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Spur der Verwüstung
Der »globale Antiterrorkrieg« hat Millionen Menschenleben gefordert – und ist immer noch nicht vorbei
Mehr als 900.000 durch direkte Kampfhandlungen Getötete und zwischen 37 und 51 Millionen Vertriebene in den ersten 20 Jahren des »War on Terror«: Zu diesem Ergebnis kam bereits im Jahr 2021 eine Studie des »Costs of War Project« der US-amerikanischen Brown-Universität. Das etwa ein Jahrzehnt zuvor begründete Projekt untersucht die Folgen der US-Kriege, die nach »9/11« vom Zaun gebrochen wurden. Nur zwei Jahre später, im Jahr 2023, wurden bereits 940.000 Kriegstote gezählt, 432.000 davon Zivilisten. Die größte Anzahl an Toten gab es im Irak, in Afghanistan, in Syrien, im Jemen, in Libyen, in Somalia und in Pakistan.
In mehr als 80 Ländern haben die USA sogenannte Militäroperationen durchgeführt, die sie als »Terrorismusbekämpfung« bezeichnen. Viele dieser Einsätze dauern bis heute an. Es handelt sich dabei um Luft- und Drohnenangriffe, Bodenkämpfe sowie »127e-Programme«, bei denen US-Spezialeinheiten Partnereinsätze planen und kontrollieren, um Militärübungen sowie Ausbildungs- und Unterstützungseinsätze für ausländische Streitkräfte zu gewährleisten.
Astronomische Verluste
Die von den Forschern ebenfalls ermittelten acht Billionen US-Dollar, die der »War on Terror« die USA zwischen 2001 und 2021 gekostet hat, umfassen die direkten Aufwendungen für die nach dem 11. September geführten Kriege. Darunter fallen auch sogenannte Auslandsnotfalloperationen des Verteidigungsministeriums und Kriegsausgaben des Außenministeriums, einschließlich kriegsbedingter Erhöhungen des Pentagon-Basisbudgets. Hinzu kommen die Versorgung von Veteranen, Ausgaben des Heimatschutzministeriums und Zinszahlungen für die Kreditaufnahmen zur Finanzierung der Kriege. Weil die »Militäroperationen« andauern, steigen auch die Kosten seit 2021 weiter an.
Unter den etwa 900.000 Todesopfern sind US-Militärangehörige wie auch verbündete Soldaten, Oppositionskämpfer, Zivilisten, Journalisten und humanitäre Helfer. Die im Bericht von 2021 veröffentlichte Zahl umfasst ausschließlich in direkten Kampfhandlungen Getötete. Die vielen indirekten Todesfälle infolge von Krankheiten, Vertreibungen sowie Mangel an Lebensmitteln und Trinkwasser sind nicht inbegriffen. Anlässlich der Veröffentlichung der Zahl an direkten Kriegstoten bis zum Jahr 2021 sagte Neta Crawford, Mitbegründerin des »Costs of War«-Projekts und Professorin für Politikwissenschaften: »Die von uns gezählten Todesfälle sind wahrscheinlich eine gewaltige Unterschätzung des tatsächlichen Tributs, den diese Kriege gefordert haben.« Die Koprojektleiterin Stephanie Savell stellte fest: »In zwanzig Jahren werden wir uns immer noch mit den hohen gesellschaftlichen Kosten der Kriege in Afghanistan und im Irak auseinandersetzen müssen – lange nachdem die US-Truppen verschwunden sind.«
Tatsächlich legten die Wissenschaftler zwei Jahre später, im Mai 2023, nach und bezifferten auch die indirekten Todesopfer, die aufgrund von Verletzungen, Erkrankungen und Zerstörungen von Wirtschaft, Gesundheitssystemen, Infrastrukturen und Umwelt bis zu diesem Zeitpunkt zu beklagen waren: 3,6 bis 3,8 Millionen Menschen, in allererster Linie Zivilisten, seien in den Kriegsgebieten aus anderen Gründen als direkten Kriegshandlungen ums Leben gekommen. Damit steige die Gesamtzahl der Todesopfer auf mindestens 4,5 bis 4,7 Millionen, und es würden immer mehr.
