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Störfaktor Notfallpatient

Barmer-Krankenhausreport 2026

Foto: Falk Heller/argum/IMAGO
Die Notaufnahme für viele gerade deshalb die erste Anlaufstelle, weil andere Gesundheitsbereiche längst kollabieren

Wer krank ist und Hilfe braucht, soll künftig erst einmal telefonieren. So lautet die Botschaft des neuen Krankenhausreports der Barmer. Nicht die Notaufnahme soll leichter erreichbar werden, sondern der Weg dorthin schwerer. Die Kasse fordert verpflichtende Ersteinschätzungen, mehr Steuerung, sprich: mehr Auslese. Denn angeblich landen dort zu viele Menschen.

Eine absurde Sicht. Niemand sitzt freiwillig stundenlang in einer überfüllten Notaufnahme. Die Menschen tun es, weil sie anderswo oft keine Hilfe mehr bekommen. Hausarztpraxen sind überlastet, Facharzttermine Mangelware, Bereitschaftsdienste vielerorts schwer erreichbar. Wer am Abend, in der Nacht oder am Wochenende gesundheitliche Beschwerden hat, landet dort, wo die Tür noch offen ist: im Krankenhaus.

Ausgerechnet dieser letzte verlässliche Anlaufpunkt soll nun stärker abgeschottet werden. Mit dem Schlagwort von den »nicht dringlichen Notfällen« werden die Patienten selbst zum Problem erklärt. Nicht die Versorgungslücken stehen im Fokus, sondern diejenigen, die unter ihnen leiden. Dabei ist die Notaufnahme für viele gerade deshalb die erste Anlaufstelle, weil andere Teile des Systems längst zu kollabieren drohen.

Seit Jahren wird die Daseinsvorsorge der betriebswirtschaftlichen Logik unterworfen. Krankenhäuser verschwinden, Personal fehlt an allen Ecken, Pflegekräfte verlassen den Beruf, Arztpraxen bleiben unbesetzt. Gleichzeitig wächst der politische Druck, Leistungen billiger zu erbringen. Das Ergebnis zeigt sich täglich: lange Schlangen vor den Behandlungszimmern, überlastete Beschäftigte und Patienten, die nicht wissen, wohin sie sonst sollen.

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Jetzt sollen die gesundheitspolitischen Verursacher per »Notfallreform« die Lösung liefern. Mehr Hotlines. Mehr digitale Triage. Mehr Lenkung. Wenn Notaufnahmen überquellen, wird nicht gefragt, warum die Versorgung versagt. Gefragt wird, wie sich der Zustrom begrenzen lässt. Nicht das System soll sich ändern, sondern das Verhalten der Patienten.

Natürlich braucht die Notfallversorgung bessere Strukturen. Natürlich müssen Patienten schneller in die passende Behandlung gelangen. Doch wer die Überlastung ernsthaft bekämpfen will, muss ihre Ursachen angreifen: den Personalmangel, das Profitdiktat und die chronische Unterfinanzierung des Gesundheitswesens. Mehr Pflegekräfte entlasten Notaufnahmen. Eine zusätzliche Servicenummer nicht.

Der Report liefert unfreiwillig selbst den Beweis. Die Inanspruchnahme entwickelt sich regional höchst unterschiedlich. Entscheidend ist also nicht das Patientenverhalten, sondern die Qualität der örtlichen medizinischen Versorgung. Wo sie funktioniert, bleiben die Notaufnahmen leerer. Wo sie kaputtgespart wurde, fangen die Kliniken die Defizite auf.

Also: Die Debatte steht Kopf. Nicht die Patienten müssen gelenkt werden, sondern die Auslöser der Versorgungskrise beseitigt. Wer in der Not Hilfe sucht, ist nicht das Problem. Ein Gesundheitswesen, das Kranke vor allem als »fehlgesteuerte« Kosten verbucht, schon.

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.10.2026, Seite 3, Ansichten

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