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Marxismus

Jenseits der Himmelsrichtung

Vor 50 Jahren erschien Perry Andersons Klassiker »Über den westlichen Marxismus«: Über eine manchmal zu grobkategorische, dabei aber nicht polemische Abrechnung mit dem marxistischen 20. Jahrhundert

Foto: Flickr / fronteirasweb
Perry Anderson auf der Konferenz »Fronteiras do Pensamento« (Grenzen des Denkens) 2013 in Porto Alegre

Von dem ausgesprochen antikommunistischen FAZ-Karikaturisten Fritz Behrendt stammt eine Zeichnung aus den 70er Jahren, auf der ein Dutzend Mal Marx erscheint, jeweils in andersartig stilisierter Form, versehen mit Äußerlichkeiten, die stereotyp auf die unterschiedlichen Kontinente verweisen, zuweilen mit Landestrachten und insgesamt nicht ohne leicht ethnisierend-rassistische Einfärbung. Die Botschaft: In den 70er Jahren ist die Welt zwar vom Marxismus geprägt, allerdings um den Preis, dass ein wahrer Marx mit seiner Botschaft gar nicht mehr als solcher erscheinen kann.

Tatsächlich war die Welt von verschiedenen Marxismen geprägt, die weit über den sich als orthodox verstehenden Marxismus-Leninismus der Sowjetunion hinausgingen. Der chinesische Maoismus rückte den antikolonialen Kampf noch stärker in den Fokus, als es bereits bei Lenin der Fall war. Außerdem sollte die abhängige Bauernklasse als revolutionärer Akteur gelten, nicht in erster Linie die städtische Arbeiterklasse. Der Eurokommunismus der italienischen Partito Comunista Italiano unter Enrico Berlinguer, der auch Kommunisten in Spanien und Frankreich erreichte, beschritt den parlamentarischen Weg und wollte sich mit landeseigenen Traditionen aussöhnen. Der Operaismus in Italien dahingegen betonte die autonomen Kämpfe der Arbeiterklasse, die den Kapitalismus in seiner Entwicklung vor sich hertreiben würde.

Im revolutionären Impetus ganz ähnlich hielt der Trotzkismus an direkter Arbeiterkontrolle der Produktion als kommunistischem Wesenszug fest und begriff die Sowjetunion folglich als degenerierten Arbeiterstaat. Kleine Gruppen des historischen Rätekommunismus sprachen der UdSSR vollends ab, die revolutionäre Tradition des Marxschen Klassenkampfs zu verkörpern. Die linksradikale Jugendrevolte von 1968 aktualisierte diese Anschauungen. Auf dem afrikanischen Kontinent entstanden derweil verschiedene afrikanische Marxismen, mit China oder der Sowjetunion verbunden. Kwame Nkrumah aus Ghana beispielsweise kombinierte Marxsche Überlegungen mit Panafrikanismus und nationaler Befreiung. Walter Rodney bezog Marx’ Studien zur russischen Dorfgemeinschaft auf die tansanische Ujamaa, die er als bäuerliche Keimzelle einer sozialen Wiedergeburt im Dekolonisierungsprozess diskutierte.

Östliche Praxis

In dieser Phase des Auseinanderdriftens der Strömungen der marxistischen Theorietradition verfasste Perry Anderson seine Schrift »Über den westlichen Marxismus«. Sie erschien 1976 in London, 1978 dann in deutscher Übersetzung in Westdeutschland. Andersons dichter Text kann als Versuch, den Marxismus jener Zeit zu kategorisieren und zu historisieren, betrachtet werden. Dabei versieht er verschiedene an Marx orientierte Denker und Theoretiker – es sind meist Männer – mit einem Adjektiv: »westlich«. Ob dieser Oberbegriff taugt, dazu später. Die Beschäftigung mit Andersons Text ist jedenfalls wichtig, weil er konzise wie kein anderer in Denken und Wirken eines wichtigen Teils des Marxismus einführt.

