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Geschichte Österreichs

Der Versuch eines Fanals

1916 griff Friedrich Adler zur Waffe und ermordete den österreichischen Ministerpräsidenten. Er rechtfertigte seine Tat mit den Worten, in Zeiten des allgemeinen Tötens dürfe Mord kein Privileg der Herrschenden sein

Foto: Ladislaus Tuszyński/Kronen Zeitung/Wikimedia Commons
Ausschnitt aus der Illustrierten Kronen Zeitung vom 22. Oktober 1916

Man schrieb den 21. Oktober 1916. Seit über zwei Jahren tobte der blutigste Krieg der bisherigen Menschheitsgeschichte. Millionen waren bereits an den Fronten verblutet, viele weitere Millionen sollten noch folgen. Doch die Herrschenden focht das nicht an. Für sie ging das gute Leben einfach weiter. So auch für den Regierungschef der Habsburger-Monarchie, Karl Graf Stürgkh, der an jenem Oktobermittag wie jeden Tag in das mondäne Hotel »Meißl & Schadn« in der Wiener Innenstadt einkehrte, um dort zu speisen. Er befand sich in Gesellschaft zweier altgedienter Politiker, und die Zeit verging. Es mochte auf 14 Uhr gehen, die mächtigen Herren waren mittlerweile beim Kognak angelangt. Am Ende des Speisesaals erhob sich ein Gast, ging gemessenen Schritts auf den Ministerpräsidenten zu, versicherte sich noch, wirklich den Grafen Stürgkh vor sich zu haben, ehe er eine Pistole zog und dreimal auf den Spitzenpolitiker schoss. Eine Kugel traf den Kopf, und Stürgkh sank tot vom Sessel. Im anschließenden Handgemenge wurde auch noch dessen Begleiter Aehrenthal verletzt, ehe der Attentäter überwältigt und der Polizei übergeben werden konnte. Dabei bedurfte es keiner Aufnahme der Personalien, der Mörder war amtsbekannt: Friedrich Adler, der Sohn des Einigers der österreichischen Sozialdemokratie.

Für die Politik geboren

Friedrich Adler war, im selben Jahr wie Leo Trotzki und Josef Stalin, in Wien zur Welt gekommen. Und ebenso früh wie diese begeisterte er sich für Politik, wobei er eine ähnlich radikale Haltung einnahm wie die späteren Bolschewiki. Seinen prominenten Vater beunruhigte diese Einstellung zunehmend, weshalb er seinen Sprössling nach Zürich expedierte, wo dieser Physik studierte und zum Doktor promovierte. Doch Victor Adler musste alsbald einsehen, dass sein Sohn für die Politik geboren war, und so holte er ihn zurück in die Parteizentrale, wo Friedrich als Sekretär wirkte. Besonders nahm er sich der Zweiten Internationale an, dabei die Friedensfrage zu seinem Hauptthema machend. Um so größer war seine Enttäuschung, als all seine Resolutionen, seine Anträge und Appelle im Sommer 1914 Makulatur wurden. Die europäische Sozialdemokratie stellte sich fast zur Gänze an die Seite ihrer jeweiligen Bourgeoisie und verteidigte den ausbrechenden Krieg als unabdingbare Notwendigkeit. Der Chefredakteur der Wiener Arbeiter-Zeitung schrieb vom »Tag der deutschen Nation«, und der außenpolitische Sprecher der österreichischen Roten verstieg sich zu der Behauptung, der Krieg sei ausgebrochen, damit an irgendeinem Flüsschen des Balkan, dessen Name kein Kulturmensch auszusprechen vermöge, der Wille des Zaren herrsche. Adler junior versuchte inhaltlich dagegenzuhalten, blieb dabei aber genauso isoliert wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg im Deutschen Reich. Schließlich sah er für sich keinen anderen Ausweg mehr als den Griff zur Waffe.

Karl Graf Stürgkh galt allgemein als ein besonders imperialistischer Hardliner. Als adeliger Großgrundbesitzer war er schon mit 31 Jahren Abgeordneter geworden, 1909 avancierte er zum Minister, zwei Jahre später berief ihn Kaiser Franz Joseph zum Chef der österreichischen Regierung. Als solcher führte er von Anfang an einen entschlossenen Kampf gegen den Parlamentarismus, indem er den Reichsrat immer wieder sistierte, um unbehelligt mit Notverordnungen herrschen zu können. Auch 1914 war das Wiener Parlament wieder auf »unbestimmte Zeit vertagt«, so dass es der österreichischen Sozialdemokratie erspart blieb, wie die deutschen Genossen den Kriegskrediten zustimmen zu müssen. Stürgkh nutzte die neu entstandene Situation dazu, nun auch eine überaus rigide Pressezensur durchzusetzen, so dass er nicht nur Friedrich Adler mehr und mehr als kriegstoller Diktator erschien. Und so war Adlers kolportierter Ausruf »Nieder mit dem Absolutismus, wir wollen Frieden« mehr als begründet.

Wortgewaltige Anklage

Unmittelbar nach der Tat distanzierte sich die österreichische Sozialdemokratie wortreich von Friedrich Adler. Sein eigener Vater erklärte ihn für geisteskrank und rechtfertigte dies später damit, er habe auf diese Weise versucht, seinen Sohn vor dem Galgen zu retten. Friedrich Adler allerdings wuchs in den folgenden Monaten über sich hinaus, und erst dadurch wurde seine Aktion wirklich zu einem Fanal.

