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Aus: Ausgabe vom 01.12.2023, Seite 11 / Feuilleton
Bergbau

Toxischer Schlamm

Die Sonderausstellung »Man & Mining« des Hamburger Museums der Arbeit
Von Fabian Lehmann
Pieter Hugo, David Akore, Agbogbloshie Market, Accra, Ghana, 200
Pieter Hugo: »David Akore, Agbogbloshie Market, Accra, Ghana« (2009/2010)

Würde es den Männern nicht ihre Subjektivität absprechen, man wäre versucht, die Minenarbeiter auf dem Foto von Sebastião Salgado mit Ameisen in ihrem Bau zu vergleichen. Ihre schiere Zahl, das geschäftige Auf und Ab in den Gängen, die horizontal und vertikal in den Berg gegraben sind, und die Distanz der Aufnahme, die aus den Menschen kleine Figuren macht, zielen auf diesen Eindruck ab. Salgado hat seine Schwarzweißaufnahmen bereits 1986 in der Goldmine Serra Pelada im Norden Brasiliens aufgenommen. Damals war sie die größte Goldmine weltweit.

Diese historischen Fotografien werden in »Man & Mining«, der neuen Sonderausstellung des Hamburger Museums der Arbeit, mit allzu gegenwärtigen Aufnahmen kontrastiert. Auf ihnen zu sehen: eigentümliche Landschaften aus Computertechnik sowie deren Besitzer, die mit Hilfe des Technikgewühls Kryptomining betreiben. Also in einem langwierigen Prozess und unter Einsatz hoher Rechenleistungen Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether gewinnen, sozusagen »abschürfen«. Für seine Fotoserie »Proof of Work« reiste Danny Franzreb um die Welt und dokumentierte industrielle Mining-Farmen in Russland oder Techminen in häuslichen Kellern.

Was hat nun die körperliche Arbeit in den Goldminen Brasiliens mit der digitalen Welt gemein, die ihre Arbeit unter Zufluss von Strom verrichtet? Nicht viel, nur wird beides als Minenarbeit bezeichnet. »Man & Mining« ist ein Rundgang durch die Auswüchse des Rohstoffhungers, ein Verzeichnis des Wettlaufs um die Gewinnung von Metallen, Erden und Sedimenten. Die Ausstellung spricht über Tiefseebergbau, informellen Bergbau im globalen Süden oder das sogenannte »Landfill Mining«, das Schürfen in Deponien, um das zurückzugewinnen, was zuvor entsorgt wurde.

Entstanden ist die Hamburger Ausstellung gemeinsam mit der saarländischen Völklinger Hütte, dem einzigen vollständig erhaltenen Eisenwerk aus dem 19. Jahrhundert, das als Denkmal der Industrialisierung zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Die Ausstellungsmacher wollen Asymmetrien sichtbar machen, das Ungleichgewicht zwischen den oft lebensbedrohlichen Abbaubedingungen in den Ländern des Südens und dem entfesselten Konsum eines »Black Friday« im Norden. Dabei setzen sie ausschließlich auf zeitgenössische Kunst. Der Spagat zwischen ästhetisch-konzeptueller Annäherung auf der einen und der Dokumentation handfester Arbeitsbedingungen auf der anderen Seite gelingt erstaunlich gut.

So macht »Rare Earthware« (2015) des Künstlerkollektivs »Unknown Fields« materiell fassbar, was sonst unsichtbar bleibt. Drei schlichte Keramikvasen in unterschiedlichen Größen sind aus toxischem Schlamm gefertigt, der bei der Gewinnung seltener Erden anfällt. Die Größe der Vasen entspricht dabei jeweils der Abfallmenge, die bei der Produktion eines Smartphones, eines Laptops oder einer Autobatterie anfällt. Man müsste solche Vasen giftigen Schlamms bei jedem Kauf eines Elektro­geräts als obligatorisches Beiprodukt mitreichen. Es gäbe uns Konsumierenden eine Vorstellung von der ökologischen und sozialen Tragweite dessen, was wir uns da »in die Tasche stecken«, wie es Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda bei seiner Eröffnungsrede formulierte. Er sprach von der »Bedarfsweckungswirtschaft« des Kapitalismus und rief in Erinnerung, dass niemand mit dem Bedarf nach einem Smartphone geboren werde.

Eindrücklich auch die Videoarbeit »All Up In My Grill« (2018) von »Unknown Fields«. Sie zeigt Arbeiter im madagassischen Ilakaka, die zum menschlichen Fließband degradiert worden sind. Für ihre Arbeit erhalten sie 50 Gramm Reis am Tag, ein maschinelles Fließband wäre teurer. Man fühlt sich bei der haarsträubenden Choreographie dieser Menschmaschine an die Geschichte der »Gandy Dancers« in den Südstaaten der USA erinnert: Afroamerikaner, die in gemeinsamer Aufbringung ihrer Körperkraft und im Takt des eigenen Gesangs verzogene Eisenbahnschienen zurechtbogen. Der irrt, der meint, dass solche Arbeitsbedingungen der Vergangenheit angehören.

»Man & Mining«, Museum der Arbeit, Hamburg, bis 1. Mai 2024

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