»Westlich« ist für Anderson in der Tat auch eine Ortsbestimmung. Marx und Engels waren zwar Preußen und Rheinländer, doch die Geburts- und Wirkungsorte der klassischen Marxisten liegen im europäischen Osten: Die revolutionäre Sozialdemokratin und Marxistin Rosa Luxemburg wurde in Galizien geboren, Franz Mehring kommt aus Pommern, Karl Kautskys Geburtsstadt ist Prag, Leo Trotzki entstammt dem ukrainischen Cherson, Nikolai Bucharin kommt aus Moskau und Lenin von der Wolga. Die meisten von ihnen spielten eine wichtige Rolle in ihren jeweiligen nationalen Parteien, in denen sie als Berufsrevolutionäre tätig waren und denen sie ihr ganzes Leben verschrieben. Anderson suggeriert, dass dies der originäre, an Marx und Engels orientierte Marxismus sei. Er meint damit nicht nur die Parteiarbeit, sondern mehr noch den theoretischen Zugriff auf die Wirklichkeit, der dieser Denkschule zugrunde liege und ihre Abgrenzung ermöglichen würde.

Denn als »klassische« Marxisten seien die Genannten den kapitalistischen Entwicklungsgesetzen auf der Spur gewesen. Der Fluchtpunkt ihres Denkens war immer die revolutionäre Aufhebung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Dafür legten sie Untersuchungen der Agrarfrage vor, beschrieben Tendenzen der Monopolbildung oder imperialistische Expansionsbestrebungen des Kapitalismus in der Krise. Auch Henryk Grossman, 1881 in Krakau als Sohn eines galizischen Grubenbesitzers geboren, wird von Anderson deswegen zum klassischen, nichtwestlichen Marxismus gerechnet – schließlich hatte er eine recht orthodox-marxistische Schrift über »Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems« vorgelegt. Auch den Trotzkisten Paul Sweezy mit seiner »Theorie der kapitalistischen Entwicklung« rechnet Anderson dem klassischen, nicht dem westlichen Marxismus zu. Dass dieser 1910 in dem ziemlich westlichen New York geboren wurde, zeigt dann auch an, dass man die Himmelsrichtungen zur Bestimmung des Marxismus nicht zu (w)örtlich nehmen sollte.

Dies wird auch dadurch deutlich, dass Anderson den in Budapest – damals Österreich-Ungarn, heute Ungarn – wirkenden Georg Lukács als einen entscheidenden Vertreter des westlichen Marxismus sieht. Bei anderen Vertretern des westlichen Marxismus scheint die örtliche Herkunft besser zu Andersons Oberbegriff zu passen: Walter Benjamin war ein Kind des Berliner Kaiserreichs, ebenso wie Herbert Marcuse, der allerdings eine für ihn wichtige Zeit seines Lebens in Freiburg nahe des Schwarzwalds verbrachte. Max Horkheimers Herkunft aus Stuttgart konnte jeder an dessen fürchterlichem Schwäbisch, dank welchem Hegels »Weltgeischt« weich koronalisiert wurde, erkennen. Der Kunsttheoretiker und Philosoph Theodor W. Adorno kam aus Frankfurt am Main, Karl Korsch stammte aus Niedersachsen. Mit Galvano Della Volpe und Antonio Gramsci zählt Anderson zwei Italiener zum westlichen Marxismus. Henri Lefebvre und Jean-Paul Sartre kommen aus Frankreich, Louis Althusser wurde in dem heutigen Bir Mourad Raïs in Algier, das damals Birmandreis hieß, geboren. Auf den südlichen und den antikolonialen Marxismus geht Anderson nicht ein. Mao ist in seinem Buch abwesend, afrikanische Marxisten sucht man vergebens.

Neue Konfiguration?