Den Mordprozess nutzte Adler, wie auch viele andere große Revolutionäre, zu einer Generalabrechnung mit dem Habsburger-Staat einer- und seiner eigenen Partei andererseits. Letzterer warf er vor, sich im abgelaufenen Vierteljahrhundert komplett »verkleinbürgerlicht« zu haben. Der bürokratische Apparat habe die proletarischen Massen entmündigt, es regiere in der Sozialdemokratie »verlogene Biederkeit«, »Prinzipienlosigkeit« und blanker Opportunismus. Man habe sich meilenweit von den Grundsätzen der Internationale entfernt und sei so zu einer »konterrevolutionären Instanz« geworden. Selbst Lenin konnte mit den Sozialdemokraten nicht härter ins Gericht gehen.

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Im Gerichtssaal erklärte Adler, er sei zur Überzeugung gelangt, dass nur eine aufrüttelnde Tat ein Umdenken einleiten könne, und ein solches Zeichen habe er gesetzt. Seine wortgewaltige Anklage gegen den Staat gipfelte in den Worten: »Wenn wir wirklich noch töten müssen und getötet werden, dann kann der Mord kein Privileg der Herrschenden sein.« Er habe mit seinem Attentat zwar vordergründig den herausragendsten Repräsentanten der Kriegstreiber aufs Korn genommen, damit aber auch ein Signal gegen die Kriegspolitik an sich gesetzt. Er stehe nach wie vor auf dem Boden des Marxismus, denn der Klassenkampf müsse »mit allen zweckdienlichen Mitteln« geführt werden. Die Geschichte sei voll von Momenten, in denen es gegolten habe, einen Tyrannen zu stürzen, um der Freiheit eine Gasse zu bahnen. Folgerichtig schloss Adler sein Plädoyer mit den Worten: »Nicht alle sind tot, die begraben sind. Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder.«

Erwartungsgemäß wurde Adler zum Tode verurteilt. Doch im Frühjahr 1917 hatte sich der Wind maßgeblich gedreht. Im Russischen Reich war der Zar zwischenzeitlich gestürzt worden, und auch in Österreich und im Deutschen Reich mehrten sich Unmutskundgebungen und Proteste. Dementsprechend hängte auch der opportunistische Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung sein Fähnchen nach dem neuen Wind. Adler war nun nicht mehr ein Wahnsinniger, er war mit einem Mal ein »Märtyrer seiner Überzeugung«. Auch in der Bevölkerung war die Stimmung endgültig gekippt, und das Todesurteil wurde allerorts heftig kritisiert. Um die fragile Gemengelage nicht zusätzlich zu belasten, begnadigte der im November 1916 auf den Thron gekommene Kaiser Karl den Angeklagten zu 18 Jahren Haft, die er in Stein verbüßen sollte.

Was noch im Oktober 1916 niemand für möglich gehalten hatte, wurde ein Jahr später zur Realität. Friedrich Adler war zum Volkshelden geworden. Die darbende, mehr und mehr kriegsmüde Bevölkerung zwang die Parteiführung der Sozialdemokratie dazu, ihre sozialpatriotische Haltung immer weiter aufzuweichen, denn die Gefahr einer Spaltung der Partei, ähnlich jener im Deutschen Reich, wuchs beinahe täglich. Die Linke um Gabriele Proft, Max Adler (mit Friedrich nicht verwandt) und Otto Bauer gewann laufend mehr Einfluss. Anfang 1918 erfasste eine landesweite Streikwelle die Habsburger-Monarchie, Meutereien wie jene der Matrosen von Cattaro nahmen ebenso zu wie Desertionen und individuelle Widerstandsaktionen.

Den Moment verpasst

Die Oktoberrevolution in Russland verlieh der Entwicklung einen zusätzlichen Spin, und spätestens mit der militärischen Niederlage der Mittelmächte standen in Berlin und Wien endgültig die Zeichen auf Sturm. Karl, der nur wenig später abdanken musste, amnestierte Friedrich Adler rund zwei Jahre nach der Tat, und die österreichischen Kommunisten, die in jenen Tagen die KPÖ gründeten, trugen Adler augenblicklich den Vorsitz an.

Doch Friedrich Adler vermochte diesen entscheidenden Schritt nicht zu gehen. Er verblieb in den Reihen der in jenen Tagen vermeintlich revolutionären Sozialdemokratie und trug gemeinsam mit Otto Bauer maßgeblich dazu bei, dass die Revolution in Österreich letztlich ausblieb. Zwei Jahre schien es, als könnte die Sozialdemokratie auch ohne revolutionären Umsturz zum Ziel gelangen, doch spätestens im Sommer 1920 gewann die Bourgeoisie wieder Oberhand. Die Sozialdemokraten hatten den »Chairos«, den entscheidenden Moment, verpasst und befanden sich ab diesem Zeitpunkt nur noch in der Defensive. Die KPÖ wiederum, die ohne prominente Führung geblieben war, schaffte es nicht, einen ähnlichen Einfluss zu erlangen wie im Norden die KPD, und nur wenige Jahre später sollten beide Staaten als Diktaturen enden.

Adler selbst wurde 1923 zum Generalsekretär der Zweiten Internationale gewählt, was er bis 1940 blieb, als die Organisation ein weiteres Mal an einem Weltkrieg zerbrach. Nach der Besetzung Belgiens durch die Nazis wich Adler nach Zürich aus, wo er mehr und mehr der Vergessenheit anheimfiel. Als er 1960 in der Schweiz starb, wusste kaum noch jemand, dass er einmal die Hand an den Puls der Weltgeschichte gelegt hatte.

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.10.2026, Seite 15, Geschichte

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