Brennende Geduld
Am Sonntag wird in Serbien ein neues Parlament gewählt. Alltagsimpressionen von der Straße
Richtung Belgrad? Aus Bonn. Ja, Sie können direkt reisen. Wie? Zuerst nach Köln, dann nach Dortmund, Flug mit der ungarischen Wizz Air über Timișoara, das liegt in Rumänien. Die Grenze zu Serbien ist nicht weit. Sie fahren durch die Stadt Vršac, dort gibt es den besten Riesling, den Rheinriesling. Insgesamt 139 Euro, und das inklusive Taxifahrt von Timișoara nach Vršac.
In Vršac gehen die Karpaten in die Pannonische Tiefebene über. »Unsere Geduld ist am Ende«, erzählt Katarina Ljubičić, Gymnasiallehrerin mit einer Vorliebe für Rilke, Shakespeare und Caspar David Friedrich. »Mein Traum ist es, am 26. Oktober in einem Land aufzuwachen, in dem nicht das primitive, radikale Gesindel uns abzockt und an der Macht ist.« Sie war die Zweitbeste in meiner Klasse an der Grundschule Vuk Karadžić.
»Lass mich mit Katjas Moralpredigten in Ruhe«, deutet mir Bane Josimov die Lage. Selbe Schule, selbe Klasse, heute Eigentümer und Ein-Mann-Redaktion der Zeitschrift Vršačka. Über die Wahlen schweigt er. »Scheiße ist das, Miki, ich lasse mich scheiden. Gut, dass du gekommen bist, da kann ich ein bisschen mehr trinken, nicht nur freitags.«
Vršac war einst mehrheitlich deutsch, donauschwäbisch, bis Oktober 1944. In der Stadt gibt es ein großes Stada-Werk. Der Direktor ist Deutscher, schon seit 13, 14 Jahren. Bedauerlicherweise nur per E-Mail erreichbar: »Am besten über unsere PR-Abteilung, schriftlich. Der Direktor ist sehr beschäftigt … Nein, leider nicht … Von Spannungen haben wir nichts bemerkt, das kann auch die Presse in Deutschland sein, Sie kommen ja gerade von dort, nicht wahr?« Ja. Wie die Sekretärin heißt, habe ich nicht einmal erfahren.
Milena Vitović, erstes Haus rechts in Čenta, Richtung Zrenjanin, verkauft an der Straße Quittenschnaps, ihre Bohnen aus dem Garten und Tomatensaft. »Ich weiß nicht, Kind, das Volk ist böse geworden.« Welches Volk, Frau Vitović, die Regierung oder die Opposition? »Na, ich weiß nicht, die Kinder hören nicht darauf, was die Älteren sagen.« Wie meinen Sie das? »Mein Urgroßvater war ein Witt, aber er wollte orthodoxer Priester werden, da haben sie ihm gesagt, er soll den Namen ändern, und so sind wir Vitovićs geworden …« Und ist er Priester geworden? »Nein, sie haben gesagt, du bist halt doch ein Schwabe. Und angerufen hat mich auch unsere Verwandte …« Welche Verwandte? »Katarina, die ist schon in der DDR Rollschuh gefahren.« Katarina Witt? »Ja, die, die auf dem Eis läuft. Sie wollte zu uns kommen, um nach den Vorfahren zu fragen, aber ich hab ihr gesagt, du musst nicht kommen, Kind, wir sind doch alle aus der Gegend um Ulm, wir Vitovićs alle. Und sie ist dann nicht ins Banat gekommen, als ich ihr das gesagt habe, sie hat auf mich gehört. Aber heutige Kinder setzen sich nur Kopfhörer auf und hören nichts. Sehen Sie, meine Enkelin geht auch auf die Proteste. Aber sie ist ja auch schon älter.«
»Ach, das war schon immer so«, sagt mir Jaroslav Stevanov von der Touristeninformation in Zrenjanin, der benachbarten Metropole des Mittleren Banats, über die Parlamentswahlen. »Wissen Sie, alle, die früher an der Macht waren, haben dasselbe gemacht wie diese Regierung heute.« Wer »alle«? »Na, alle vor diesen, und nebenbei gesagt, ich bin auch Donauschwabe.« Aber Ihr Name klingt so serbisch? »So waren die Zeiten, ist nicht wichtig. Jetzt ist es besser, ich war dieses Jahr schon zweimal am Meer in Ulcinj, und sogar die Donauschwaben kommen zurück. Neulich war sogar Jürgen Harich hier, der Vorsitzende des Weltdachverbands der Donauschwaben, mit seinem Vater Gerhard und einer Delegation von Lutheranern.« Und was sagen die? »Nichts, sie sind im See in Kačarevo baden gegangen, früher Franzfeld, wissen Sie, das haben die gebaut, ich meine, meine Leute.« Was für Leute? »Na, die Deutschen.« Wann? »Na, vor hundert Jahren und mehr.« Und die Wahlen? »Na, es gibt Vučićs Liste, auch die Studenten, die Opposition zur Wahl. Mir gefällt diese Vujović, die Ministerin in der Regierung war. Die ist richtig attraktiv.« Steht sie auf der Liste von Vučićs Partei? »Ich weiß nicht, glauben Sie mir, wir haben hier in Zrenjanin so viele Touristen, wir arbeiten nonstop, ich verfolge das kaum.«
In Franzfeld, heute Kačarevo, ist es schön. Eine Teodora hat vor kurzem entbunden. Spielplätze, Kinder und dieser See. Darko Stajić hat vor kurzem sein Jurastudium in Belgrad abgeschlossen, lebt hier mit Teodora und Töchterchen. Ein Dorf mit 6.000 Einwohnern, nach dem Zweiten Weltkrieg mit Mazedoniern und ein paar Montenegrinern besiedelt. Bis Oktober 1944 war es ein deutscher Ort. Entstanden im 18. Jahrhundert, evangelische Siedler aus Württemberg. Darko glaubt, die Einwohner werden mehrheitlich für die regierende SNS stimmen, weil sie heute besser leben als vor anderthalb Jahrzehnten, als Aleksandar Vučić an die Macht kam.