Laut Anderson entstand mit dem Aufkommen des westlichen Marxismus eine »völlig neue Konfiguration«: In den frühen 20er Jahren des 20. Jahrhunderts sei dieser (west-)europäische Marxismus als Ergebnis von Niederlagen entstanden. Anderson meint den Faschismus, auf den er dann nicht mehr näher eingeht. Ob nun die Horthy-Diktatur in Ungarn, der deutsche Nazismus oder der italienische Faschismus betrachtet wird: All jene Formationen führten zu einer vorübergehenden Niederlage der proletarischen Bewegung, und so möchte Anderson als das »verborgene Kennzeichen des westlichen Marxismus« festmachen, »dass er Resultat einer Niederlage ist«.

Eine Niederlage war Anderson zufolge nicht nur der Faschismus, sondern ebenso die Stalinisierung der kommunistischen Parteien. Hier macht er einen Bruch innerhalb des westlichen Marxismus aus: Entweder seien die marxistischen Intellektuellen jenen stalinisierten kommunistischen Parteien verbunden geblieben, wodurch der jeweilige Protagonist »nominell einen gewissen Kontakt zum Leben der Arbeiterklasse seines Landes halten« konnte, wie es Anderson bei Lukács und Althusser ausmacht – oder sie definierten sich als freie Intellektuelle außerhalb jeder Parteiorganisation, wie es Sartre und Marcuse betrieben hätten. Damit, meint Anderson, fehle ihnen »auch die Verankerung innerhalb der Gesellschaftsklasse, um derentwillen die theoretische Arbeit am Marxismus letztlich einzig bedeutungsvoll ist«.

In einem weiteren Kapitel geht Anderson der Verschiebung in der Theorie und Theoriebildung nach. Er sieht im westlichen Marxismus eine überwältigende Dominanz von Berufsphilosophen und Akademikern, die Universitätspositionen im Rang eines Professors innehaben. Der westliche Marxismus sei weitgehend philosophierende Theorie, lege damit den umgekehrten Weg von Marx zurück und verrenne sich in einem »obsessiven Methodologismus«, so Andersons Urteil. Auch in seiner Sprache zeige sich eine »Abtrennung von den Volksmassen« sowie eine »seltsame Esoterik des westlichen Marxismus«. Seine »zwanghafte Rückkehr hinter Marx« zeige sich nicht nur an ausufernden Hegelbezügen und ‑diskussionen. Anderson sieht beispielsweise bei den Theoretikern Henri Lefebvre und Lucien Goldmann vielmehr Friedrich Schelling und Blaise Pascal als zentrale Bezugspunkte, will bei Herbert Marcuse »Schillers Ästhetizismus« am Werke sehen und verweist auf Nietzsche und Freud als bürgerliche Ideologen.

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Gramsci allein schneidet in Andersons Urteil gut ab: Obwohl dieser sich mit Machiavelli auseinandergesetzt habe, hätte ihn nichts »dazu veranlassen können, nach einem Stammbaum Ausschau zu halten, der in die Zeit vor Marx hineinreicht«. Anderson scheint sagen zu wollen: Marx reicht doch – vielleicht noch ergänzt um jene, die er nicht dem westlichen Marxismus zuordnet, also Grossmann, Sweezy, Luxemburg, Trotzki, Bucharin, Lenin.

