Schwarzer Bub in Lederhosn
W.E.B. Du Bois, Négritude und Harlem Renaissance in Köln: »Along the Color Line – Spuren einer transatlantischen Moderne« ist die zweite Jubiläumsausstellung im Museum Ludwig
Das Museum Ludwig feiert den 50. Nach dem sensationellen Erfolg der Blockbustershow über das Lebenswerk der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama hat das Haus in Köln die Sonderausstellung »Along the Color Line – Spuren einer transatlantischen Moderne« eröffnet. Die »Color Line«, an der sich der Besucher durch die Ausstellung hangelt, ist dem Titel einer Sammlung der Kolumnen des US-amerikanischen Historikers und Publizisten W.E.B. Du Bois (1868–1963) im Pittsburgh Courier entlehnt. Dort schilderte der Bürgerrechtler die Eindrücke einer Reise, die er 1936, im Jahr der Olympischen Spiele in Berlin, durch das faschistische Deutschland unternahm. Zitate aus seinen Beobachtungen liefern den roten Faden für die Konzeptschau, in der Gemälde, Skulpturen, Installationen, Drucke und Fotografien aus eigenem Bestand und als internationale Leihgaben miteinander in Kontakt treten.
Aus dem Archiv des deutsch-amerikanischen Künstlers James Gregory Atkinson (*1981), dessen genreübergreifende Einwürfe die zweite Konstante dieser Ausstellung bilden, stammt die schwarze Kinderschaufensterpuppe, hergerichtet in Lederhosen und Trachtenhemd und eingängig betitelt: »Your job in Germany«. Welchen Job gibt es zu tun? Unbehagen macht sich breit, denn vielleicht wird dem Kind die Aufgabe gestellt, eine Anpassungsleistung zu erbringen, an der es scheitern muss. Denn wohin soll das Deutschsein führen, wenn nicht ins Klischee? Dazu sprechen die in den Zeittafeln des Künstlers versammelten Zeugnisse, etwa sein Studentenausweis für die Städelschule. Das Passfoto ist ersetzt durch die Profilzeichnung eines Männchens mit krausem Haar, angepinnt wie eine Voodoopuppe – eine Selbstzuschreibung, die provoziert, weil sie Identität auf äußerliche Merkmale reduziert. In dieser Geste kann man, wenn man will, einen Wink an die Négritude-Bewegung in Europa (vornehmlich der 1930er) erkennen.
Auch Verbindungen zur Harlem Renaissance in den USA werden sichtbar. Die afroamerikanische Künstlerin Laura Wheeler Waring (1887–1948) ist mit Werken aus dem Bestand der privaten, vornehmlich von Schwarzen besuchten Howard University in Washington D. C. und ihrer Vermächtnisstiftung vertreten. Das Ölgemälde »Gold Earrings« (1940) zeigt das Porträt einer stolzen Schwarzen Frau mit Rüschenbluse und Sommerhut, deren Ohrgehänge es jederzeit mit dem in Jan Vermeers »Das Mädchen mit dem Perlenohrring« (1665) aufnehmen könnte. Das macht Spaß, auch weil man das Exponat wie bei einer Schnitzeljagd erst suchen muss und schließlich in der Dauerausstellung entdeckt, gehängt, wie selbstverständlich, neben Bildern der klassischen Moderne.
In der Binnenperspektive des Ludwig steht »Along the Color Line« in Schlagdistanz zu einer anderen Sonderausstellung, die von Oktober 2025 bis Januar 2026 zu sehen war: »Fünf Freunde. John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Cy Twombly.« Auch hier ging es darum, wie Leben und Werk der gezeigten Künstler miteinander verflochten sind. Aber »Fünf Freunde« konnte auf einen Schatz zurückgreifen, der sich bereits im Museum Ludwig befand, nämlich eine der größten Pop-Art-Sammlungen Europas, maßgeblich begründet vom Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig, deren Namen das Museum trägt. Aus einem vergleichbaren Fundus kann »Along the Color Line« nicht schöpfen, was erklärt, wie man auf die Idee kam, Leerstellen mit Hilfe dessen aufzuspüren, was sich im Bestand findet. Die mit der Unterstützung privater Sammler geretteten Werke »Das Rendezvous der Freunde« (1922) von Max Ernst und »Eine Künstlergemeinschaft« (1925) von Ernst Ludwig Kirchner, beide später von den Nazis verfemt, zeigen Künstler im Club der weißen Männer; Schwarze sind nicht eingeladen, übrigens auch nur zwei Frauen.
Privaten Sammlern aus Europa wird oft vorgeworfen, ihre Sicht auf die Welt auf die von ihnen begründeten Sammlungen zu übertragen. Das ist nicht immer so. Die kubanische Künstlerin Belkis Ayón (1967–1999) ist mit Leihgaben des Ludwig Forums Aachen präsent, zwei Druckcollagen und eine Matrize, die eine Schattenwelt heraufbeschwören, in der mythische Wesen versteckte Botschaften der geheimen Bruderschaft der Abakuá transportieren. Anbei die Kopie eines Briefes, den »Professor Dr. Dr. h.c. mult. Peter Ludwig« an »Belkis Ayón« hat tippen lassen. Der millionenschwere Unternehmer und Kunstmäzen beglückwünscht die »große, von mir hochbewunderte Künstlerin« zu »dieser bedeutenden Arbeit« und äußert seine Zufriedenheit darüber, dass er sie bei einem Treffen in Havanna dazu hat bringen können, ihm die Werke zu »überlassen«. Für wieviel sagt er nicht, und man fragt sich, ob er diesen Ton auch Pablo Picasso gegenüber anschlug, wenn er dessen Werke erwarb.
Die Kuratorin der Ausstellung Eboa Itondo hat keine Mühen gescheut, die Lücken im Bestand der hauseigenen Sammlung mit internationalen Leihgaben zu schließen. Welche Anstrengungen es gekostet hat, Exponate so zahlreich von nah und fern loszueisen, kann man nur ahnen; auch, wie es sich anfühlt, für das Verdienst, in der Stadt Köln ein Museum von Weltrang mit dünner Personaldecke zu sein, abgewatscht zu werden. Denn pünktlich zum Jubiläum und ungeachtet aller Besucherrekorde hat die Stadt einen Haushaltsentwurf vorgelegt, der dem Museum für 2027 im Bereich der Personalaufwendungen im Vergleich zu 2025 Kürzungen um 20 Prozent abverlangt. Wenn es stimmt, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt, könnte man auch das zum Thema machen. Wie es mit Du Bois weiterging, erfährt der Besucher aber nicht. Hier nachgetragen: In der McCarthy-Ära wurde er wegen seiner politischen Überzeugungen verfolgt und vor Gericht gestellt, verließ die USA im Alter von 93 Jahren und starb im Exil in Ghana.
→ »Along the Color Line – Spuren einer transatlantischen Moderne«, Museum Ludwig, Köln, bis 7. März 2027
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