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»Armut taucht indirekt immer wieder auf«
Hamburg: 50 Jahre Telefonseelsorge der Evangelischen Studierendengemeinde. Ein Gespräch mit Gisela Groß-Ikkache
Die Evangelische Studierendengemeinde Hamburg hat im Oktober das 50jährige Bestehen ihrer Studentischen Telefonseelsorge, kurz Stuts, gefeiert. Was haben Sie dabei thematisiert?
Wir haben zurückgeblickt: Wie hat das angefangen in den turbulenten Jahren der Evangelischen Studierendengemeinde Hamburg in den 1970er Jahren, die sehr aktiv war in der Grindelallee, im Martin-Luther-King Haus. Es gab im ganzen Haus viele Räume, die an ganz unterschiedliche aktive Gruppen vermietet wurden. Der Landeskirche war das alles viel zu politisch. Unter anderem deshalb hat man überlegt, wie man dieser Studierendengemeinde einen neuen Charakter geben konnte. Es wurden dann Arbeitsbereiche voneinander getrennt und ein Hochschulpfarramt für Seelsorge und Beratung geschaffen. Ein weiterer Zweig wurde der Bereich Diakonie und Ökumene, die Arbeit mit ausländischen Studierenden. Und dann gab es den dritten Bereich für Gottesdienste und Gruppen, wie zum Beispiel Bibelarbeit.
Und wie entwickelte sich die Seelsorge?
Den Bereich übernahm Dr. Uwe Böschemeyer, der eine Promotion über die Sinnfrage in Existenzanalyse und Logotherapie Viktor Frankls aus theologischer Sicht geschrieben hatte. Er war Schüler von Frankl, einem Psychotherapeuten und Holocaustüberlebenden. Böschemeyer nutze seine Kontakte mit der psychologischen Fakultät und setzte den Plan um, den Studierenden der zur Massenuniversität gewordenen Hamburger Uni Seelsorge anzubieten. Die Studierenden befanden sich oftmals in schwierigen Lebenssituationen und brauchten Orte, wo sie offen sprechen konnten. Ab dem 15. November 1976 war jeden Abend im Semester eine Hamburger Rufnummer von 20 bis 24 Uhr erreichbar, wo Studierende saßen, die Kommilitonen zuhörten.
Wie hat sich diese Telefonseelsorge professionalisiert?
Nach einer Weile wurde deutlich, dass es wichtig ist, die Studierenden auszubilden. Beim Entgegennehmen der Anrufe sind sie mit teilweise sehr schwierigen Themen konfrontiert. So bedeutet Telefonseelsorge anzubieten immer auch, mit Menschen umzugehen, die an Selbsttötung denken. In den Anfangsjahren dauerte die Ausbildung ein Semester mit sechs Semesterwochenstunden, heute sind es zweisemestrige Ausbildungen. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit einem Pastor bzw. einer Pastorin und einem Psychologen bzw. einer Psychologin. Oft sind die bei uns aktiven Studierenden später selbst Psychologen oder Therapeutinnen geworden, haben aber auch in anderen Berufsfeldern wie Theologie, Medizin oder Lehramt sehr von ihrer Ausbildung bei der Telefonseelsorge profitiert. Das Angebot der Seelsorge jeden Abend ist seitdem geblieben. Wir sind von 20 bis 24 Uhr unter der Nummer 040 411 70 411 erreichbar – anonym und vertraulich. Unser Angebot ist offen für alle, unabhängig von Religion und Weltanschauung. Das gilt für die Anrufenden wie für die Mitarbeitenden.
Bieten Sie auch Therapie an?
Nein, wir gehen davon aus, dass es eher Einmalkontakte sind. Leute rufen an und es geht vor allen Dingen darum, erst mal einfach nur zuzuhören, da zu sein und auszuhalten, was Menschen bewegt, sie ernst zu nehmen und wertzuschätzen. Wir sind bundesweit erreichbar und die einzige studentische Telefonseelsorge, die nach Standards der Telefonseelsorge Deutschland e. V. ausbildet und machen mit unseren rund 50 ehrenamtlich tätigen Studierenden regelmäßig Supervision.
Hat sich in den vergangenen Jahren etwas an den Problemen der Anrufer geändert?
Es gibt Themen, die immer eine wichtige Rolle spielen, und auch viele Menschen, die regelmäßig anrufen. Das sind Menschen, die durch alle Raster fallen: solche mit psychischen Schwierigkeiten; Vereinsamte, die vielleicht zu Hause sitzen und nur Kontakt zum Pflegedienst haben. Armut ist ein strukturelles Problem, das indirekt in den Gesprächen immer wieder auftaucht. In den vergangenen Jahren ist auch Einsamkeit bei jungen Menschen ein großes Thema. Wir haben die Situation gerade auch von jungen Leuten, die den Wunsch haben, Beziehungen einzugehen, aber Schwierigkeiten damit haben. Social-Media-Plattformen setzen sehr hohe Maßstäbe. Auch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im weitesten Sinne und politische Entwicklungen, wie der »Rechtsruck« bei der Wahl in Sachsen-Anhalt, sind Themen.
Gisela Groß-Ikkache leitet die Studentische Telefonseelsorge der Evangelischen Studierendengemeinde Hamburg
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