Das Praxisproblem

Ergibt die Rede vom »westlichen Marxismus« Sinn? Gibt es diesen überhaupt in einer einheitlichen Form? Lukács, Korsch und Gramsci waren bedeutende politische Führer ihrer jeweiligen kommunistischen Parteien – aus Ungarn, Deutschland und Italien. In ihrer Politik und ihrem gesamten Wirken stehen sie einem Bucharin und Trotzki viel näher als beispielsweise dem akademischen Gesellschaftskritiker Adorno, auf den der von Anderson polemisch konstatierte Vorwurf der »Kirchturmmentalität« wohl am ehesten zutrifft. Auch die Rolle des Proletariats und der Partei spielen bei allen genannten Vertretern des westlichen Marxismus eine ganz unterschiedliche Rolle. Tatsächlich liegt gerade bei Adorno ein »trotziger Theoretizismus« vor, wie Anderson schreibt, wenn dieser seine Theorieproduktion und »Kritik« in den Rang von »Praxis« erhebt, ohne zu reflektieren, dass bei Marx und Engels umwälzende Praxis eine andere Bedeutung hatte. Sie bedeutet ihnen nicht in erster Linie intellektuelle Arbeit, sondern zielt auf eine »dynamische Verbindung« zwischen der revolutionären Idee und dem Kampf des Proletariats.

Adorno umschiffte mit seinem Identischsetzen von Theorie und Praxis das »materielle Problem der Einheit von Theorie und Praxis«, schreibt Anderson; er löse sich überhaupt von einem Praxisbegriff, der auf die Massen und ihr Tun abzielt. Auf andere Theoretiker, wie Korsch oder Lukács, die sich als Parteikader um das Wirken in der Arbeiterklasse bemühten, kann Andersons Kritik allerdings kaum zutreffen. Anders bei der »kritischen Theorie« der Frankfurter Schule: Der ab 1930 mit der Leitung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung betraute Max Horkheimer thematisierte zum Beispiel selbst die Kluft zwischen seiner theoretischen Anstrengung und der Situation des Proletariats. Der ehemalige leidenschaftliche Kommunist legte ab den 30er Jahren mit seiner Unterscheidung in kritische und traditionelle Theorie eine theoretische Ortsbestimmung des kritischen Intellektuellen vor, die sich tatsächlich vom klassischen Marxismus löste.

Horkheimer erklärte, dass die Situation des Proletariats in der kapitalistischen Gesellschaft keine Garantie für richtige Erkenntnis sei. Die Infragestellung des Systems müsste auch Gedanken und Stimmungen der Massen selbst, zuweilen auch innerhalb des Proletariats, kritisieren, weil diese von den Gedankenformen des Kapitalismus selbst geprägt seien. So existiere eine »Spannung zwischen dem Theoretiker und der Klasse, der sein Denken gilt«. Adorno scheint weiter zu gehen, bei ihm übernimmt das in Kunst- und Kulturerleben zu erfahrende »Nichtidentische«, das sich Tauschlogik und Verdinglichung entziehe, die Stelle des Proletariats, das nach Marx aufgrund seiner sinnlichen Erfahrung mit der Ausbeutung und seinem Zusammenschluss in der Produktion zu ihm fremden Zwecken ja die Verkörperung des Antagonismus im und gegen das Kapital ist. Doch an letzterem Punkt hielten auch diverse Vertreter des westlichen Marxismus fest.

Dem westlichen Marxismus vorzuhalten, dass er der revolutionären Praxis aus dem Weg gegangen sei, ist wohlfeil, denn der Ausgangspunkt der Reflexionen seiner Vertreter war ja eben das Ausbleiben der Revolutionen im Westen nach der Russischen Revolution. Aus dieser Fragestellung ergab sich erst das Interesse an der Psychoanalyse beziehungsweise der Herausbildung einer Sozialpsychologie, die in Familiensozialisation und sexueller Ordnung gesellschaftliche Instanzen vermutete, die ein nichtrevolutionäres Subjekt, einen »autoritären Charakter«, nach sich ziehen würde. Vor dem Hintergrund der realen Beobachtung, dass sich weite Teile der Proletarisierten eher als Kinobesucher, Autofahrer oder Volksgenossen empfanden – wie Adorno bereits in den 40er Jahren feststellte – wandten sich diese Marxisten im Spätkapitalismus den bewusstseinsformenden Überbaustrukturen wie der Kulturindustrie zu.

