»Wir waren getrieben von der Frage: Was macht die junge Welt aus?«
Von Peter Merg
Sie beide haben den Dokfilm »Träume und andere Realitäten« über die junge Welt gedreht. Wie kam es zu dem Projekt? Beziehungsweise warum erst jetzt? Die Zeitung gibt es schließlich schon seit 79 Jahren, da hätte es auch nach 1990 ein paar Anlässe gegeben.
Louis Matthey: Ursprünglich war der Film als kurzes Video anlässlich des 30sten Jahrestages der Genossenschaft der jungen Welt geplant. Im Laufe des Projekts haben wir aber erkannt, dass es, um die Zeitung zu charakterisieren und ihre Geschichte zumindest im Ansatz zu umreißen, viel mehr als das braucht.
Clara Erhardt: Einen Dokumentarfilm über die junge Welt hätte man sicherlich zu jedem Zeitpunkt ihrer Geschichte machen können und es wäre immer ein interessanter geworden. Doch das wären auch sehr unterschiedliche Filme. Heute haben wir die Möglichkeit, die DDR-Vergangenheit, die kapitalistische Gegenwart und den Kampf dagegen zu reflektieren. Doch der Film bleibt auch ein Zeitzeugenbericht, ein Einblick in die junge Welt an einem bestimmten historischen Moment. Wie wir in einigen Jahren auf diesen Film zurückblicken werden, bleibt abzuwarten.
Wie packt man das an? Sie erzählen die Geschichte einer Zeitung, genauer, der jW, wie sie sich seit 1995 entwickelt hat. Das ist doch filmerisch bestimmt nicht ganz einfach, wenn man sich nicht auf bestimmte Protagonisten konzentriert.
L. M.: Von Anfang an haben wir die junge Welt selbst als Protagonistin unseres Films verstanden, der wir emotional nah sein und die wir auf einer empathischen Ebene begreifen wollen.
C. E.: Der narrative Fokus lag nie darauf, eine genaue historische Aufzählung abzuliefern, sondern wir wollten uns auf repräsentative Momente fokussieren. Getrieben waren wir von der Frage: »Was macht die junge Welt aus?« Dafür haben wir bewusst Themen und Geschichten weggelassen und uns statt dessen schon vor dem Dreh auf bestimmte Themenfelder geeinigt, die wir ansprechen wollten.
L. M.: Im Zusammenspiel mit dem gedrehten Material, was im Dokumentarfilm ja ein Eigenleben führt, wurde die narrative Linie im Schnitt immer klarer und hat uns dabei teilweise selbst überrascht.
Und ganz praktisch? Beim Zeitungsmachen hacken ja hauptsächlich einige Leute in Tastaturen, das ist fotografisch eher undankbar.
L. M.: Für die Zeitungsmachenden selbst wirkt es vielleicht so, als würde man nur im Büro sitzen und auf die Tastatur hauen, aber aus unserer Perspektive und sicherlich auch der der Leserschaft bietet der Film einen interessanten Einblick hinter die Kulissen. Und auch die Kamera erzählt etwas anderes. Das Gebäude der jungen Welt, die Menschen, die darin arbeiten, die Büros selbst haben wir als Bühnenbild begriffen, und wenn man genau genug hinschaut, erkennt man in jedem eine Geschichte.
C. E.: Zudem verwenden wir viel historisches Material, bis in die 1960er zurück, das eine reflektierende Ebene eröffnet. Es führt uns vor Augen, wie die junge Welt früher aussah – für einige sind das neue Bilder, für andere müssen sie nur aufgefrischt werden – und welche Entwicklungen die Zeitung durchgemacht hat. Zudem rufen diese Bilder die Frage hervor, wann wir genauso fasziniert auf die heutigen Bilder zurückschauen werden.
Sie sind beide keine ganz alten jW-Hasen: Clara Ehrhardt, Sie arbeiten seit eineinhalb Jahren im Haus, Louis Matthey, Sie leben in der Schweiz und kennen die Zeitung als Leser. War das eher von Vor- oder von Nachteil für Sie?
L. M.: Für uns war das ein ganz klarer Vorteil. Diese relative Distanz gab uns zum einen die Möglichkeit, uns der Perspektive der Leserschaft und durch unser Alter auch der Perspektive einer jüngeren Leserschaft zu nähern. Zum anderen eröffnete sich uns die Möglichkeit, von außen auf die Geschichte der jungen Welt zu schauen, Abläufe und Geschichten neu für uns zu entdecken und einzuordnen.
C. E.: Ohne eine enge persönliche Verbindung zu spezifischen Ereignissen konnten wir diese zudem klar nach ihrer Relevanz für den Film bewerten, nicht nach unserer persönlichen Verbindung zu ihnen. Gleichzeitig standen wir aber natürlich immer im engen Austausch mit den »alten Hasen«, die uns wertvolle Einblicke in ihr Erleben der Geschichte der Zeitung geben konnten.
Sie haben für den Film ausschließlich mit Mitarbeitern gesprochen, viele ganz Altgediente, ein, zwei, die erst seit kürzerem an Bord sind. Warum haben Sie sich auf diesen Kreis beschränkt? Ehemalige fielen einem noch ein, Leser, Freunde und Feinde.
