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Metalltarifrunde

»Fast alle sind rausgekommen«

Metalltarifrunde: Der Warnstreik vor dem Mercedes-Werk in Berlin war am Montag nur einer von vielen

Von Faheem Hemboum
Foto: Annegret Hilse/REUTERS
»Nicht zum Blitzableiter gemacht werden«: Trommelgruppe vor dem Mercedes-Werk am Montag in Berlin

Am Montag morgen versammelten sich rund 300 Arbeiter vor dem Mercedes-Benz-Werk in Berlin-Marienfelde zu einem vierstündigen Warnstreik. Sie kamen aus fünf Unternehmen: von Mercedes, Gillette, GE Vernova, Schindler und Tepper-Aufzüge. »Fast alle sind rausgekommen«, sagte IG-Metall-Berlin-Geschäftsführer Constantin Borchelt gegenüber junge Welt. »Mindestens jeder zweite« sei Gewerkschaftsmitglied.

Es geht in dieser Tarifrunde deutschlandweit um rund 3,7 Millionen Beschäftigte. Der Organisationsgrad in der Industrie ist hoch. Die IG Metall hat mehr als zwei Millionen Mitglieder. Sie ist mit einer Forderung von fünf Prozent mehr Lohn für ein Jahr in die Runde gegangen. Die Zurückhaltung hat ihr etwas eingebracht, das auch die Vorsitzende Christiane Benner nur als »Minusangebot« verstehen konnte. Einerseits verspricht Benner nun große Kämpfe, andererseits signalisiert sie ein weiteres Entgegenkommen bei Abweichungen nach unten vom Tarif.

Um neun Uhr war der Streikposten vor dem Werkstor von Mercedes aufgebaut, Fahnen und Westen sowie Kaffee und Brezeln waren an die Streikenden verteilt. Jüngere Aktive der gewerkschaftlichen Organizing-Kampagne erkundigten sich in orangen Westen bei den Streikenden nach ihrer Stimmung und der Lage im Betrieb. Diejenigen, die noch keine Gewerkschaftsmitglieder waren, sollten zum Eintritt in die Gewerkschaft gebracht werden.

Ungefähr um 9.45 Uhr traf die Belegschaft von GE ein. Kurz nach zehn Uhr schließlich folgten mit einem Autokorso die Beschäftigten von Gillette. Es gebe Kostendruck auf seiten der Unternehmen, so Borchelt, doch »die Beschäftigten dürfen nicht zum Blitzableiter gemacht werden«. Rhetorisch fragte er, wer dafür sorge, »dass die Aufträge abgearbeitet werden«, und warnte vor Kürzungen bei Ausbildungsgehältern.

Das Angebot der IG Metall beinhaltet auch eine Einmalzahlung von 600 Euro im kommenden Jahr, die bei schlechter Lage von Unternehmen ausgesetzt werden kann. Ob die Verhandlungen »eher Comedy oder Trauerspiel« seien, fragte IG-Metall-Sekretärin Sophie Jänicke in ihrer Rede. Sie erntete Kopfschütteln in den Reihen der Streikenden. Lebensmittel, Treibstoff, Energie und Wohnraum werden immer teurer, so Jänicke weiter. Die Beschäftigten hätten die Wahl, ob Konto oder Einkaufswagen leer blieben. Aber für Prämien sei in den oberen Etagen genug Geld da.

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Betriebsrat Nico Augner von GE Vernova, das für das dritte Quartal einen kräftigen Umsatzanstieg gemeldet hatte, erklärte, dass die von der IG Metall geforderten fünf Prozent mehr Lohn die Preissteigerung ausgleichen sollen. Es könnten nicht nur »die Verluste sozialisiert werden«, so Augner. »Tarifbeschäftigte sollen auch teilhaben, wenn Aktionäre und Manager kassieren.«

Den Beschäftigten bei Mercedes geht es auch um den Erhalt ihrer 35-Stunden-Woche, ein Ergebnis langer Kämpfe, wie die Redner immer wieder betonten. Außerdem will der Autokonzern Sonderzahlungen wie Weihnachts- oder Urlaubsgeld kürzen. »Die Gewerkschaft darf die Schraube nicht überdrehen«, polterte Henning Brandes, Verhandlungsführer des Verbands der Metall- und Elektroindustrie in Berlin und Brandenburg, am Montag. Wer »in dieser schwierigen Situation Streikrituale pflegt, hat den Ernst der Lage nicht verstanden«.

Warnstreiks gab es am Montag auch in Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Allein im Freistaat wurden 34 Betriebe bestreikt. Darunter der des Verhandlungsführers der Unternehmerseite, Thomas Kaeser, Kaeser-Kompressoren in Coburg.

In der Nähe von Schweinfurt demonstrierten am Montag nach Angaben des IG-Metall-Bevollmächtigten Jens Knüttel rund 300 Arbeiter aus vier Betrieben (Fränkische Rohrwerke, Fränkische Industrial Pipes, Bosch Rexroth Augsfeld und Elso Hofheim).

Die ersten Warnstreiks hatte es unmittelbar nach Ende der Friedenspflicht in der Nacht zum Montag gegeben. Beteiligt waren Nachtschichten bei Siemens Energy in Berlin und beim Mobilfunkzulieferer Qualcomm in München. Bei einem Weißblechhersteller von Thyssen-Krupp in Andernach (Rheinland-Pfalz) stellten sich um Mitternacht rund 300 Beschäftigte mit Feuertonnen vors Werkstor. Bei den Elbe-Flugzeugwerken in Dresden wurden Früh- und Spätschicht bestreikt.

Die Gewerkschaft will die Proteste im Laufe der Woche auf das gesamte Bundesgebiet ausweiten. Für Berlin hat die IG Metall für diesen Dienstag Warnstreiks vor neun Werkstoren angekündigt, unter anderem bei BMW, Osram und Siemens.

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Erschienen in der Ausgabe vom 03.11.2026, Seite 5, Inland

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