Nur ein besonders fortschrittseeliger Marxist konnte damals ignorieren, dass in dem bisherigen Marxismus Ungleichzeitigkeiten aus dem Blick geraten waren. »Nicht alle sind im selben Jetzt da«, hatte Ernst Bloch angesichts der Bauernfängerei der Nazis formuliert und angeregt, nicht nur in Zahlen und Statistiken wahrzusprechen, sondern von links gewahr zu werden, womit die Reaktionären die Leute umgarnen – beispielsweise der Sehnsucht nach Heimat. Und ist der »allgemeine, latente Pessimismus« – so lautete Andersons Kritik –, der beispielsweise in Benjamins Thesen zur Geschichte als einer Aneinanderreihung von Katastrophen, aus der man sich nur mittels eines revolutionären Sprunges lösen könne, durchscheint, angesichts der Niederlage in Spanien 1936 und des Hitler-Stalin-Pakts 1938 historisch nicht mehr als verständlich? Ist nicht das »altmarxistische« Vertrauen auf die Entwicklung der Produktivkräfte angesichts von Klimakrise, KI-Entfremdung und digitaler Ausbeutung gerade auch heute mehr als naiv?

Grobe Kategorien

Westlichen Marxisten mangelte es auch nicht an Internationalismus – ein Vorwurf, den Anderson in einem Satz en passant fallen lässt. Die kritischen Theoretiker Herbert Marcuse und Günther Anders solidarisierten sich mit den internationalistischen Studenten, die auf der Straße »Ho, Ho, Ho Chi Minh« skandierten, und sprachen auf dem Vietnamkongress in Westberlin. Jean-Paul Sartre führte Diskussionen mit Vertretern antikolonialer Bewegungen. Er schrieb bekanntermaßen das Vorwort zu der wichtigsten Schrift des trikontinentalen Antiimperialismus, »Die Verdammten dieser Erde«, aus der Feder des ehemaligen Resistancekämpfers und Aktivisten der FNL in Algerien, Frantz Fanon. Dieser hatte in seiner Auseinandersetzung mit Marx’ Klassentheorie das Proletariat für die »Dritte Welt« als revolutionäres Subjekt verabschiedet und die Bauern an diese Stelle gesetzt. Gleichzeitig war ihm als ausgebildetem Psychiater die Psychoanalyse entscheidende Referenz, und er stellte die Frage, was die koloniale Situation mit dem »kolonisierten Ding« und seiner Psyche anrichtete. Damit diskutierte er den Kolonialismus als Entfremdungsprozess. Entfremdung wiederum war eine der zentralen Kategorien des sich am humanistischen Erbe von Marx orientierenden Teils des westlichen Marxismus.

Gerade hieran zeigen sich die unter dem Begriff des »westlichen Marxismus« subsumierten Differenzen: So schlug beispielsweise Louis Althusser, der auch zu seinen Vertretern gezählt wird, eben jenes Feuerbachsche Erbe schlicht aus, das der kritischen Theorie der Frankfurter Schule so wichtig war. Marx sollte bei ihm nur als Begründer einer Wissenschaft der gesellschaftlichen Strukturen gelten. Doch damit endet die Uneinigkeit im westlichen Marxismus noch lange nicht, siehe das Beispiel Psychoanalyse als »bürgerliche Ideologie«. Für die Vertreter der kritischen Theorie war sie zentral. Keine Erkenntnis über die kapitalistische und auch faschistische Vergesellschaftung ohne Freudsche Triebtheorie, lautete das Arbeitsprogramm von Erich Fromm, aber auch von Herbert Marcuse. Bei Gramsci, Korsch und anderen konnten diese Subjekttheorien vollkommen ignoriert und trotzdem wahrheitsfähige und kritische Aussagen zur Tendenz der gesellschaftlichen Entwicklung getroffen werden.

