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Erster Weltkrieg

Der alte Hass

Vor 110 Jahren ordnete das preußische Kriegsministerium mitten im Krieg eine »Judenzählung« an – und gab damit dem erstarkten Antisemitismus nach

Foto: akg-images/picture alliance
Angebliche »Drückeberger« – Feldpostkarte jüdischer Soldaten (9.3.1916)

Im Oktober 1916 brachte der Reichstagsabgeordnete der katholischen Zentrumspartei, Matthias Erzberger, in einer Sitzung des Haushaltsausschusses für Ernährungsfragen einen Antrag ein, der aufhorchen ließ. Die Regierung solle eine Aufschlüsselung aller im Rahmen der Kriegswirtschaft tätigen Personen, »nach Geschlecht, militärpflichtigem Alter, Bezügen, Konfession« aufstellen. Die Betonung lag auf der religiösen Zugehörigkeit. Erzberger wollte wissen, wie viele Juden in der mit dem Krieg befassten Bürokratie tätig waren. Der Vorsitzende der SPD-Reichstagsfraktion Friedrich Ebert erkannte darin, wie er sehr zurückhaltend formulierte, »eine gewisse Tendenz«.

Es war die Tendenz des wohlbekannten Antisemitismus, der seit der Gründung des Deutschen Reiches immer heftiger hervorgetreten war und seitdem kaum nachgelassen hatte. Zwar war die Rolle der Juden in der Zeit vor dem Weltkrieg kein die breite Öffentlichkeit beherrschendes Thema mehr, weil Debatten über die Kolonial- und Aufrüstungspolitik im Zeichen des aufstrebenden deutschen Imperialismus deutlich in den Vordergrund traten. Ein allgemeiner Antisemitismus aber hatte sich besonders unter der Landbevölkerung, beim Militär und innerhalb der Beamtenschaft durchgesetzt. Nahezu selbstverständlich konnte ein angesehener Soziologe wie Werner Sombart verkünden, die »deutsche Volksseele« befinde sich in einer »Umklammerung durch den jüdischen Geist«, der sich niemals assimilieren werde.

Burgfrieden

Wie verzerrt die antisemitischen Projektionen waren, zeigte sich im August 1914. Kaiser Wilhelms Angebot zum Burgfrieden, das sich doch eigentlich an die Parteigänger des Sozialismus richtete, wurde von Seiten der deutschen Juden als Einladung zum patriotischen Mittun aufgefasst. Bereitwillig wurden Kriegsanleihen gezeichnet, Vereine spendeten Geld und wehrfähige Männer fuhren als Deutsche unter Deutschen an die Front. Die Begeisterung für den Krieg zog sich bis weit in zionistische Kreise hinein, die wie Martin Buber den Krieg als Gemeinschaftserlebnis feierten oder ihn wie Isaac Breuer, von orthodoxer Seite her, in völliger Verkennung der Tatsachen als Dienst am Frieden darstellten. Die Lüge von der Verteidigung gegen den äußeren Feind fand weithin Aufnahme, wobei der Umstand, dass das Deutsche Reich gegen Russland kämpfte, eine nicht eben geringe Rolle spielte, galt das Zarenreich doch als größter Feind der Judenheit.

Führende Vertreter des jüdischen Deutschlands wie der Maler Max Liebermann, der Regisseur Max Reinhardt oder der Mediziner Paul Ehrlich unterzeichneten denn auch im Oktober 1914 den berüchtigten Aufruf »An die Kulturwelt!«, der den Krieg als Verteidigungshandlung rechtfertigte: »Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Boden getilgt.« Sogar Houston Stewart Chamberlain, dessen »Grundlagen des 19. Jahrhunderts« (1899) zu den Standardwerken des völkischen Antisemitismus zählt, vermerkte in seinen »Kriegsaufsätzen« positiv, dass die Juden sich der Nation untergeordnet hätten: »Sie tun ihre Pflicht als Deutsche vor dem Feind oder daheim.«

Genau das aber war die Frage. Radikale antisemitische Kreise verbreiteten schon seit Beginn des Krieges, die Juden würden sich vor dem Fronteinsatz drücken. Bereits am 28. August 1914 forderte der Bundeswart des Reichshammerbundes Alfred Roth daher »Kriegsermittlungen«. Zunächst blieben solche Stimmen jedoch vereinzelt und wurden durch die Militärzensur unterdrückt. Die Regierung unter Kanzler Theobald von Bethmann-Hollweg hatte kein Interesse an einer öffentlichen antisemitischen Diskussion, wollte sich doch das Deutsche Reich außenpolitisch als Freund der Juden herausstellen. So sollte die jüdische Bevölkerung in den USA, vor allem aber in Russland gewonnen werden, der man unter zukünftiger deutscher Herrschaft »Recht und Freiheit« versprach. Jenseits solcher Verlautbarungen gab es innenpolitisch aber auch reale Veränderungen. So öffnete sich die Verwaltung für Juden. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die Berufung Walther Rathenaus an die Spitze der Kriegsrohstoffabteilung. Im Zeichen des Burgfriedens konnten Juden sogar Offiziersränge in der Armee bekleiden, was vor 1914 undenkbar gewesen war.