Der globale »Krieg gegen den Terror« war der bislang zerstörerischste Kampf im 21. Jahrhundert, der den größten Blutzoll forderte. Wie der Bericht feststellt, ist noch mit einer sehr viel höheren Zahl von Todesopfern zu rechnen: Weitere 7,6 Millionen Kinder litten demnach in den Kriegsgebieten, die der »War on Terror« geschaffen hat, an akuter Mangelernährung. Auch körperliche und psychische Gesundheitsprobleme dauerten an, sowohl bei Einheimischen als auch bei US‑Veteranen. Neben zerstörten Gesundheitssystemen hat, so etwa im Irak, auch der katastrophale Zustand von Straßen und Verkehrssystemen zu zahlreichen Toten geführt. Hinzu kommen zerstörte Häfen sowie beschädigte städtische Gebäude und Stromsysteme. In Libyen sank die Lebenserwartung von Männern infolge des Krieges um neun Jahre, die von Frauen um sechs. In Afghanistan starb in den ersten Monaten des Jahres 2022 eines von zehn Neugeborenen.
Nährboden für Extremisten
Die US-amerikanischen Kriege, die vielfach mit dem Ziel geführt werden, Regierungen zu stürzen, haben oftmals Entwicklungen befördert, die Washington selbst nicht kontrollieren konnte. In verwüsteten Staaten entstehende bewaffnete Gruppen wurden aber auch gezielt eingesetzt, um im Sinne einer Teile-und-herrsche-Politik Länder zu spalten und unliebsame Regierungen zu bekämpfen. Nachdem die CIA durch die Unterstützung der Mudschaheddin in Afghanistan als »Bollwerk« gegen die Sowjetunion (wie zuvor schon unter anderem mit der Muslimbruderschaft in Ägypten) die Entstehung der islamistischen Organisation Al‑Qaida erst ermöglicht hatte, welche dann für den 11. September verantwortlich gemacht wurde, wiederholte sich die Geschichte im Irak und in Syrien.
Es waren die US-amerikanische Invasion und Besatzung im Irak inklusive der Zerstörung des säkularen Staatsapparats, die den Nährboden für dschihadistische Gruppen schufen und den sogenannten Islamischen Staat (IS) groß werden ließen. Die gezielte Zerstörung von Infrastruktur und öffentlicher Daseinsvorsorge sowie der Verlust Hunderttausender Arbeitsplätze, die eben nicht durch die angeblich magische Hand des freien Marktes ersetzt wurden, beförderten extremistische Tendenzen genauso wie die Schaffung eines konfessionalistischen politischen Systems. Dass die USA, Israel, die Türkei und die Golfstaaten in Syrien dem IS und Al-Qaida nahestehende Gruppen trainierten und bewaffneten und dass diese Waffen auch in die Hände des IS fielen, ist längst bekannt. Der syrische Machthaber Ahmed Al-Scharaa – bzw. Abu Mohammed Al-Dscholani, wie er sich früher nannte – wird heute im Westen hofiert, obwohl er als Gründer des syrischen Al-Qaida-Ablegers Nusra-Front (heute: Haïat Tahrir Al-Scham, HTS) steckbrieflich als Terrorist zur Fahndung ausgeschrieben war.
Immerhin hat auch in den USA inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung verstanden, dass die völkerrechtswidrigen US-Kriege die Welt und auch die Vereinigten Staaten selbst keinesfalls sicherer gemacht haben. Anlässlich des jüngsten israelisch-US-amerikanischen Angriffskriegs gegen den Iran sagten in einer Umfrage 77 Prozent der US-Amerikaner, Washington solle sich mit dem Einsatz militärischer Gewalt im Ausland zurückhalten – insbesondere was Regime-Change-Kriege betrifft.
Wiebke Diehl ist Autorin und Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Naher Osten.
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