Keine Polemik

Bei aller Kritik, die Anderson den von ihm als Gruppe zusammengefassten Marxisten angedeihen lässt, liefert er doch keine polemische Abrechnung mit dem westlichen Marxismus, sondern versucht sich an einer dialektischen Auseinandersetzung. So betont er, dass der westliche Marxismus bei all seinem Pessimismus integraler Bestandteil der arbeiterbewegten Theorietradition sei – ein aus den Niederlagen geborener, wohlgemerkt. Sozialistische Revolutionäre dürften ihn nicht ignorieren, es ginge um eine Aufhebung im »Doppelschritt von Anerkennung und Bruch«. Anderson blickte voller Hoffnungen auf die Revolten und Streiks nach 1969. Hier sah er eine materielle Möglichkeit und eine objektive Voraussetzung, die vermeintlich pessimistische Fundierung des westlichen Marxismus und seine Trennung von den proletarischen Volksmassen zu überwinden. Im Gegensatz zu neueren Ansätzen, mit dem westlichen Marxismus abzurechnen, besticht Andersons Schrift durch Redlichkeit und Wissenschaftlichkeit.

Dieses Urteil kann man leider über das 2021 im Papyrossa-Verlag erschienene Buch des italienischen Philosophen Domenico Losurdo mit dem Titel »Der westliche Marxismus: Wie er entstand, verschied und auferstehen könnte« nicht fällen. Losurdo will zeigen, dass seit den frühen Schriften von Ernst Bloch und Walter Benjamin über kritische Denkerinnen wie Hannah Arendt bis zu neueren marxistischen und postmarxistischen Autoren die tiefe Dehumanisierung, der strukturelle Rassismus und die Sklavenhalterideologie, die den westlichen Kolonialismus als System begleiten, eine zu geringe Aufmerksamkeit erhalten hätten. Losurdos Anliegen ist kaum eine profunde Auseinandersetzung mit dem westlichen Marxismus, sondern er will eine Weltanschauung stark machen, die – wie er selbst bekennt – auf die neue internationale Situation eingestellt ist, in der ein »Krieg gegen China, das Land, das aus der größten antikolonialen Revolution der Geschichte hervorgegangen ist«, möglich erscheint.

Losurdo stellt den antikolonialen Kampf an die Stelle des Klassenkampfs. Darin folgt er in einem ersten Schritt Lenins These der Zentralität der kolonialen und nationalen Frage im weltweiten Revolutionsprozess. Dann behauptet er ohne weitere Ausführungen, dass nachkoloniale Staaten wie eben China aktuell organischer Ausdruck dieser antikolonialen Kämpfe seien. Marxisten, die auf den Emanzipationsgehalt der Marxschen Theorie hinweisen und die von Klassenkampf, Rätebildung und freier Assoziation ausgehen, erscheinen ihm als »Träumer« und »linksradikale Utopisten«, weil in erster Linie bedingungslose Solidarität mit den Staaten zu pflegen sei, deren heutiger Kampf »gegen den Westen« und um ökonomische und technologische Unabhängigkeit vorbehaltlos zu unterstützen sei.

Als ehrlicher Campist – also Vertreter einer Richtung, die hauptsächlich den US-amerikanischen Imperialismus geschwächt und eingehegt sehen will – macht Losurdo immerhin deutlich, dass man sich von Marx als Staatskritiker zu lösen habe. In vielen Schriften, nicht erst in seiner Abrechnung mit dem westlichen Marxismus, bezeichnet er die Marxsche Perspektive der Abschaffung des Staates als »messianisch«. Für Losurdo muss jeder, der auf Rätedemokratie als Fluchtpunkt Marxschen Denkens hinweist, als Feind des Aufbaus sozialistischer Staatsmacht erscheinen. Doch für Marx war eben die »endlich gefundene politische Form« nicht der autoritäre Staat einer nachholenden Entwicklung, sondern sie bestand, wie in der Pariser Kommune, in der Rücknahme des Staates in die Gesellschaft.

