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Aus: Ausgabe vom 19.03.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

»Ich bin das neunzehnte Jahrhundert«

Hans Pleschinskis kluger Roman über den ersten deutschen Literaturnobelpreisträger Paul Heyse
Von Werner Jung
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Der Torre San Marco am schönen Gardasee (30.1.2013)

Die Konstruktion des neuen Romans von Hans Pleschinski ist einfach und übersichtlich: Die 63jährige Münchner Lokalpolitikerin und Baurätin Antonia Silberstein ist bewegt von der Idee, aus der heruntergekommenen Villa des – heute nahezu unbekannten – ersten deutschen Literaturnobelpreisträgers Paul Heyse (1830–1914) eine Art literarischen Begegnungsort zu machen. Deshalb hat sie sich zu einer ersten Sichtung mit der Schriftstellerin Vandervelt und der Archivarin Flößer entschlossen. Hinzu kommt ein Professor aus Marburg namens Bradford, den die Frauen unterwegs treffen. Aus dem fortdauernden Gespräch der Frauen – Bradford und dessen chinesischer Ehepartner treten als weitere Gesprächspartner etwas später hinzu – über die Bedeutung des Werks von Heyse, ja, im Grunde die gesamte kulturelle Situation der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, besteht Pleschinskis Roman.

Dass daraus weder ein Gelehrten- oder Künstlerroman noch ein weiterer historischer Roman wurde, ist Pleschinskis Erzählweise zu verdanken, die scheinbar mühelos unterschiedliche Darstellungs- wie Wirklichkeitsebenen miteinander kombiniert und gegeneinander spiegelt. Da finden sich etwa herrlich komische, mitunter groteske Episoden aus dem gegenwärtigen Münchner Alltagsleben. Da wären etwa zwei Handybesitzer, die im Daddelfuror ineinander rennen, wobei der eine das Objekt seiner Begierde unrettbar im Gulli verliert: »›Alles … alles!‹, schrie das Hauptopfer auf, stierte um sich, starrte ins Loch, ›die Kontakte … die PINs! ... der Chef … Melanie … die Bali-Buchung …‹« Oder ein Streit wie aus dem Nichts auf der Straße zwischen einem Hundebesitzer und einem Misanthropen. Oder das unsagbar schwachsinnige Gespräch zweier Ehepaare über die Beköstigung auf Urlaubsreisen im gehobenen Pauschaltourismus. Im harten Gegenschnitt dazu der sich zwischen angeregter Konversation, halbgelehrter Rede und bösartigen Sottisen (seitens der auf dem literarischen Markt nicht so recht reüssierenden Schriftstellerin) bewegende Diskurs des ­Heyse-Grüppchens.

Auf wunderbare Weise werden die Leser eingeführt in das Leben, Denken und Werk Paul Heyses, der u. a. 180 Novellen sowie eine unüberschaubare Zahl an Gedichten verfasste und zu Lebzeiten ein rundum geschätzter, von vielen Literaten und Künstlern – Fontane, Böcklin, Menzel etc. – gern in München, später im Ferienort Gardone Riviera am Gardasee besuchter Causeur gewesen sein muss.

Auch die politisch-literarischen Probleme Heyses, die zugleich die ästhetische Zerrissenheit in Deutschland Ende des 19. Jahrhundert aufzeigen, deutet Pleschinski an, wenn er ihn so zu Wort kommen lässt: »Und das Ganze schimpft sich Naturalismus, allein seine Titel [gemeint ist Gerhard Hauptmann, W. J.] – ›Die Weber‹, ›Bahnwärter Thiel‹, fehlen nur noch ›Die Ratten‹. Er meint, dem Volks aufs Maul zu schauen, ich lege dem Volk die Worte in den Mund, die es lernen sollte. Denn das ist Idealismus. Das Schöne muss triumphieren, Ideal und Harmonie, und nicht die Vertiefung ins Hässliche, egal, ob mit oder ohne Sekretärin.« Selbstbewusst fügt Heyse hinzu: »Ich bin das neunzehnte Jahrhundert.«

Dass das Unternehmen »Villa« schließlich scheitert, liegt daran, dass findige italienische Tourismusbeauftragte aus Gardone Riviera auf eine ähnliche Idee gekommen sind, nämlich Heyses Villa am Gardasee zu einem »Centro culturale di Paul Heyse« umzugestalten: »Wir möchten«, so Herr Grassi, »auch unser Casino mit seinem Saal einbeziehen. Festspiele. Wie Salzburg. Publikum wird herbeiströmen.« Die schöne Münchner Idee – passé.

Hans Pleschinski: Am Götterbaum. C. H. Beck, München 2021, 280 Seiten, 17,99 Euro

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