»Jüdische Drückeberger«

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Nach zwei Jahren Krieg, Hunderttausenden Toten sowie einer Krise der Lebensmittel- und Brennstoffversorgung aber wurde der Antisemitismus wieder lauter. Allenthalben waren Vorwürfe zu hören, die Juden würden sich am Krieg bereichern, Schwarzhandel treiben und Lebensmittel horten. Auch die später zur Dolchstoßlegende erweiterte Unterstellung, Juden und Sozialisten hätten das Vaterland an den Feind verraten, war bereits zu hören. Von der Wirkkraft des Antisemitismus zeugt auch Erzbergers eingangs erwähnter Antrag, eine opportunistische Reaktion auf die in der Armeeführung geführten Debatten über »jüdische Drückeberger«. Denn dem gut vernetzten Erzberger war wohl zu Ohren gekommen, was in führenden Kreisen der Armee seit Monaten diskutiert wurde und das preußische Kriegsministerium am 11. Oktober ganz offiziell anordnete: eine Erhebung über die Dienstverhältnisse der Juden in der Armee.

Der offene Affront wurde mit Klagen aus der Bevölkerung – die freilich von antisemitischen Gruppen, allen voran dem Alldeutschen Verband, systematisch organisiert wurden – begründet, die man angeblich widerlegen wollte. Alle Truppenteile sollten zwei Fragebögen ausfüllen: Der erste galt der Anzahl der Juden unter den Wehrpflichtigen, der zweite fragte nach Zurückstellungen, Ausmusterungen und Verlegungen von Juden in die Etappe. Die Ergebnisse der Befragung (die aus wissenschaftlicher Perspektive ohnehin zweifelhaft gewesen wäre, weil es keine Vorgaben gab, wie die Erhebungen durchzuführen seien, und die Durchführung den jeweiligen Kommandostellen überlassen blieb, was antisemitischen Fälschungen Vorschub leistete), wurden nie veröffentlicht. Offensichtlich entsprachen sie nicht den antisemitischen Vorurteilen. Aber auch dieser Umstand leistete dem Judenhass weiter Vorschub, hieß es doch nun, nicht zuletzt aus dem Mund von Beamten des Kriegsministeriums, einflussreiche Juden hätten die Veröffentlichung verhindert, weil sie allzu aussagekräftig und für die Juden verheerend gewesen wäre.

Tatsächlich dienten jüdische Soldaten im gleichen prozentualen Verhältnis in der Armee wie die übrige Bevölkerung Deutschlands, wie der Soziologe Franz Oppenheimer 1922 nachgewiesen hat. Aber solche Zahlen hätten an der Meinung der Judenhasser wohl auch im Herbst 1916 kaum etwas geändert. »Je mehr Juden in diesem Kriege fallen, desto nachhaltiger werden ihre Gegner beweisen, dass sie alle hinter der Front gesessen haben, um Kriegswucher zu treiben«, hielt Walther Rathenau in einem Brief fest. Der Antisemitismus ist eben eine höchst irrationale Veranstaltung.

Mit der »Judenzählung« gab die Armeeführung dem sich immer stärker artikulierenden Antisemitismus innerhalb der Truppe nach. Deutlicher konnte man den Burgfrieden nicht aufkündigen. Die »Judenzählung« kam einem offenen Schlag ins Gesicht gleich und trug nachhaltig zur Entfremdung bei. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und der Verein zur Abwehr des Antisemitismus protestierten scharf dagegen, wurden aber mit einer nichtssagenden, beschwichtigenden Erklärung des Kriegsministeriums abgespeist.

Kein Frieden

Dass die »Judenzählung« keine Ausnahme war, sondern den Auftakt für den sich im weiteren Kriegsverlauf immer mehr radikalisierenden Antisemitismus setzte, zeigte sich ein Jahr später, als der Reichstag am 19. Juli 1917 mit den Stimmen der Mehrheitssozialdemokratie, der Fortschrittlichen Volkspartei und des Zentrums eine Friedensresolution verabschiedete. Sie war eine Reaktion auf das »Kreuznacher Programm« der Obersten Heeresleitung vom April, das weitreichende Eroberungen und Annexionen verlangte. Die Resolution forderte dem gegenüber »ein(en) Frieden der Verständigung und der dauernden Versöhnung der Völker« ohne »erzwungene Gebietserwerbungen und politische, wirtschaftliche und finanzielle Vergewaltigungen«. Was aus sozialistischer Perspektive als völlig unzureichend gelten musste – ausgespart blieben die Ursachen des Krieges –, trieb die Antisemiten zur Weißglut. Der Alldeutsche Verband warnte: »Der Reichstag der Judenwahlen« – gemeint waren die Wahlen von 1912, bei denen die Sozialdemokraten die Mehrheit erlangt hatten – »wird einen Judenfrieden machen!«

Über die Friedensresolution und die seit Beginn des Jahres diskutierte Reform des undemokratischen preußischen Wahlrechts wie überhaupt die Frage der Parlamentarisierung der Monarchie stürzte letztlich auch Reichskanzler Bethmann-Hollweg, der den Konservativen und der Obersten Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff ohnehin ein Dorn im Auge war. Weil Bethmann-Hollweg den U-Boot-Krieg hinausgezögert und sich für ein »Volkskaisertum« ausgesprochen hatte, galt der liberale Imperialist den Antisemiten als »Gefolgsmann der Juden«.

Die immer aggressiver auftretende Rechte, die sich im September 1917 zur Deutschen Vaterlandspartei zusammenschloss, lehnte bis zum Ende des Krieges jeden Friedensvorschlag als Verrat am Vaterland ab. Bis zur Dolchstoßlegende war es nun nicht mehr weit. Ausrichtung und Personal der Partei, neben Kapitalvertretern wie Hugo Stinnes und Alfred Hugenberg war hier auch der spätere Putschist Wolfgang Kapp Mitglied, wiesen bereits auf den sich nach der Niederlage 1918 formierenden Faschismus hin. Hellsichtig konstatierte die den Zionisten nahestehende Zeitschrift Ost und West im Sommer 1918, man müsse sich wohl auf einen »Judenkrieg nach dem Kriege« gefasst machen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.10.2026, Seite 15, Geschichte

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