Die Rosen von Pieria
Über die kanadische Dichterin und Altphilologin Anne Carson, die neue Literaturnobelpreisträgerin
Anne Carson könnte das geborene Schreckgespenst der Bildungsbürger sein. Jedenfalls hat diese kanadische Dichterin und Altphilologin nichts in einer Welt verloren, in der man sich darüber ereifert, ob Christopher Nolans missratene Verfilmung der »Odyssee« Homer gerecht wird oder eher nicht. Dafür, dass Carson so häufig ins Deutsche übersetzt worden ist und nun auch noch den Nobelpreis erhalten soll, habe ich deshalb keine Erklärung. Darum gebettelt hat die Frau aber nicht. Beispielsweise fängt »Antigonick« (2012), ihre Version der Tragödie des Sophokles, so an: »Antigone: Im Dunkel liegt unser Anfang und Geburt ist unser aller Tod. Ismene: Wer sagt das. Antigone: Hegel. Ismene: Klingt mehr nach Beckett. Antigone: Er hat Hegel abgewandelt.«
Das ist zweifellos die originellste »Antigone«-Adaption seit Friedrich Hölderlin, der in seiner Übersetzung einen Vers aus dem ersten Akt allzu wörtlich mit »Was ist’s, du scheinst ein rotes Wort zu färben?« wiedergab. Daraufhin erklärten ihn Goethe, Schiller und Schelling für verrückt (was er ja dann auch wurde). Der brasilianische Avantgardist Haroldo de Campos aber feierte ihn dafür noch 1967, als er selbst den ersten Akt der »Antigone« ins Portugiesische übertrug. Bei Carson lautet der Vers: »What’s the matter, you have your thunder look.«
Da sehe ich jemanden mit wutrotem Kopf aufspringen und höre ihn laut rufen: »Sophokles konnte weder Hegel noch Beckett kennen!« Ja, guter Mann, gemach, das ist wohl wahr. Das konnte Sophokles nicht, aber wir leben nicht mehr im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und haben inzwischen alle nicht nur G. W. F. Hegel und Samuel Beckett, sondern auch die »Antigone« in irgendeiner geglätteten Eindeutschung gelesen. Und, ließe sich hinzufügen, Sigmund Freud kennen wir ebenfalls und müssen uns deshalb nicht wundern, dass Antigone in Carsons Version so zu räsonieren in der Lage ist: »Kann eine Person sich dessen so vollständig bewusst sein, unbewusst zu sein, dass sie Schuld trägt an ihrer eigenen Verdrängung, besteht darin meine Schuld?«
Das ist alles andere als eine Abweichung vom antiken Text, es ist dessen Vertiefung und Ergründung, die sich unseres Wissens und unserer historischen Erfahrung trefflich bedient. Man sage nicht, dass Antigones Schuld, die darin bestehen soll, dass sie ein Gebot des Herrschers Kreon übertrat und die Leiche ihres Bruders Polyneikes mit Erde bedeckte, nach unseren zivilisierten Begriffen keine Schuld mehr wäre. Noch Hegel, an dem sich Carsons Antigone abarbeitet, erklärt in seiner »Philosophie der Religion« (1831), Kreon habe nicht Unrecht, wenn »er behauptet, dass das Gesetz des Staats, die Autorität der Regierung geachtet werden muss und Strafe aus der Verletzung folgt«. Noch immer werden Menschen lebendig begraben und oft aus geringerem Anlass; ich erinnere an die insgesamt 450 Jahre Haft, die ein US-Gericht über acht angebliche »Antifaterroristen« verhängt hat, die eine Einrichtung von Stephen Millers Todesschwadronen (ICE) angegriffen haben. Es liegt deshalb nah, dass eine heutige Antigone nicht nur die Folgen, sondern auch die Ursachen ihrer Tat vor diesem Hintergrund reflektieren müsste. Nichts anderes tut sie bei Carson.
In anderen ihrer Adaptionen schmiegt sich Carson enger ans Wörtliche an, ohne jemals die Distanz zum Original aufzugeben. Ich greife ihre Übertragung von Sapphos Fragmenten heraus. In Christian Steinbachers gewandter Übertragung (wohlgemerkt: von Carson, nicht von Sappho) lautet das 55. Fragment: »Tot du lagst, Erinnern erreicht’ dich nicht mehr, / auch kein Sehnen – da an Pierias Rosen / dir kein Anteil, schlichst du im Haus des Hades / unter Schemen. Ausgehaucht bist du worden« (»If Not, Winter / fehlst du, ist Winter«; 2023). Dieses Fragment wird gewöhnlich für einen Spott gehalten. Einer Dame, die amusisch ist – weil sie keine Rosen an der Stätte der Musen in Pieria gepflückt hat –, wird vorausgesagt, sie werde nach ihrem Tod bald vergessen sein.
Aber da das nun das Schicksal von uns allen ist – diejenigen, die etwas anderes erwarten, werden die ersten sein, die dem Vergessen anheimfallen –, berührt das Gedicht. Anne Carson verstärkt die Wirkung, indem sie harte Akzente setzt: »Dead you will lie« beginnt sie und schließt mit einem Aushauchen (»breathed out«), gerade so, wie das Gedicht beim Sprechen ausgehaucht wird. Dieses Aushauchen ist im Original ein Davonschweben, aber die Dichterin endet lieber so, wie Gustav Mahler seine Neunte beendet hat: atemlos.
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