In der Pflegefalle
»Teilkaskoversicherung« und Lastenverschiebung
Alimentierte Parlamentarier entdecken die pflegenden Angehörigen. Wieder einmal. Diesmal, weil sie dem Arbeitsmarkt fehlen. Die Pflege von Eltern, Partnern oder anderen Angehörigen drängt immer mehr Menschen aus dem Beruf. Laut einer am Dienstag veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung könnten deshalb bis 2045 mehr als 200.000 Vollzeitstellen unbesetzt bleiben. Der Befund ist richtig. Die politische Konsequenz wird jedoch konsequent verdrängt.
Der Knackpunkt: Union und SPD haben die Versorgung von Millionen Pflegebedürftigen faktisch in die Familien ausgelagert. Derzeit sind in Deutschland rund sechs Millionen Menschen pflegebedürftig. Drei Viertel von ihnen werden zu Hause von Verwandten oder Freunden betreut.
Was als »häusliche Pflege« beschönigt wird, bedeutet für Pflegende körperliche und psychische Überforderung, finanzielle Einbußen und soziale Isolation. Vor allem Frauen zahlen den Preis: weniger Einkommen, schlechtere Jobchancen und niedrigere Rentenansprüche. Zugleich ersetzen sie kostenlos Leistungen, die eigentlich professionell erbracht werden müssten.
Die gesetzliche Pflegeversicherung war von Anfang an als »Teilkaskoversicherung« konstruiert. Die Folgen: Die Eigenanteile steigen, Heimplätze werden für viele unbezahlbar, ambulante Dienste sind überlastet und Angehörige springen notgedrungen ein.
Doch Union und SPD halten unbeirrt an diesem Modell fest. Während die Partei Die Linke eine solidarische Pflegevollversicherung fordert, warnen Konservative und Sozialdemokraten reflexartig vor einem »Systembruch«. Als wäre die gegenwärtige Lage kein Systemversagen.
Das Standardargument gegen eine Vollversicherung lautet, sie sei zu teuer. Aber bezahlt werden muss ohnehin. Die Frage ist lediglich, ob die Kosten solidarisch getragen oder weiter auf Kranke, Alte und ihre Angehörigen abgewälzt werden.
Auch wenn die Forderung nach besserer Vereinbarkeit von Pflege und Beruf erhoben wird, ist das nur ein Herumdoktern an Symptomen. Flexible Arbeitszeiten, Familienpflegegeld oder etwas mehr Kurzzeitpflege mögen helfen. Sie lösen aber nicht das Grundproblem. Wer rund um die Uhr einen dementen Vater oder eine schwerkranke Ehefrau versorgt, braucht keine Motivationsseminare, keine wohlklingenden Vereinbarkeitsstrategien und keinen Ratgeber zur Work-Life-Balance. Er braucht fachkundige Unterstützung, ausreichend Pflegekräfte und eine Finanzierung, die den tatsächlichen Bedarf abdeckt.
Fest steht: Die »Teilkaskoversicherung« funktioniert nur, weil Töchter (und Söhne) ihre Erwerbsarbeitszeit senken, Ehepartner ihre Ersparnisse aufbrauchen und Pflegebedürftige immer tiefer in die eigene Tasche greifen müssen. Die Kosten verschwinden dadurch nicht. Sie werden privatisiert. Wer dieses Modell verteidigt, schützt nicht Beschäftigte vor der »Pflegefalle«. Er schützt ein System organisierter Lastenverschiebung, das Angehörige in die Armut treibt und die Pflegekrise verschärft.
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