Zum Inhalt der Seite
Gesundheitspolitik

Kriegstauglich bis ins Krankenzimmer

Universitätskliniken und BG-Kliniken fordern Milliardeninvestitionen und neue Strukturen für den »Bündnis- und Verteidigungsfall«

Foto: Juliane Sonntag/photothek/imago
Planspiele medizinischer Kriegstreiber: Die Militarisierung der zivilen Gesundheitsversorgung

Auf dem Gang stapeln sich Tragen, im Operationssaal läuft die Uhr gegen die Verwundeten. Blutkonserven werden rationiert, Ärzte entscheiden unter Extremstress, wer zuerst behandelt wird. Draußen rollen weitere Rettungswagen vor die Notaufnahme. Drinnen herrscht Mangelverwaltung: zu wenig Personal, zu wenige Betten, zuwenig Zeit. Was wie eine Szene aus einem Kriegsgebiet wirkt, wird inzwischen auch in deutschen Universitäts- und Unfallkliniken durchgespielt.

Der Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) und die berufsgenossenschaftlichen Kliniken der gesetzlichen Unfallversicherung (BG-Kliniken) haben dazu am Dienstag ihr Positionspapier »Krisenvorsorge jetzt umsetzen« vorgestellt. Es fordert milliardenschwere Investitionen, neue gesetzliche Vorgaben und eine engere Verzahnung mit der »Sicherheitsarchitektur des Staates«. Das Ziel: Die 37 Universitätskliniken und 13 BG-Kliniken sollen gemeinsam mit den fünf Bundeswehrkrankenhäusern für den Kriegsfall gerüstet werden.

VUD-Vorstandschef Jens Scholz drängt auf schnelle politische Entscheidungen. Die medizinische Versorgung müsse schon heute auf den »Bündnis- und Verteidigungsfall« ausgerichtet werden, die Zusammenarbeit der Kliniken sei so auszubauen, dass auch »außergewöhnliche Krisenlagen« bewältigt werden könnten. Krisenvorsorge sei eine »gesamtgesellschaftliche Aufgabe«. Dafür verlangt der Branchenverband neue gesetzliche Regelungen sowie die Unterstützung von Bund und Ländern. Ziel ist ein Krankenhausnetzwerk, das nach den Vorstellungen der Klinikmanager selbst unter Kriegsbedingungen funktionsfähig bleibt.

Auch die BG-Kliniken reklamieren dabei eine Schlüsselrolle. Ihre besondere Stärke liege in der Verbindung von Akutversorgung und Rehabilitation, erklärte Geschäftsführer Reinhard Nieper. Diese Kompetenz solle in die gemeinsame Krisenvorsorge eingebracht werden. Bei einem Massenanfall von Verwundeten brauche es »abgestimmte Kapazitäten, klare Zuständigkeiten und verbindliche Strukturen«, um die Versorgung aufrechtzuerhalten.

Anzeige

Die Planungen reichen weit. So soll das Bundesgebiet für die »Verwundetenversorgung deutscher und verbündeter Soldaten« in vier Regionen aufgeteilt und durch ein »zivilmilitärisches Clusterkonzept« organisiert werden. Ein infrastruktureller Kraftakt. Krankenhäuser sollen größere Medikamentenvorräte anlegen, Arzneimittel im Bedarfsfall selbst herstellen und auch bei Ausfällen von Strom-, Wasser- oder Lieferketten autark bleiben. Zudem müsse die Versorgung mit Blutprodukten dauerhaft gesichert werden.

Im Zentrum steht dabei nicht zuletzt das Personal. Die Klinikchefs fordern einen möglichst genauen Überblick darüber, welche Beschäftigten im Krisenfall überhaupt verfügbar wären. Ärzte, Pflegekräfte und weiteres Personal sollen regelmäßig für entsprechende Einsatzlagen geschult und in Übungen auf den finalen Ernstfall vorbereitet werden. Kurz: Die Investitionen zur Stärkung der Resilienz, so Scholz und Nieper, müssten zielgerichtet »und in erster Linie auf Universitätsklinika, BG-Kliniken und Bundeswehrkrankenhäuser priorisiert werden.«

Davon hält Gerald Gaß wenig. Krisenvorsorge müsse die Versorgung im Alltag stärken, »nicht mit ihr um Personal und Geld konkurrieren«, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) am Mittwoch gegenüber jW. Bereits jetzt sei die finanzielle Lage angespannt, rund 70 Prozent der Häuser in Deutschland würden rote Zahlen schreiben. Und, so Gaß weiter: »Resilienz darf nicht allein an Trägerschaft oder Kliniktyp festgemacht werden.« Aber wo verläuft die Grenze zwischen nichtmilitärischer Nutzung und dem Aufbau von Kriegskliniken? Krankenhäuser blieben Einrichtungen der zivilen Gesundheitsversorgung, betonte der DKG-Chef.

Das fordert auch Ateș Gürpinar (Die Linke). Wer Investitionen an den Anforderungen des Kriegsfalls ausrichte, lasse kleine Kliniken weiter ausbluten, sagte der Sprecher für Gesundheitsökonomie seiner Bundestagsfraktion am Mittwoch zu jW. Medizinische Entscheidungen dürften allein fachlichen Kriterien folgen, nicht militärischer Logik. Die beste Krisenvorsorge sei ein gut finanziertes Gesundheitssystem für alle.

Das sieht Oliver Ruhnert, BSW-Generalsekretär, auf jW-Nachfrage ähnlich: »Wir brauchen keine kriegstüchtigen Kliniken, sondern eine funktionierende Gesundheitsversorgung für die Menschen im Land.« Statt Milliarden in die Militarisierung des Gesundheitswesens zu stecken, müsse in Personal und eine leistungsfähige zivile Infrastruktur investiert werden. Oberstes Ziel bleibe, Kriege zu verhindern: »Kriegsprävention ist die beste Medizin.«

Die Verwundetenkolonnen, für die Universitätskliniken und BG-Häuser nun planen, sind bislang nur ein Szenario. Der Mangel an Personal, Betten und Geld ist dagegen in vielen Krankenhäusern längst zum Ausnahmezustand geworden.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 22.10.2026, Seite 5, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!