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30 Jahre sind nicht genug: Gedankenblitze auf der Linken Literaturmesse in Nürnberg
So schön kann Routine sein: Die Linke Literaturmesse in Nürnberg feierte vom 30. Oktober bis 1. November ihr 30jähriges Bestehen, indem alles so lief wie immer. Seit 1996 ist der Eintritt frei. Wird zu Beginn der jeweils einstündigen Veranstaltungen mit der Spendendose herumgegangen, müssen die mehreren Dutzend linke Verlage, die ihre Veröffentlichungen vorstellen, nur einen sehr überschaubaren Betrag als Standgebühr abdrücken. Auf drei Stockwerken des Künstlerhauses am Bahnhof finden Lesungen, Diskussionen, Buchvorstellungen und die Verkaufsmesse statt. Bereits vor zehn Uhr morgens werden Brötchen geschmiert, »fünfzig vegetarische«, höre ich jemanden beim ersten Kaffee rufen. Ohne diese ehrenamtliche Arbeit keine Messe, kein Bühne für die Autoren. Untergebracht bin ich als Referent wider die deutsche Staatsräson bei großzügigen Genossen. Dort hantiere ich ungeschickt an der Kaffeemaschine herum und vergesse zu allem Überfluss meinen Schlafanzug. Sie werden hoffentlich auch in Zukunft Messegäste beherbergen.
Der aktuellen politischen Großwetterlage in der BRD zwischen Hochrüstung und reaktionärem Staatsumbau widmete sich am Freitag ein Podium, ein angenehm breit aufgestelltes, etwa mit Duygu Kaya, einer Streikaktivistin der Riders von Gorilla, oder dem EU-Parlamentarier Martin Schirdewan (Die Linke). Während am Sonnabend Roman Danyluk sein Opus magnum »Wenn der Himmel brennt« über ein Jahrzehnt autonome Bewegung in Westdeutschland und Westberlin vorstellte (er bezeichnete just diese als letzte originäre »revolutionäre Bewegung«, mit der es um 1989 vorbei gewesen sei), drangen schriller Demolärm und einige laute Knallertöne in den zweiten Stock des Glasbaus. Gen Z regelte auch in Nürnberg – und wurde anscheinend später kurz von Polizeieinheiten eingekesselt, es flogen wohl auch Flaschen. Bilder, die bekannt vorkommen. Eine Bewegung jenseits von Partei und Streik, zumindest das waren die Autonomen auch.
Fast hundert Veranstaltungen gab es an diesem Wochenende. Viele Interessenten zog am Sonnabend die Präsentation des Buches über künstliche Intelligenz des Marxisten Sven Tarp (»Die Ruhe vor dem Sturm. Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Menschheit«) an, das von Dietmar Dath und Joscha Landau vorgestellt wurde. Tarp hält sich radikal an Marx’ »Thesen über Feuerbach« von 1845: Chat-GPT kann ein Sonett schreiben, weil die Maschine Muster in Shakespeares Gedichten erkennt, doch den Qualen der Liebe oder der Melancholie gegenüber ist sie ahnungslos. KI mag in ihrer beschränkten Form die Welt analysieren, für den Menschen geht es darum, die Welt derart zu verändern, dass die Qualen der Ausbeutung enden, an denen KI einen immer größeren Anteil hat.
Die Nürnberger Messe ist auch immer eine Feier linker Tradition, besser: Traditionen – auch entgegengesetzter und sich widersprechender. An einem Bücherstand der neuen Freien Deutschen Jugend lässt sich eine Broschüre über den Hamburger Aufstand von 1923 aus der Feder von Ernst Thälmann kaufen. Wider derart gehärteten ideologischen Stahl ging es am Sonnabend im sogenannten »Softspot« im zweiten Untergeschoss, wo der Historiker Jörn Schütrumpf zwei Briefe Clara Zetkins von 1929 vorstellte, die er nicht nur als Auseinandersetzung mit der »Nichtpolitik der Thälmannschen KPD«, sondern sogar als generelle Abrechnung mit einem »deutschen Stalinismus« deutet.
Wie immer konnten auch die beiden linken Tageszeitungen der Bundesrepublik – jW und ND – für sich werben. Am Samstag abend lief der Dokumentarfilm »Träume und andere Realitäten. Rückblick auf 30 Jahre junge Welt«, am Ende sang ein Teil des Publikums die »Internationale« im Abspann mit. Endete diese Präsentation recht pathetisch, so hielt es Christof Meueler, Feuilletonleiter des ND, bei einem sogenannten Teach-in eher ironisch. In diesem wurde anhand von Erinnerungen ehemaliger und aktueller Redakteure die Geschichte des Blattes seit 1945 zwischen Sozialismus und Reformismus, zwischen Depression und Glück dargestellt.
Und die Gen Z? Deren Medium ist weder die Zeitung noch das Buch, zumindest nicht in erster Linie. Vielleicht muss der Blitz des Gedankens auf ganz anderem Wege diese bereits kritische Masse erreichen. Nützlich wäre es allerdings schon, beispielsweise historische Vergesellschaftungsversuche zu kennen und auf die aktuelle Erneuerung des kapitalistischen Weltsystems zu reflektieren, in der nun China und Schwellenländer eine ganz andere Rolle spielen, als von den westlichen Herren über die Akkumulation erwünscht. Auf der 31. Linken Literaturmesse wurde man darüber aufgeklärt.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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