An die Lebenden
Zum Tod des Künstlers, Autors und Kulturphilosophen Raoul Vaneigem
Der Verfasser des sagenumwobenen »Handbuchs der Lebenskunst für die jungen Generationen« ist tot. Raoul Vaneigem wurde 92 Jahre alt. Geboren wurde er 1934 in der Heimat des Malers René Magritte. Lessines ist eine kleine französischsprachige Stadt im Westen der belgischen Provinz Hennegau. Vaneigem entstammte einem antiklerikalen Arbeitermilieu. Sein Vater war gewerkschaftlich organisierter Eisenbahner. Vaneigem selbst neigte eher dem spontaneistisch-anarchistischen Milieu zu. So organisierte er sich in der Situationistischen Internationalen (SI), einer Vereinigung von subversiven Künstlern rund um den Charismatiker Guy Debord.
Organisatorisch spielten die Situationisten kaum eine so bedeutende Rolle, wie man sie Anarchisten, Trotzkisten und Maoisten während des Mai 1968 zugestehen muss, als Frankreich mit wilden Streiks und Besetzungen überzogen wurde – und manche von einer revolutionären Situation sprachen. Doch die SI lieferte die Schlüsseltexte der 68er-Bewegung, indem subversive Künstlerpraxis mit Marx und rätesozialistischen Gedanken kombiniert wurde. Von Debord stammte das Pamphlet »Die Gesellschaft des Spektakels« (1967). Vaneigem lieferte eine Anweisung, wie das Glück jenseits der verwalteten Welt der spätkapitalistischen Spektakelgesellschaft gefunden werden kann. Wie seine Mitstreiter war er davon überzeugt, dass es um einen Einbruch des Augenblicks in die Realität gehen müsse, um das Leben zu verändern. Dieser Augenblick eröffnet die Verwirklichung der umfassenden Gesellschaftskritik von Marx. In der Lesart der SI-Aktivisten besteht diese hauptsächlich in einer Kritik der Tauschlogik, der Verdinglichung und Fetischisierung durch die Herrschaft der Ware.
Vaneigems Gesellschaftskritik kulminierte in dem zwischen 1963 und 1965 geschriebenen »Handbuch«, dessen Überlegungen er in seinem »Buch der Lüste« fortsetzte, das schließlich 1979 in Paris erschien (deutsch 1984). Nach Vaneigem – hier der Kritik Adornos und Horkheimers aus der »Dialektik der Aufklärung« folgend – entheiligt das bürgerliche Denken zwar den Mythos und die Opfergaben, bringt jedoch wieder neue Mythen und Opferideologien hervor. Bis in die Kreise der Linken hinein: »Opfert euch freudig, Brüder! Für die gerechte Sache, für die Ordnung, für die Revolution, für die Partei, für die Gewerkschaften, für den Rinderbraten!«
Vaneigems Vorschlag lautete, sich dem langweiligen bürgerlichen Leben zu entziehen. Eine Kritik, die besonders in den scheinbar übersättigten westlichen Konsumgesellschaften Mitte des 20. Jahrhunderts eine gewisse Popularität gewinnen konnte: »Wir wollen keine Welt, in der die Garantie, nicht zu verhungern, mit der Gefahr erkauft wird, vor Langeweile zu sterben.«
Ob Vaneigems Annahme stimmt, einzig im Revolutionsprozess käme unentfremdete Libido zu ihrem Recht, sei dahingestellt. Zumindest hatte Vaneigem dem patriarchalen Denken deutlich den Kampf angesagt. Sein Buch »An die Lebenden! Eine Streitschrift gegen die Welt der Ökonomie« von 1990 ist stark geprägt von der Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre. Er lebte zurückgezogen auf dem Land im Département Yonne sowie in einer kleinen Wohnung an der Mittelmeerküste Kataloniens nahe Barcelona. Bis zuletzt blieb Vaneigem der Revolte und dem Aufstand treu. Er solidarisierte sich mit den Zapatistas aus Chiapas, die ab 1994 dem Neoliberalismus in Mexiko den Kampf ansagten, und mit den Platzbesetzungen der sogenannten Gelbwesten in Frankreich in den Jahren 2018 und 2019. Vaneigem sprach sich dafür aus, dass Demokratie ihren Platz auf der Straße, nicht an den Wahlurnen habe. Ein Kampf um das Recht auf Glück müsse jetzt die Form eines aufständischen Pazifismus annehmen, der das Leben selbst zu einer absoluten Waffe macht – zu einer Waffe, die nicht tötet.
Angesichts einer frustrierten und entmachteten Jugend könnten Vaneigems lebensphilosophisch überformte Gedanken durchaus wieder probate Vorschläge bereithalten, auch gegen Wehrpflicht und Alltagsmilitarismus. Sogar angesichts der akuten Faschisierungsprozesse lassen sich kluge Gedanken bei ihm finden, wenn er bereits im »Handbuch« festhielt, dass der »Mensch des Ressentiments« ein Mensch »ohne Bewusstsein der möglichen Aufhebung« ist. »Die Welt durch ein Schlüsselloch betrachten, daran ergötzt sich der Mensch des Ressentiments.«
Raoul Vaneigem starb am 28. Juli in Barcelona.
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