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Foucault 100

»Das Gewicht der ganzen Welt«

Was wollte der Philosoph Michel Foucault in Teheran? Eine notwendige Erinnerung zu seinem 100. Geburtstag

Foto: Pressens Bild/TT/imago
Michel Foucault (15. Oktober 1926 bis 25. Juni 1984)

Wer Neues denkt, hat Feinde. Nach seinen enorm vielen Feinden zu urteilen, hat der Philosoph Michel Foucault, der heute vor hundert Jahren geboren wurde, sehr viel Neues gedacht. Und wirklich verdanken wir ihm einen völlig neuen Begriff von Macht, die eben nicht immer nur mit Knüppeln daherkommt, sondern sich auch in ganz unscheinbar wirkenden Erfassungsbögen ausdrückt. Wir verdanken ihm einen neuen Einblick in die Dialektik der Aufklärung, gar nicht so weit entfernt von demjenigen, den Theodor W. Adorno und Max Horkheimer bieten. Und wir verdanken Foucault nicht zuletzt ein neues Modell des engagierten Intellektuellen, der an die Ränder der Gesellschaft geht, für die Opfer der Institutionen, insbesondere von Gefängnissen und Psychiatrien, kämpft.

Zweifellos gibt es an seiner Philosophie einiges zu kritisieren. Weil er den Marxismus als Methode aufgibt, wirkt seine Machttheorie diffus. Wir begreifen zwar, wo und wie Macht uns – nicht nur uns als Subjekte, sondern auch uns als Körper – lenkt, aber von wem die Macht ausgeht, bleibt oft unklar. Auch wird man es bei aller Wertschätzung seines politischen Kampfes nicht unbedingt gutheißen, dass er sich, gewissermaßen Seite an Seite mit Papst Johannes Paul II., für die polnische Gewerkschaft Solidarność eingesetzt hat. Und solche Kritikpunkte gibt es noch einige mehr. Auffälligerweise ist aber nicht nur Foucaults Denken, sondern auch seine Person bösartigen Angriffen ausgesetzt.

Vor fünf Jahren ging eine Empörungswelle durch die französische ­Presse, Foucault, der schwul war und mit 57 Jahren von AIDS hinweggerafft wurde, habe in Tunesien kleine Jungs vergewaltigt. Die Vorwürfe konnten nach einigen Wochen als von Rechten angestiftete Verleumdung entlarvt werden. Als hartnäckiger erwies sich eine andere Verleumdung: Er soll bei der »Islamischen Revolution« 1979 den »Mullahs« zugejubelt haben und deshalb ein Vorläufer dessen gewesen sein, was heute als »Islamlinke« verpönt wird.

Dieser vor allem bei Neokonservativen und Rassisten, aber auch bei Liberalen beliebte Anwurf muss jedem und jeder, der oder die auch nur einige Seiten Foucault gelesen hat, widersinnig vorkommen. Warum sollte dieser Erzanarchist, der mit vorher nicht gekannter Finesse staatliche und religiöse Gewalt entblößt hat, ausgerechnet mit einer Theokratie geliebäugelt haben?

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Bei seiner Gefängnisarbeit war Foucault auf das Schicksal der iranischen Gefangenen aufmerksam geworden. Als ihm die italienische Tageszeitung Corriere della Sera anbot, für sie zu schreiben, wollte er erst in die USA reisen, um über Jimmy Carters Amerika zu berichten. Die sich zuspitzende Lage in Teheran bewog ihn dazu, seinen Reiseplan zu ändern. Wer heute seine Reportagen liest, wird in ihnen eine Sympathie mit dem »Wahnsinn von Iran« ebenso entdecken wie eine tiefe Abscheu gegen das Regime des Schahs, jedoch keine autoritären Neigungen. Im Corriere vom 26. November 1978 heißt es, er sehe in Teheran den »Aufstand von Menschen, die mit nackten Händen das enorme Gewicht abwerfen wollen, das auf uns allen lastet, aber besonders auf ihnen, diesen Ölarbeitern, diesen Bauern an den Grenzen der Reiche: das Gewicht der ganzen Welt«. Das klingt revolutionär, zumal für einen Mann, den der Philosoph Jürgen Habermas als einen »Nihilisten« geschmäht hat, islamistisch klingt es aber nicht.

Die Artikel fielen in eine Zeit, in der der Historiker François Furet eine revisionistische Deutung der Französischen Revolution durchsetzen wollte. Für Foucault dagegen galt: »Aufstände gehören zur Geschichte, der sie in gewisser Weise zugleich entkommen.« Aufstände sprengen die Geschichte und das historische Denken. Behrooz Ghamari-Tabrizi, der die Ereignisse in Teheran als kommunistischer Aktivist miterlebt hat, schreibt in seiner Studie »Foucault in Iran« (2016), eines habe den Philosophen besonders fasziniert: dass die Lage so unbestimmt und vieldeutig schien. Kämpfte hier das Alte (der abwesende Ajatollah Khamenei) gegen das Neue (der mit harter Hand herrschende Schah), das Archaische gegen das Moderne? Nein, antwortete Foucault. »Was im Iran alt ist, ist der Schah. Er ist fünfzig Jahre alt und hundert Jahre hinter der Zeit. Er hat das Alter aller gefräßigen Monarchen. ­Heute ist sein Modernisierungsprojekt, sind seine despotischen Waffen, ist sein korruptes System archaisch. Das Regime selbst ist der Archaismus.«

Ein anderer Archaismus sollte kommen. Hätte Foucault ihn voraussehen müssen? Wie Ghamari schreibt, gingen die Islamische Republik und ihr Terror keineswegs unausweichlich aus dem Aufstand, sondern vielmehr »aus einem heftigen nachrevolutionären Machtkampf« hervor. Dabei sei es zu Gewaltexzessen gekommen, aber nicht nur von der Seite der Khamenei-Partei aus, die von Anfang an das entscheidende Ferment der Revolution war, sondern auch von deren Widersachern. Foucault wandte sich in dieser Situation gegen all die aufgeklärten Kolonisatoren, die den Kolonialisierten vorschreiben wollen, wie sie sich zivilisieren sollen, gegen die Aufklärung wandte er sich aber nicht. Im Gegenteil, er sah den Aufstand, nicht nur diesen, mit Immanuel Kant als den »Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit«. Aufklärung war für ihn nicht bloß Erkenntnis, sondern konkreter Befreiungsakt.

An den damaligen Premierminister des Iran, Mehdi Bazargan, schrieb er 1979: »Was ›Islamische Regierung‹ betrifft: Warum misstrauisch werden bei dem Adjektiv ›islamisch‹? Das Wort ›Regierung‹ genügt doch schon, uns zur Wachsamkeit zu ermahnen.« Er hielt die Religion, die »politische Spiritualität« im Iran für einen Brandbeschleuniger, nicht für ein Ordnungsprinzip. Ohnehin fremdelte er mit jeder Ordnung. Wie alle anderen Zeitgenossen konnte Michel Foucault die neue Ordnung im Iran nicht voraussehen. Bedenken wir aber, dass diejenigen, die die Russische Revolution ablehnen, weil sie nur auf Stalin habe hinauslaufen können, sich unter dem Zaren vermutlich ganz wohlgefühlt hätten. Und diejenigen, die derzeit im Iran den Weg für den Sohn des Schahs freibomben wollen, gehören allein dadurch schon zu den Anwärtern auf kolonialistische Profite.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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