschrift Kürbiskern: »Und so entstand der Konflikt: Auf der einen Seite fühlte ich mich als Parteifunktionär, der die Politik der KPD in der Gewerkschaft zu vertreten hatte, auf der anderen Seite war ich gewählter Gewerkschaftsfunktionär, der die Beschlüsse der Gewerkschaft zu vertreten hatte. Aus diesen beiden Funktionen heraus hat es bei mir Schwierigkeiten gegeben.« Der Schritt war also keine Abwendung von politischen Erkenntnissen und Grundüberzeugungen, sondern ein Bekenntnis zur Einheitsgewerkschaft.

1965 wurde Mahlein, seit Ende der 50er Jahre auch SPD-Mitglied, zum Ersten Vorsitzenden der IG Druck und Papier in Bayern gewählt. Schon drei Jahre später erfolgte seine Wahl zum Bundesvorsitzenden. Er galt vielen Freunden, aber auch seinen politischen Gegnern als typischer Repräsentant der Arbeiterbewegung, der geprägt worden war durch Erfahrungen aus Zeiten von Wirtschaftskrisen und sozialem Elend, von faschistischem Terror und Krieg. Einer seiner Grundsätze lautete: »Gewerkschaftliche Kampfpraxis und die Konfliktstrategie von Vertrauensleuten, Betriebsräten und Engagierten sind wichtige Mittel der Bewusstseinsbildung. Unverzichtbar ist jedoch die Erkenntnis, dass ohne progressive Theorie keine progressive Praxis möglich ist. Die Praxis braucht eine fortschrittliche Theorie, sonst wäre sie gewerkschaftliche Handwerkelei.«

Streik und Aussperrung

Während seiner 15jährigen Amtszeit als Vorsitzender führte die IG Druck und Papier drei Arbeitskämpfe: Nach mehr als 20 Jahren kam es 1973 in einem Tarifbereich erstmals wieder zu einem Arbeitskampf. Der guten Wirtschaftslage entsprechend, allerdings verbunden mit hohen Preissteigerungsraten, hatte die zentrale Tarifkommission für die Druckindustrie eine Lohnerhöhung von 13 Prozent gefordert, außerdem zusätzliche Anhebungen der unteren Lohngruppen. Die Unternehmerseite wollte über eine Lohnerhöhung von 8,5 Prozent nicht hinausgehen. Die IG Druck und Papier rief ihre Mitglieder zur Urabstimmung auf. 91,8 Prozent sprachen sich für Kampfmaßnahmen aus. Einen Tag lang gab es keine aktuelle Tageszeitung. In den Akzidenzdruckereien traten die Kolleginnen und Kollegen je Schicht in einen zweistündigen Streik. Dies genügte, um die Unternehmer wieder an den Verhandlungstisch zu bringen. Die tariflichen Löhne und Gehälter wurden um 10,8 Prozent und die unteren Lohngruppen entsprechend den gewerkschaftlichen Forderungen angehoben.

1976 wehrte sich die IG Druck und Papier gegen die Einbindung in eine politisch vorgegebene Lohnleitlinie von 5,4 Prozent. Es kam zu dem bis dahin bedeutendsten Streik in der Geschichte dieser Gewerkschaft, den die Unternehmer mit bundesweiten Massenaussperrungen beantworteten. Nach mehr als drei Wochen Arbeitskampf folgte ein Tarifabschluss, der Einmalzahlungen und tarifliche Lohn- und Gehaltssteigerungen von sechs Prozent brachte. 1978 dann ein erneuter Arbeitskampf in der Druckindustrie. Diesmal waren der Einsatz neuer rechnergesteuerter Textsysteme und der damit verbundene Verlust von Arbeitsplätzen in den Betrieben der Auslöser. Die Unternehmer wollten die mit dem technischen Fortschritt verbundenen Möglichkeiten allein zur Erhöhung ihrer Profite nutzen. Die IG Druck und Papier verlangte, durch tarifvertragliche Regelungen die Arbeitsplätze der Beschäftigten zu sichern. Doch die Unternehmer sperrten sich. Mehr als zwei Jahre dauerten die ergebnislosen Verhandlungen. Warnstreiks, Streikaktionen in Schwerpunktbetrieben der Druckindustrie und Solidaritätsstreiks waren die Antworten der Beschäftigten. Der damalige Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Josef Stingl, wurde schließlich als Vermittler eingeschaltet. Die gewerkschaftlichen Forderungen zum sogenannten RTS-Tarifvertrag konnten daraufhin durchgesetzt werden.