Lutz Bauer ist Pfarrer der deutschsprachigen evangelischen Kirche in Zemun, einem Vorort von Belgrad. »Uns wollen sie hier schließen!« Wer, die Serben, Vučić? »Ach was, Serben, unsere Bischofskonferenz, wir sind unrentabel. Ich habe mein Herz hiergelassen.« Weshalb? »Wegen allem.« Ihr Gotteshaus ist ja ziemlich schön, und die Wahlen? »Na, wissen Sie, hätte ich eine Wahl, wäre ich nie zurückgekehrt. Wenn Sie mich verstehen …« Spüren Sie dieses hybride Regime von Aleksandar Vučić, die Unfreiheit, die Isolation? »Nein.« Wie, nein? »Na, wissen Sie, ich lese hier keine deutschen Zeitungen, ich schaue nur kurz die Schlagzeilen im Internet an.«
Es ist die Zeit der Belgrader Buchmesse, noch bis zum 31. Oktober in der serbischen Hauptstadt. Die wichtigsten privaten Verlage boykottieren die Messe. Weil sie kein Stimmrecht mehr haben bei der Leitung, wie bisher. Weil sie gegen die Regierung sind. Zoran Hamović koordiniert die alternative Buchmesse, dort ist die Parallelwelt, die Alternative zum offiziellen Belgrad. Wie verkaufen sich die Bücher, frage ich den Verleger. »Kaum«. Alles genauso wie neulich in Frankfurt. »Aha, und Michael Martens, schreibt der weiter über uns in der FAZ?« Er schreibt. »Verdammte Journalisten«, fügt er hinzu, eher zu sich selbst.
Zehn der wichtigsten Journalisten des oppositionellen Senders N1 haben sieben Tage vor der Wahl gekündigt. Der Eigentümer des Privatsenders hatte die Firma zuvor an irgendeinen Fonds verkauft, die Neuen wollen mit Vučić Geschäfte machen. Handel, natürlich. Geschäfte.
Meiner Kollegin Vojka C. Spasojević wurde gekündigt, weil sie auf ihrem privaten Instagram-Account ein Foto der Studentendemonstrationen gegen Vučić gepostet hatte. Sie verklagte daraufhin die größte ehemalige jugoslawische Abendzeitung Večernje Novosti vor dem Arbeitsgericht. Die Kündigung war Willkür, sie wird den Prozess sicher gewinnen, samt Entschädigung. »Aber die können auch pleite gehen, und dann bekomme ich gar nichts«, warnt mich die Kollegin. »Und Serbien geht’s genauso. Wahnsinn!«
Vojka kämpft. Und ihr Sohn Dušan auch. Er macht in der serbischen Provinz bei der Wahlbeobachtung mit. Misshandlungen, Schläger, Kriminelle, Polizei und junge Leute. Die Geschichte des bürgerlichen Europas im kleinen.
Die Straßen sind jeden Tag voller Menschen. Vučić-Anhänger, Vučić-Gegner, die Liste der Studenten, Hunderttausende … Wie viele? Serbien ist ein kleines Land, deutlich unter sechs Millionen, aber statt aufs Oktoberfest oder zu Manga-Conventions gehen die Leute auf die Straße. Sie sind zusammen, die Nähe der Körper wärmt. Es ist schön im goldenen Oktober in Serbien. Die Menschen draußen spüren, dass etwas Wichtiges passiert und dass sie noch leben. Anders als bei uns. Am Rhein. Etwas haben diese Wahlen also schon gebracht.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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