Wahlbeobachter des Tages: Benjamin Netanjahu
Manchmal ist einer einfach am falschen Ort geboren. Die autokratische Seele, gefangen in demokratisch verfassten Umständen mit Medienöffentlichkeit, Opposition und anderen lästigen Dingen, sieht sich zurückgeworfen auf die Techniken charismatischer Herrschaft. Stimmung und Aura müssen besorgen, was sich nicht einfach verordnen lässt. Hilfreich ist auch der Ausnahmezustand, solange man ihn halten kann. Krieg ist eine Erlaubnis. Nicht die Zeit jetzt für Debatten, wer nicht hinter mir steht, ist gegen uns alle.
Natürlich hat Netanjahu den 7. Oktober nicht verursacht. Er hat bloß, nach Berichten in Haaretz, sämtliche Warnungen in den Wind geschlagen. Der Krieg gegen die Zivilbevölkerung Gazas übertraf schon nach wenigen Tagen die Brutalität der »Al-Aqsa-Flut«. Ein Krieg, der die Restwelt aufbringt und die israelische Gesellschaft spaltet. Entsprechend knapp sind die Prognosen der anstehenden Knesset-Wahlen. Entsprechend blank liegen die Nerven beim Vorsteher der Nation. Vertreter der Raam-Partei seien im Süden des Landes mit Bargeld ertappt worden, erklärte Netanjahu am Dienstag. Für ihn ist die Untersuchung schon abgeschlossen: klarer Fall versuchten Stimmkaufs. Nach Öffnung der Lokale forderte Netanjahu Israel auf, »richtig« zu wählen. Also ihn.
Er selbst kleckert mit Stolz auf die weiße Weste. In Gestalt seiner Frau nahm er über Jahre hinweg Luxusgüter im Wert von 220.000 Euro an. Wenn das Flaschenpfand nicht mehr reicht. Milliardäre erwarten bekanntlich nie eine Gegenleistung. 2017 wurden zudem geheime Absprachen mit Jediot Acharonot bekannt. Netanjahu soll angeboten haben, den Vertrieb der Konkurrenz einzuschränken, wenn die Zeitung dafür ihre kritische Linie aufgibt. Einer wie er denkt groß. Warum Stimmen kaufen, wenn man Stimmung kaufen kann? Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer?
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