Schwarzer Kanal
Gegründet 1947 Sa. / So., 16. / 17. November 2019, Nr. 267
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 19.10.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die Kriegs-Antifa

Von Arnold Schölzel
schwarzer kanal.png

Der in Jugoslawien geborene Schriftsteller Sasa Stanisic nutzte am Montag in Frankfurt am Main seine Dankesrede für die Verleihung des Deutschen Buchpreises zu einem Angriff auf Peter Handke. Der war wenige Tage zuvor als Träger des Nobelpreises für Literatur 2019 benannt worden. Stanisic erklärte, er finde es »komisch«, »dass man sich die Wirklichkeit, in der man behauptet, Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, so zurechtlegt, dass dort nur noch Lüge besteht.« Zuvor hatte Stanisic in einer Twitter-Kaskade bereits tagelang seinem Unmut Luft gemacht. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte am Mittwoch eine Blütenlese: Handke ist da »kitschiger Möchtegern« und habe sich »exklusiv an die Seite der Mörder und Milosevic-Freunde« gestellt.

Eiferndes äußerten in den vergangenen Tagen auch jene deutschsprachigen Medien, denen die Auflösung Jugoslawiens ab 1990 nicht schnell genug gehen konnte (siehe jW vom 16. Oktober, Seite 3). Sie bejubelten seinerzeit unisono die Tatkraft des damaligen Kanzlers Helmut Kohl und seines Außenministers Hans-Dietrich Genscher bei der Zerstörung der sozialistischen Föderation. Kohl hatte in seiner ersten Regierungserklärung nach dem DDR-Anschluss am 30. Januar 1991 mit der Formulierung von »unserer Verantwortung in der Welt«, die »nach der Wiedervereinigung gewiss noch stärker als zuvor« erwartet werde, bekräftigt, dass die erweiterte Bundesrepublik in der neuen Kriegsära stets dabei sein wird. Die neue Epoche war da soeben mit dem Krieg gegen den »Wiedergänger Hitlers« (Hans Magnus Enzensberger), den Staatschef des Irak Saddam Hussein, eröffnet worden. Seitdem gilt: NATO- und EU-Staaten kämpfen stets als Antifaschisten, im Fall Jugoslawien gegen den »Hitler von Belgrad«, den jugoslawischen und serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Handke von dieser aus dem Geist des DDR-Anschlusses geborenen Konzern-Antifa in die Nähe des Führers gestellt wurde. Am Mittwoch zitierte Kultur­korrespondent Thomas Steinfeld auf sueddeutsche.de einige besonders herausragende Äußerungen. So habe der dänische Schriftsteller Carsten Jensen in der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter Handke »zu einem gefährlichen Rechtsextremisten, der den Völkermord rechtfertige«, erklärt. Ebenso ohne Textgrundlage habe der slowenische Philosoph Slavoj Zizek, aus Handke einen »Apologeten des Völkermords« gemacht.

Steinfeld erwähnt nicht, dass die publizistische Zusammenfügung von Handke und Hitler längst vollzogen war. In der Neuen Zürcher Zeitung (Online) erklärte z. B. Feuilletonredakteur An­dreas Breitenstein am Sonnabend unter der merkwürdigen Überschrift »Peter Handke ist der nächste Fettnapf«, der jetzige Nobelpreisträger habe sich spätestens 1996 »mit der niederträchtigen serbischen Expansionspolitik gemein gemacht«. Breitenstein fragt: »Würde man heute dem Hitler-Verehrer Knut Hamsun, als Schriftsteller ohne Zweifel ein Jahrhundertgenie, den Nobelpreis nochmals verleihen wollen?« Und: Sei »im jugendfrischen Stockholm Amnesie« ausgebrochen? In solcher Gleichsetzung schwingt mit: Weltkrieg, Vernichtung von Millionen Osteuropäern, darunter mehr als eine Million Jugoslawen und darunter wiederum mehr als 500.000 Serben, Völkermord an den Juden Europas – was unterscheidet das von den Kriegen der 90er Jahre in Südosteuropa? Zumal der Feldzug des Westens, ließe sich ergänzen, ja schließlich antifaschistisch motiviert war. Und einmal reicht nicht: Am Sonntag ließ die NZZ in ihrem Internetauftritt das vom serbischen Schriftsteller Bora Cosic mit einer erneuten Gleichsetzung von Hamsun und Handke bekräftigen. Es gilt: Wer im Westen Krieg will, muss von Hitler reden. Stanisic muss nur eine Kleinigkeit zulegen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Peter Handke von dieser aus dem Geist des DDR-Anschlusses geborenen Konzern-Antifa in die Nähe des Führers gestellt wurde.

Ähnliche:

  • »Allgemeines Auftauen«? Peter Handke am vergangenen Donnerstag v...
    17.10.2019

    Eine hartleibige Geschichte

    Noch ist Hoffnung, doch Peter Handke steht wieder am Pranger der Jugoslawien-Zerbomber
  • »Antifaschismus und Friedensarbeit gehören zusammen«: Protestzug...
    20.04.2019

    »Der Krieg ist der größte Klimakiller«

    Gespräch mit Laura von Wimmersperg. Über die Friedensbewegung, den NATO-Angriff auf Jugoslawien, »Fridays for Future« und wie man sein Zuhause findet

Mehr aus: Wochenendbeilage