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Erinnerungspolitik

Gas und Peitsche

Dem Deutschen Historischen Museum in Berlin gelingt mit der Ausstellung »Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt« die Versachlichung einer bisweilen hochschäumenden Debatte

Foto: Museo Storico Italiano della Guerra/Deutsches Historisches Museum
Gäbrä Mädḫən Nəguse: Die Schlacht von Tembien. 1950er/1960er Jahre

Seit einigen Jahren tobt in Sachen Erinnerungspolitik ein unerbittlicher Streit: zwischen jenen, die koloniale Gewalt und Naziherrschaft aufeinander beziehen wollen – und dabei Genozide westlicher Mächte und vergessen gemachte Verbrechen gegen die Menschheit in Erinnerung rufen –, und jenen, die der Nazidiktatur aufgrund ihres präzedenzlosen industriellen Völkermords an den europäischen Juden eine »Singularität« zuschreiben, die jeglichen Vergleich verbiete. Nun hat es das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin gewagt, diese Debatte mit der Ausstellung »Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt« aufzugreifen. Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum, erklärte in einem Pressegespräch zur Eröffnung, dass auch für ihn selbst die Arbeit an der Schau einen Erkenntnis- und Lernprozess bedeutete. Worin dieser genau bestand, konnte man leider nur erahnen.

Die Ausstellung selbst hingegen ist klar und vielsagend. Sie markiert eine bemerkenswerte dritte Position: Natürlich muss verglichen werden, natürlich sind Gemeinsamkeiten wie Unterschiede evident. Letztere werden deutlich, besonders wenn es um den Vergleich von kolonialer Sklavenarbeit und der deutsch-faschistischen Vernichtung durch Arbeit geht. Das DHM verfügt über alle Möglichkeiten avancierter Museumspädagogik. So gibt es an Film- und Hörstationen prägnante und kundige Beiträge von Expertinnen und Experten, die sich mit antikolonialem Widerstand, Kollaboration oder der Vernichtungspolitik der Nazis auseinandersetzen. Daneben finden sich an die 600 Objekte aus der DHM-Sammlung sowie aus Museen und Archiven aus beispielsweise Belgien, Dänemark, Namibia, den Niederlanden, Südafrika, Tschechien und den USA. Zu sehen sind unter anderem Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Postkarten, Bücher, Zeitschriften, Dokumente und historische Gegenstände.

Der Kurator Stephan Malinowski und Museumsleiter Gross, beide Historiker, vertrauen darauf, dass eine Rückführung der Kontroverse auf ihren geschichtlichen Kern der zuweilen überschäumenden Diskussion mehr Rationalität verleiht. Unterstellt man, dass das DHM vor allem die historische Urteilskraft schärfen will, dann ist die am 16. Oktober eröffnete Ausstellung vollends gelungen.

Gleich zu Beginn werden die Besucher mit einer Peitsche und einer Zyklon-B-Dose konfrontiert. Doch sollte der Betrachter keine vorschnellen Schlüsse ziehen: Peitschen wurden auch in den Konzentrationslagern der Nazis eingesetzt und Giftgas von Kolonialmächten in Afrika als Kriegswaffe verwendet. Mit zwei Zitaten vor Augen kann man sich anschließend der Fülle an Exponaten zuwenden.

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Der antikoloniale afrokaribisch-französische Schriftsteller und Politiker Aimé Césaire erklärte bereits 1948: »Man stelle sich Auschwitz und Dachau, Ravensbrück und Mauthausen vor, aber alles im riesigen Maßstab, einem Maßstab der Jahrhunderte, der Kontinente, Amerika als ein einziges Universum der Konzentrationslager … Man wird verstehen, dass Nazideutschland nur im Kleinen auf Europa angewandt hat, was Westeuropa jahrhundertelang auf die Rassen angewandt hat, die kühn oder ungeschickt genug waren, im Weg zu stehen.« Klug haben die Kuratoren Worte des Essayisten und Auschwitz-Überlebenden Jean Améry aus dem Jahre 1966 in großen Lettern danebengesetzt. Dieser konstatierte, dass sich die Verbrechen der Nazis unter ähnlichen Voraussetzungen überall hätten ereignen können, wie eine Warnung allerdings hinzufügte: »Alles wird untergehen in einem summarischen ›Jahrhundert der Barbarei‹.«

Der Ausstellung gelingt der Spagat zwischen den beiden Polen. So werden die antikolonialen Stimmen angemessen gewürdigt, etwa C. L. R. James oder George Padmore, der zeitweilige Herausgeber der antikolonial-kommunistischen Zeitung The Negro Worker. Letzterer befand: »An den prahlerischen Heldentaten Hitlers und Mussolinis ist nichts neu oder gar originell. All das wurde bereits zuvor von den Briten angewendet, um weniger gut bewaffnete und industriell rückständige Völker zu unterwerfen.« So sprachen Zeitgenossen auch angesichts der imperialistischen Angriffe Italiens unter Mussolini auf afrikanische Länder von einem »Kolonialfaschismus«. Gleichzeitig wird man sehr wohl mit der Spezifik des deutschen Faschismus und seines Vernichtungsantisemitismus vertraut gemacht. Die haarklein organisierte bürokratische Entrechtung der deutschen Juden wird ebenso eindrücklich dargestellt, wie das Doppelgesicht des Antisemitismus der Nazis verdeutlicht, der die Juden gleichermaßen als übermächtige, verschworene Macht wie als minderwertige, zu vernichtende »Rasse« zeichnete.

Ein einzelner Besuch reicht zur Auseinandersetzung mit dieser anregungsreichen Schau bei weitem nicht. Und will man einerseits mangelnde didaktische Reduktion kritisieren, warum sollte man dann bekritteln, dass dies und jenes fehle? Sicherlich: Ein Blick auf den Spanienkrieg, als Francos Reaktionäre im Kampf gegen die fortschrittlichen Republikaner auf aus Spanisch-Marokko kommende Kolonialtruppen zurückgriffen, hätte allzu simple Vorstellungen, die sich identitätspolitisch orientierte Postkoloniale machen, irritieren können. Dem westdeutschen Publikum des Museums hätte es zudem sicherlich gutgetan, ein zugleich antifaschistisches und antikoloniales Kunstwerk eines DDR-Künstlers zu sehen anstelle einer eher überflüssigen Arno-Breker-Skulptur.

Und Israel? Das ist hier kein Thema, obwohl Kolonialkriege westlicher Demokratien wie der bis 1962 dauernde Algerienkrieg Frankreichs und auch der britische Mau-Mau-Krieg (1952–1960) ihre Beachtung finden. An die Herausforderung, wie dargestellt werden kann, dass aus der nationalen Befreiungsbewegung der Juden ein siedlerkoloniales Projekt wurde, traut sich das DHM (noch) nicht heran. Aber wer mit ein wenig eigener historischer Urteilskraft ausgestattet diese hervorragend kuratierte Ausstellung besucht, dem hilft sie sehr, auch einige Ideologeme der heutigen Bundesrepublik in Frage zu stellen.

»Umstrittene Verwandtschaft. ­Koloniale und nationalsozialistische Gewalt«, Deutsches Historisches Museum, bis 11. April 2027

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.10.2026, Seite 11, Feuilleton

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