C. E.: Uns war von Anfang an klar, dass es uns um die Menschen hinter der Zeitung geht. Die Menschen, die die junge Welt geformt und geschrieben haben, um die Zeitungsmacher. Die Perspektive der Leserschaft kommt in Teilen durch die Briefe aus dem Jahr 1970 zum Ausdruck, dennoch lag unser besonderer Fokus natürlich auf den letzten 30 Jahren seit der Neugründung. Die DDR-Vergangenheit ist ein unerlässlicher Teil auch dieser Geschichte und muss deshalb miterzählt werden, trotzdem ist es ein Film über die neue junge Welt ab 1995.
L. M.: Wie Sie sich vorstellen können, bleiben damit auch zahlreiche Geschichten unerzählt, die wir leider nicht alle abbilden konnten. Vielleicht in einer Fortsetzung. (schmunzelt)
Was haben Sie im Rahmen des Projekts Überraschendes erfahren?
C. E.: Besonders beeindruckt hat uns, mit welchem Einsatz und welcher Hingabe die Mitarbeitenden der jungen Welt an der Zeitung arbeiten. Das tun sie natürlich nicht aus fehlendem Klassenbewusstsein und Aufopferung für den Chef, sondern weil sie daran glauben, an etwas Richtigem zu arbeiten.
L. M.: Trotz Hürden und Repression, auch schon vor der Überwachung durch den Verfassungsschutz. Trotz all dieser Widerstände an den eigenen Überzeugungen festzuhalten und sie zu leben, fordert nicht nur eine große Stärke, sondern auch ein Durchhaltevermögen, das wir als sehr inspirierend empfanden.
Die DDR ist sehr präsent im Film, Sie ziehen da eine dicke Kontinuitätslinie. Wieviel DDR steckt denn noch in der heutigen jW?
L. M.: Tatsächlich haben wir unseren Protagonisten genau die gleiche Frage gestellt. Und wie sie glauben wir, dass die junge Welt durch ihre Vergangenheit ein einzigartiges Erbe und eine einzigartige Perspektive besitzt.
C. E.: Auch wenn die Belegschaft, die Themen und natürlich die historische Realität, in der die junge Welt existiert, sich geändert haben, sind ihre Werte noch immer dieselben. Und an diesem Alleinstellungsmerkmal festzuhalten ist eine der größten Stärken der Zeitung.
Was macht den besonderen Idealismus der Leute aus, die heute hier arbeiten? Sie heben den ja schon im Titel hervor.
L. M.: Idealismus bedeutet unserer Meinung nach, die eigenen Träume nicht zu vergessen. In der heutigen Zeit braucht es nichts mehr als das.
C. E.: Besonders, um links zu sein, um die Kraft zu finden weiterzukämpfen, an Projekten wie der jungen Welt festzuhalten und weiter an eine bessere Zukunft zu glauben, trotz des Wahnsinns der Welt. Träumen heißt, sich der angeblichen Alternativlosigkeit entgegenzustellen, die Politik und Gesellschaft uns vorleben.
Ist die jW selbst für Sie ein utopisches Projekt?
C. E.: Ja und nein. Die junge Welt lebt von den Utopien der Menschen, die sie machen und lesen. Sie ist damit mehr als nur eine Zeitung, sie ist ein Zeugnis davon, was Überzeugung leisten kann und dass wir als Linke nicht allein sind.
L. M.: Dass die junge Welt selbst trotz aller Widerstände noch existiert, ist gewissermaßen eine Utopie. Und wie für jede Utopie muss man für sie und ihren Erhalt kämpfen. Das bedeutet nicht nur den Erhalt einer Zeitung, sondern der Werte, für die sie steht und die Zukunft, für die sie kämpft.
Der rote Faden des Films sind die eingesandten »Träume ins Jahr 2000« aus dem Jahr 1970. Damals hatte die Junge Welt ihre Leser aufgerufen, sich die Zukunft auszumalen. Sie machen es im Film irgendwann ähnlich. Was sind Ihre Träume für das Jahr 2056?
C. E.: Der Film spricht in diesem Punkt sehr für sich. Der Grund, weshalb wir uns dafür entschieden haben, die Träume aus dem Jahr 1970 abzubilden, ist, dass sie uns vor Augen führen, dass es mal möglich war, groß zu träumen. Träume, die wir heute gar nicht mehr formulieren würden, weil sie so unmöglich erscheinen. Diese Kluft der Realitäten ist unglaublich tragisch, aber auch inspirierend.
L. M.: Wir würden uns für 2056 wünschen, dass die jungen Menschen der Zukunft wieder so träumen können wie 1970. Dass die Welt ihnen zumindest die Möglichkeit gibt, diese Träume zu formulieren und nach Glück für alle zu streben.
Clara Ehrhardt, Jahrgang 2003, studiert Drehbuch/Dramaturgie an der Filmuniversität Babelsberg und arbeitet im Verlag 8. Mai, der die junge Welt herausgibt.
Louis Matthey, Jahrgang 2001, ist kanadisch-schweizerischer Kameramann und Fotograf und lebt in der Nähe von Lausanne.
»Träume und andere Realitäten. 30 Jahre junge Welt«, Regie: Clara Ehrhardt/Louis Matthey, BRD 2026, 70 min.
Filmpremiere mit anschließendem Gespräch mit Clara Ehrhardt und Louis Matthey und Podiumsgespräch mit Beteiligten, 14.2.2026, Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Straße 30, Berlin, Einlass: 16 Uhr, Filmbeginn: 16.30 Uhr, ab 18 Uhr Afterparty in der jW-Maigalerie. Tickets unter: https://www.jungewelt.de/film/ oder im jW-Shop in der Torstraße (6,99 Euro / 9,99 Euro / 12,99 Euro)
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