Zukunftsweisend war die 1978 erstmals eingeschlagene bewegliche Form der Streikführung. Sie war einerseits Mittel, um Arbeitskämpfe länger durchstehen zu können, auf der anderen Seite erschwerte sie den Unternehmern den Einsatz von Aussperrungen. »Bei alledem ist zu berücksichtigen, dass die Tarifforderungen der IG Druck und Papier unmittelbar nur einen kleinen Teil der Mitgliedschaft betrafen, nämlich die Schriftsetzer, sowie, was die Arbeitsbedingungen anging, die Journalisten. Dass es gelang, die Arbeiter und Angestellten auch der übrigen Abteilungen, zum Beispiel in der Druckerei und in der Weiterverarbeitung, zu geschlossenem und solidarischem Einsatz für die bedrohten Schriftsetzer zu bewegen, gehörte zu den innerorganisatorischen Erfolgen des Streiks«, bewertete Mahlein damals den Arbeitskampf.

Auf dem Weg zur IG Medien

Ebenfalls in seine Amtszeit fiel der Beitritt der Mitglieder des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) zur IG Druck und Papier 1973. Mahlein sah darin einen ersten Schritt auf dem Weg zur Mediengewerkschaft. Dabei warnte er auch vor möglichen Problemen für die Gesamtorganisation, wie etwa in einer Rede auf dem Schriftstellerkongress 1977 in Dortmund: Kein Organisationsteil könne ein Eigenleben führen, vielmehr müssten »die Stärke der Einzelgliederungen und die Stärke des Ganzen in einem Wechselverhältnis zueinander stehen, das nicht mutwillig gestört, sondern aktiv gefördert werden sollte. Dazu bedarf es der weiteren Erfüllung dieser Organisation mit dem gewerkschaftlichen Lebenshauch – der Solidarität«.

Einen wesentlichen Schritt, neue Strukturen auf dem Weg zu einer Mediengewerkschaft zu finden, stellte die 1975 zwischen der Gewerkschaft Kunst und der IG Druck und Papier gegründete »Arbeitsgemeinschaft Publizistik« dar. Diese Projektgruppe entwickelte in der konkreten Arbeit an Einzelproblemen den Kern und das organisatorische Gerüst für eine Mediengewerkschaft. Am Vorabend des 12. Ordentlichen Gewerkschaftstages der IG Druck und Papier 1980 in Augsburg unterzeichneten schließlich Alfred Horné für die Rundfunk-Fernseh-Film-Union in der Gewerkschaft Kunst und Loni Mahlein für die IG Druck und Papier einen Kooperationsvertrag, der auf die Bildung einer einheitlichen Mediengewerkschaft im DGB ausgerichtet war. Am 3. Dezember 1985, wenige Tage vor seinem Tod, erlebte Mahlein noch den Gründungsakt der IG Medien.

Zwei Jahre zuvor hatte er aus gesundheitlichen Gründen auf eine erneute Kandidatur für den Vorsitz in der IG Druck und Papier verzichtet. Sein politisches Wirken setzte er dennoch fort. Trotz des angegriffenen Gesundheitszustandes war er auf zahlreichen Veranstaltungen überall in der Bundesrepublik engagiert im Einsatz und lieferte Beiträge in Zeitschriften und Büchern zur aktuellen Diskussion der Gewerkschaftspolitik. Wie kaum ein anderer Gewerkschaftsführer setzte er sich für eine Zusammenarbeit von Gewerkschaften und Friedensbewegung ein. Er beteiligte sich an zahlreichen Aktivitäten und trat überzeugend für Abrüstung und Frieden ein. Am 18. Dezember 1985 starb Leonhard Mahlein an einem Herzinfarkt.

Franz Kersjes ist Gewerkschaftsfunktionär im Ruhestand. Er war von 1989 bis 2001 Vorsitzender der IG Medien in Nordrhein-Westfalen und Gründungsmitglied der Dienstleistungs­gewerkschaft Verdi.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Dietrich L. (13. April 2021 um 08:57 Uhr)
    »›Welche Erkenntnisse haben wir aus dem Ringen um die einfachsten demokratischen Rechte (…) zu ziehen? – Es ist erstens die Einsicht in die Unüberbrückbarkeit des Interessengegensatzes zwischen Kapital und Arbeit.‹ Für Loni Mahlein, der für mich als Drucker stets ein Vorbild im gewerkschaftlichen antifaschistischen Kampf gewesen ist, hat diese Erkenntnis immer praktische Auswirkungen gehabt, die in jeder Tarifauseinandersetzung zu spüren waren. Er wusste auch: ›Unter den heutigen Bedingungen wird das Aufwerfen der Eigentumsfrage wieder zu einer aktuellen Aufgabe, weil ohne strukturelle Eingriffe in die Verfügungsgewalt des Großkapitals keine wirklichen Fortschritte mehr zu erreichen sind.‹« (Entwicklungsperspektiven der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung,1985!) – Richtungsweisend auch heute noch.

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