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Kleine große Männer

Foto: Kevin Lamarque/REUTERS

Jahrhunderte der Geschichtswissenschaft, der Weiterungen ihrer Methoden und Fragestellungen, der Herausforderungen, die ihr der Marxismus mit seinem historisch-materialistischen Ansatz gestellt hat, konnten dem eher schlichten Gedanken eines Thomas Carlyle oder eines Heinrich von Treitschke bis heute nichts anhaben. Dieser: »Männer machen die Geschichte.« Jener: »Die Geschichte der Welt ist nichts anderes als die Biographie großer Männer.« So denkt es in Redaktionen, wenn sie sich zur Frage verhalten, ob der laufende Krieg in der Ukraine beendet werden kann oder einfach weitergeht. Eine Angelegenheit, über die solche exzeptionellen Typen wie Putin oder Trump nach ihrer Laune befinden. Sumpfblütenlese.

Der englische Spectator: »Bislang deutet nichts darauf hin, dass der russische Präsident wirklich bereit ist, ein Abkommen zu schließen oder bei seinen Kriegszielen Zugeständnisse zu machen.« Die FAZ: »Putin und seine Umgebung sind überzeugt, dass sie im Krieg gegen die Ukraine und in ihrem Kampf gegen den gesamten Westen (…) den längeren Atem haben.« Der Corriere della Sera aus Mailand: »So wartet Putin die weitere Entwicklung der Dinge sowie die Wahlen in den USA und in Europa ab – und nimmt mit, was er bekommen kann, ohne selbst Zugeständnisse zu machen.« Die Süddeutsche Zeitung: »Verhandlungen sind für Putin nur ein Weg, schneller und kostengünstiger zu erreichen, was er andernfalls mit Gewalt durchdrücken will.« Schwer erträglich das alles, denn De Volkskrant aus Amsterdam gibt Bescheid: der »blutigste Aggressor seit Hitler«.

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Und der andere große Staatenlenker? Die schwedischen Dagens Nyheter glauben zu wissen, was Trumps Wille ist. Mit seiner rhetorischen Abkehr von Selenskij verhehle er nicht länger, »was er von Anfang an gewollt hat: dass Russland und sein Kumpel Wladimir Putin diesen Krieg gewinnen«. Ist das so? Oder treibt ihn nicht eher ein anderes Motiv an, wie Ilta-Sanomat aus Finnland nach gründlicher Seelenschau herausgefunden hat: »Hinter Trumps wirren Äußerungen zur Ukraine und zu Russland lässt sich durchaus eine Absicht erkennen. Er möchte sich den Ruhm für den Frieden anrechnen lassen.«

Das aber darf so nicht stehenbleiben, der Krieg muss weitergehen; Taten (großer Männer?) sind gefragt. Deshalb soll De Volkskrant noch einmal das Wort haben: »Europäische Kräfte (…) können nicht länger wie gelähmte Kaninchen in die Scheinwerfer von Trump und Putin starren. Sie müssen Maßnahmen ergreifen, die Putins Aggression in die Schranken weisen.« Findet auch Spiegel online: »Europa muss diese Männer stoppen.« (brat)

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.10.2026, Seite 2, Ansichten

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