Andersons Methode ist das Ringen um Wahrheit in und mit der Marxschen Theorie. Losurdos Methode ist die dogmatische politische Setzung, der sich schließlich auch jeder Marxismus zu beugen habe. Messlatte sind für Losurdo Industrialisierungsleistungen und der Aufbau der Sowjetunion gegen die westliche Aggression sowie der antikoloniale Aufbruch mit dem zentralen chinesischen Aufstieg und der Emanzipation aus den Klauen Japans, aber vor allem des Westens. Wie sich diese zweifelsfrei bedeutenden historischen Entwicklungen zum Marxschen Programm verhalten, ist für Losurdo zweitrangig. Anderson dahingegen bemerkte noch in einem selbstkritischen Nachwort zu seinem Ausgangstext, man müsse sich tiefgreifende Gedanken machen über Revolutionen ohne Rätemacht, und er nennt dabei China, Kuba und Vietnam. Die Frage, die den Marxisten Anderson bewegt, lautet: »Worin besteht die historische Bedeutung des Arbeiterstaats ohne Arbeiterdemokratie?« Sie stellt sich für den Etatisten Losurdo gar nicht in dieser Weise, denn bereits die staatliche Existenz als solche und die dadurch gesetzte Beschränkung des westlichen Imperialismus gelten als Optimum. »Es gibt viele, auch jenseits der Linken, die sich gegen die Plutokratie der Demokratien des Westens stellen«, schreibt Losurdo. Mit diesen sei ein Bündnis zu schließen.

Doch antiwestliche Plutokratiekritik, ohne klassenbasierten und realemanzipatorischen Gehalt, findet man auch im religiösen Fundamentalismus oder als Demagogiestruktur im Faschismus. So erscheint nicht der westliche Marxismus als Ergebnis einer Niederlage, sondern Losurdos Gegenprogramm, das von der Marxschen Perspektive abrückt, an deren Stelle nur noch die leere Negation, die vermeintlich »objektive« Einhegung des ­US-Imperialismus getreten ist.

Nicht mehr zu haben

Andersons Darstellung und Kritik sind ein wichtiges Fundament weiterer Beschäftigung mit den vielen Wegen, die der Marxismus im 20. Jahrhundert beschritt. Die deutsche Übersetzung von 1978 gibt es nur antiquarisch für viel Geld zu kaufen. Der Dietz-Verlag hat es 2023 wiederveröffentlicht – es aber unglücklicherweise mit einem Nachwort des aktuellen Direktors des Instituts für Sozialforschung, Stephan Lessenich, versehen lassen. Über jenen Zusatz war Anderson so verärgert, dass der Dietz-Verlag das Buch wieder vom Markt nehmen musste.

Lessenich hatte schwere Geschütze aufgefahren: Ganz im Geiste politisch korrekter Intersektionalität – also dem Gebot, Sexismus, Rassismus und Klassenunterdrückung gleichberechtigt aufeinander zu beziehen – hielt Lessenich Anderson vor, er bewege sich in einer patriarchalen Arbeiterkult­tradition. Er attestiert ihm einen »Phantomschmerz«, wenn vom Primat des Klassenkampfs und der proletarischen Praxis die Rede ist, und hält Anderson »trotzigen Praktizismus« und »klassenpolitischen Reduktionismus« vor – ohne selbst konkreter zu werden. Dennoch ist es schade, dass das Buch inklusive des auf seine Art erhellenden Nachworts nun nicht mehr greifbar ist. Denn gerade das Nachwort zeigt, dass eine Spielart des westlichen Marxismus, nämlich die neueste Frankfurter Schule, sich mittlerweile in arg liberalen Fahrwassern bewegt.

→ Gerhard Hanloser schrieb an dieser Stelle zuletzt am 27. Juni 2026 über die von palästinensischen Militanten durchgeführte Geiselnahme von Entebbe 1976: »Desaster mit Nachspiel«

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.09.2026, Seite 12, Thema

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