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Pop

Where is the Beef?

Das Album »A Man from the Future« der Pet Shop Boys erzählt vom Leben des schwulen Computerpioniers Alan Turing

Foto: Eva Pentel/Warner Music/dpa
Klug, stilsicher, erfolgreich: Pet Shop Boys

Wenn Popstars sich ihre Werke von klassischen Musikern einspielen lassen, ist das meistens eher unangenehm. Entweder schreiben sie Werke für »Rockband und Orchester« oder sie spielen für ihre mitgealterten Fans alte Hits noch mal im klassischen Gewand ein. Letzteres hätte man früher James Last und Konsorten überlassen, die Popmusik für Menschen aufbereiteten, die eigentlich keine Popmusik mögen und damit Millionen verdienten. Ersteres wirkt nach einem aus Minderwertigkeitskomplexen geborenen Wunsch, sich an die Bildungsbürgerkultur ranzuwanzen. Als wäre die mehr wert als die populäre. Die Pet Shop Boys haben weder das eine noch das andere nötig, sie spielen das Spiel – nicht zum ersten Mal –, wenn die Form zum Inhalt passt.

Thema ist diesmal das Leben von Alan Turing, dem britischen Computerpionier, der im Zweiten Weltkrieg den Enigma-Code der Nazis knackte und später seiner Homosexualität wegen zur chemischen Kastration verurteilt wurde. In der Folge litt Turing unter schweren Depressionen, er starb 1954, vermutlich durch Suizid. Anhand von Turings Biographie lassen sich sowohl die frühe Computergeschichte als auch die des gesellschaftlichen Umgangs mit Homosexualität im Vereinigten Königreich erzählen. Eine Geschichte, wie gemacht für die Pet Shop Boys. Die Frage ist also weniger, warum haben die Pet Shop Boys dieses Album gemacht? Sondern eher, warum erst jetzt? To be fair: Neil Tennant und Chris Lowe haben »A Man from the Future« bereits 2012 geschrieben, nachdem sie Alan Hodges’ Biographie »Alan Turing: The Enigma« gelesen hatten. 2014 brachten sie ihr auf dem Buch basierendes Werk bei der BBC Night of the Proms erstmalig auf die Bühne. Ein Jahr zuvor hatte Königin Elisabeth II. Turing das »royal pardon«, die königliche Begnadigung, ausgesprochen. Die Begnadigung für seine Homosexualität, die in England bis 1967 strafbar war. 60 Jahre nach seinem Tod.

Seit die Pet Shop Boys »A Man From The Future« geschrieben haben, sind etliche Daten den »Informations-Superhighway« (Al Gore) hinuntergeflossen, und Alan Turing ist durch Spielfilme und Dokumentationen im öffentlichen Bewusstsein präsenter als noch vor 15 Jahren. Unter anderem – jetzt, da die angebliche KI vieles umwälzt – wegen des von ihm ersonnenen »Turing-Tests«, der als Maßgabe gedacht war, wann man eine Maschine als »intelligent« bezeichnen kann. Heute würde jeder Toaster den Test bestehen, ohne Zeichen von Intelligenz zu zeigen. Auch der Mann aus der Zukunft hatte nicht mit LLMs (Large Language Models) gerechnet, die einfach die wahrscheinlichste gewünschte Antwort errechnen.

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Weshalb erzähle ich so viel vom Hintergrund und so wenig von dem Album? Vermutlich, weil Turings Lebensgeschichte recht interessant ist und das Album (zumindest als Album) nicht so besonders. Acht Spoken-Word-Stücke, in denen die Schauspielerin Juliet Stephenson kurze Textpassagen aus Hodges’ Turing-Buch liest, zwischendurch singt Tennant mal so eine Art Refrain. »A Man from the Future« ist bestimmt kein schlechtes Werk, und einer Multimediaperformance beizuwohnen, wäre sicher keine verlorene Zeit.

Aber als Album funktioniert das Ganze, aller Qualität zum Trotz, nicht so richtig. Das gesprochene Narrativ fordert volle Aufmerksamkeit – ohne größeren Erkenntnisgewinn. Nun ist grundsätzlich nichts gegen Alben einzuwenden, die Ausschließlichkeit verlangen, keine andere Tätigkeit dulden, während sie abgespielt werden. Aber dafür passiert auf »A Man from the Future« dann doch zu wenig. Pleasant enough, zu sehr in Popstrukturen verhaftet, um zum mehrmaligen intensiven Hören zu animieren, und zu wenig, um als Popalbum zu funktionieren. Gutes Werk, nicht so gutes Album. Vorschlag zur Güte: Die zweite CD mit hintergrundtauglichen Instrumentalversionen hören und dazu das Buch von Alan Hodges lesen.

→ Pet Shop Boys: »A Man From the Future« (Parlophone)

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.11.2026, Seite 10, Feuilleton

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