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Ideologieproduktion

Wenn der Stuss zu uns kommt

Peinliche Militarisierungspropaganda ist keine deutsche Spezialität: Franz-Stefan Gady bringt das Publikum in Österreich auf Trab

Foto: Hans Klaus Techt/APA/dpa
Soldaten des österreichischen Bundesheeres üben den »Kampf im Stellungssystem« auf dem Truppenübungsplatz Bruckneudorf (24.7.2025)

Franz-Stefan Gady, Jahrgang 1982, »zählt zu den führenden Militäranalysten im deutsch- und englischsprachigen Raum«, heißt es am Ende des Buches auf Seite 160. »Überfall« steht in Riesenlettern auf dem Cover. Untertitel: »Wenn der Krieg zu uns kommt«. »Uns« meint in dem Fall speziell Österreich. Der »Überfall« geht erwartungsgemäß von Russland aus.

Das Szenario ist schnell ausgedacht. Man muss nur ein paar Meldungen der letzten Monate Revue passieren lassen, Drohnengeschichten da und dort, Russland allüberall, so auch hier: Los geht es am »15. November 2028« in Litauen. »Unterseekabel in der Ostsee zwischen Litauen und Schweden« werden durchtrennt, noch handelt es sich um »unbekannte Akteure«. Es gibt Stromausfälle in Vilnius. »Russische Kampfjets verletzen wiederholt den litauischen Luftraum. Als Antwort steigen NATO-Alarmrotten in die Luft«, verrät uns der »führende Militäranalyst«. Der Tag »reiht sich ein in eine Abfolge« von »Cyberangriffen, mysteriösen Brandanschlägen auf mehrere Bahnhöfe« und so weiter. Schließlich ruft der litauische Präsident »nach Artikel 222 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union die europäische Solidaritätsklausel aus«. Dann nimmt alles seinen Gang.

2029 hat der Krieg Österreich erreicht. »Die Neutralität schützt uns nicht«, hatte schon drei Jahre zuvor die damalige Außenministerin Beate Meinl-Reisinger landauf, landab gepredigt. Gady will das plastisch darstellen. Teil 2: »Die ersten Kriegstage«, Teil 3: »Der Krieg zieht sich in die Länge«, Teil 4: »Analyse: Ein Jahr Krieg«. Dann noch einige Seiten »Schlussfolgerungen« und Ende.

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Im Jahr 2024 erschien das Buch der US-amerikanischen Schriftstellerin Annie Jacobsen »72 Minuten bis zur Vernichtung: Atomkrieg – ein Szenario.« Es beschreibt den fiktiven Verlauf eines Atomkriegs, der vom Start der ersten – selbstverständlich nordkoreanischen – Atomrakete bis zur praktisch kompletten Zerstörung der USA und eines großen Teils der restlichen Welt gerade einmal die im deutschen Titel genannten 72 Minuten dauert. Auch hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Im Falle Gadys werden natürlich militärische Kenntnisse hervorgekehrt, was nichts daran ändert, dass es sich ebenso um Fabuliererei handelt.

Warum drängt sich ein Vergleich des Gady-Buches mit neueren und älteren Atomkriegsdystopien auf? Weder hier noch dort ist von Kriegsgründen, von Interessen beteiligter Mächte oder mächtiger Netzwerke die Rede. Kriege brechen einfach aus. In den Fällen Jacobsen und Gady liegt der Sinn und Zweck der Storys auf der Hand: Es handelt sich um Mosaiksteine für die Propaganda der »eigenen« Seite. Interessant scheint aber doch, wie geschichtsvergessen dabei zu Werke gegangen wird. Gadys Buch »Überfall« erschien im österreichischen Molden-Verlag, der zur Styria Media Group gehört. Vor beinahe einem halben Jahrhundert, im Jahr 1978, erschien im Molden-Verlag ein anderes »bahnbrechendes« Buch, Titel: »Der Angriff«. Handelt es sich bei Gadys Aggressor um die heutige Russische Föderation, so war es ein halbes Jahrhundert davor die Sowjetunion. Untertitel: »Der Vorstoß Moskaus zur Weltherrschaft«. Ein Dutzend Jahre später wusste alle Welt, dass es mit diesem eingebildeten »Vorstoß« nicht so weit her gewesen sein kann.

Dabei ist dem Autor des »Angriff« noch zugute zu halten, dass er sich redlich bemüht hat, ein paar zwar windige, aber immerhin argumentähnliche Indizien für die Aggression zusammenzutragen, Marke »Sozialismus gegen Freiheit«, und 400 Seiten vollzuschreiben. Gady begnügt sich mit 160. Ein paar Kapitelüberschriften von 1978: »Der Dritte Weltkrieg hat schon begonnen«, »Sozialismus aus dem Gewehrlauf der Terroristen«, »Der Griff nach Europa«, »Vorentscheidung in Afrika«, »Machtkampf um Asien«, »Endziel Amerika«. Der Autor, Hans Graf Huyn, war Politiker der CSU und Berater von Franz Josef Strauß, der auf dem Cover einer Folgeauflage neben Richard Nixon und Reinhard Gehlen als hymnisch lobende Stimme aufscheint. Bei Gady sind es die nicht ganz so berühmten, dafür aber berüchtigten Carlo Masala und Florence Gaub.

Zusammengehalten wird die phantasievolle Erzählung durch Chuzpe, wie sich bereits im Vorwort zeigt. Das beginnt mit Afghanistan, wo Gady im Jahr 2015 »mit der afghanischen Armee, der US Army und den rumänischen Streitkräften unterwegs« war. Er erwähnt, dass im Sommer jenes Jahres diese Koalition »den Angriff von Taliban-Kämpfern auf das Camp Integrity abgewehrt hatte, den Militärflughafen in Kabul«. Damit ist doch hoffentlich klargestellt, wer in diesem fernen Land der Angreifer war und wer der Verteidiger.

Franz-Stefan Gady: Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt. Molden, Wien 2026, 160 Seiten, 24 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.11.2026, Seite 15, Politisches Buch

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