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Faschismusforschung

Ein riesiger Fundus

Faschismus und Kriegsvorbereitung: Drei Beiträge zur DDR-Faschismusforschung fragen nach deren Relevanz für die Gegenwart

Foto: Reinhard Kaufhold/ZB/picture alliance
Vor der Abwicklung: Kundgebung zur Erinnerung an die Opfer des Faschismus auf dem Bebelplatz in Ostberlin (10.9.1989)

Krieg und Faschismus sind untrennbar miteinander verbunden – davon ist der Historiker Manfred Weißbecker überzeugt. In der heutigen Faschismusforschung werde dieser Zusammenhang jedoch vernachlässigt. Der schmale Band »Aufrüstung, Krieg, Faschismus«, herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen, versammelt drei überarbeitete Vorträge, die im Mai 2025 anlässlich des 90. Geburtstags des in Jena lebenden Weißbecker gehalten wurden: neben dessen eigenem Beitrag eine Würdigung seines Lebenswerks durch Mario Keßler und eine Skizze der DDR-Faschismusforschung von Christoph Kopke.

Weißbecker verfolgt die Verbindung von Militarismus und Faschismus bis in die Zeit vor dem Aufstieg der NSDAP zurück, etwa anhand des Konzeptes vom »totalen Krieg«, das bereits in den frühen 20er Jahren von Offizieren der Reichswehr entwickelt wurde. Diese Militärs hätten damit einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des deutschen Faschismus und zur späteren Entfesselung des nächsten Weltkrieges geleistet. Die Vorbereitung eines »totalen Krieges« habe darauf gezielt, sämtliche militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen zu mobilisieren und die Bevölkerung als »Volksgemeinschaft« zu militarisieren. Darin sieht Weißbecker eine erweiterte Form kapitalistischer Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse.

Er kritisiert eine »Entökonomisierung« der neueren Forschung – diese versuche, den Faschismus von seinen kapitalistischen Grundlagen zu lösen. Gerade angesichts der immer offener ausgetragenen Kämpfe um Rohstoffe, Absatzmärkte und Einflusszonen sei das problematisch. Politik, Militär und Rüstungswirtschaft agierten auch heute wieder in einer »unheilvollen Gemeinsamkeit«. In aktuellen militärstrategischen Konzepten erkennt Weißbecker Elemente früherer Theorien des »totalen Krieges« wieder.

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Keßler zeichnet den wissenschaftlichen und politischen Lebensweg Weißbeckers nach. Die DDR habe Menschen wie Weißbecker, der nicht aus dem Bildungsbürgertum kam, den Weg zur Universität und zur wissenschaftlichen Arbeit ermöglicht. 1992 verlor er seine Professur in Jena, setzte seine wissenschaftliche Arbeit jedoch fort und engagierte sich unter anderem in der Rosa-Luxemburg-Stiftung und in der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung, die bis 2024 existierte.

Eine Übersicht über die Faschismusforschung in der DDR bietet Christoph Kopkes Beitrag. Er wendet sich gegen die »wohlfeil vorgetragene pauschale Denunzierung« der DDR-Geschichtswissenschaft als reine Legitimations- oder Herrschaftswissenschaft und erinnert an Arbeiten von bleibendem wissenschaftlichem Wert. Der 1980 erschienene Sammelband »Faschismusforschung. Positionen – Probleme – Polemik« etwa sei ein »Meilenstein« gewesen. Nach dem Ende der DDR wurden ihre institutionellen Grundlagen beseitigt. Weißbecker veröffentlichte 2020 einige seiner zuvor verstreut publizierten Texte unter dem Titel »Noch einmal über die Bücher gehen« – damit hat er laut Kopke zugleich eine Aufgabe formuliert.

Das sind durchaus neue Töne, denn an die Leistungen der Faschismusforschung der DDR haben jahrzehntelang fast allein die »abgewickelten« Forscher wie eben Weißbecker erinnert. Auch in der linken Publizistik wurde dieser riesige Fundus an Wissen nach 1990 oft ignoriert oder abgewertet. Völlig frei ist davon auch dieser Band nicht. Wenn die politischen Grenzen der DDR-Faschismusforschung benannt werden sollen, werden mitunter Deutungsmuster übernommen, die zu ihrer pauschalen Delegitimierung beigetragen haben. Als wäre das selbstverständlich, wird bisweilen eine Anpassung an den westdeutschen Forschungskonsens eingefordert bzw. dieser zum Maßstab gemacht. Trotz dieser Einwände ist der Grundgedanke wichtig: Faschismus lässt sich nicht verstehen, wenn man Aufrüstung, Krieg, Kapitalinteressen und rechte Demagogie jeweils isoliert betrachtet. »Historische und aktuelle Faschismusforschung tut not«, betont Manfred Weißbecker.

→ Manfred Weißbecker, Mario Keßler, Christoph ­Kopke: Aufrüstung, Krieg, Faschismus. Die Bedeutung der DDR-Faschismusforschung für heute. VSA, ­Hamburg 2026, 88 Seiten, 12 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.10.2026, Seite 15, Politisches Buch

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