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Kino

Schwarze Galle

Katzenjammer des Imperialismus: Christopher Nolans überraschend schlechtgelaunte Verfilmung der »Odyssee«

Foto: IMAGO/Landmark Media
Er wäre besser zu Hause geblieben: Matt Damon als traumatisierter Odysseus

Seit geraumer Zeit werden die USA vom Widerspruch zwischen Imperium und Nation schier zerrissen. Ein desaströser Krieg folgt auf den nächsten, doch Präsident Donald Trump, der eine befriedete Nation versprach, hat mit dem Angriff auf den Iran alles nur noch verschlimmert. Von dieser verfahrenen Lage erzählt Christopher Nolans Drei-Stunden-Drama »Die Odyssee«. Überraschend daran ist weniger, dass Nolan das Thema nicht anhand irgendeines glücklosen Kommandanten aus dem Afghanistan- oder Irak-Krieg, sondern an einem antiken Stoff abhandelt, überraschend ist vielmehr die schwarze Galle, die er über der Geschichte ausgießt.

Odysseus, der uns in den meisten Bearbeitungen als ein schlaues Kerlchen erscheint, das einen Zyklopen und die Sirenen überlistet, ist hier ein traumatisierter Veteran, der über den Schrecken des Krieges einer Amnesie anheimgefallen ist. Auf der Insel der Kalypso (Charlize Theron) rekonstruiert er in mühseligen Selbstanalysen, wie es zur Tragödie gekommen ist: zum Untergang seiner Schiffe, zum grausigen Angriff der riesenhaften Laistrygonen, zum Tod seiner letzten Gefährten auf See. Entsprechend hat der Regisseur für seinen Hauptdarsteller weder einen »smooth operator« noch einen athletischen Helden, sondern den vierschrötigen Matt Damon gewählt, der sich auch noch einen Zottelbart wachsen lassen musste, um endgültig wie einer der vielen Kriegsgeschädigten auszusehen, die auf den Straßen der US-amerikanischen Großstädte vegetieren.

Auf Kalypsos Insel des Vergessens könnte Odysseus an einen der besten Popsongs aus den USA (»Mr. Skin« von Spirit, 1970) denken: »I raise my head in a touchy situation, / Yes, I make my bed in the heart of the nation.« Der sein Haupt in einer heiklen Situation erhebt, kann sich doch gerade deshalb im Herzen der Nation wähnen. Doch was ist seine Nation? Warum hat er sie verlassen? Wie findet er heim?

Dazu muss der Film von der »Odyssee« auf die »Ilias« zurückblenden. König Odysseus grummelt seiner Königin Penelope (Anne Hathaway) ins Ohr, er müsse leider ein »Opfer« bringen. Das Opfer ist der Trojanische Krieg. Nun könnte das Abenteuer zwar mit dem Trojanischen Pferd einen heroischen Glanzpunkt setzen. Doch am Ende ist für Nolan auch Troja nichts anderes als eine Metzelei gewesen. – Nichts, auf was Odysseus stolz sein könnte. Er wäre besser zu Hause geblieben.

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Wie sieht es derweil zu Hause, in Ithaka, aus? Es lässt sich nicht behaupten, dass Nolan das trumpianische Narrativ bedient. Gewiss, da sitzt die Schar der Freier, die nichts anderes tut, als zu fressen und zu saufen. Sie sind also Parasiten am Gemeinwesen, aber der »tiefe Staat« sind sie sicherlich nicht, weil sie einfach nichts zu melden haben. Vielleicht sind sie die Ausländer, die sich, nach Trump, auf Kosten der Alteingesessenen mästen, aber auch diesen Aspekt betont Nolan nicht übermäßig.

Im Prinzip könnten die, wenn auch verschlagenen und faulen Freier dem Staatswesen sogar aus der Bredouille helfen. Es wäre vernünftig, wenn Penelope ihren nun schon seit zwanzig Jahren abwesenden Mann für tot erklärte und endlich irgendeinen Freier ehelichte, um aus dem Machtvakuum herauszufinden. Das ist keineswegs ein zynisches Gedankenspiel, sondern bei Homer genau so angelegt. Penelope berichtet einem Freier die letzten Worte des überaus pragmatischen Odysseus vor seiner Abfahrt. Er wisse nicht, sagt er, »ob Gott von Troja mich heimführt, / Oder mich dort abfordert. Du sorg’ hier fleißig für alles! / (…) Siehst du aber den Sohn im ersten Barte der Jugend, / Magst du das Haus verlassen, und, wem du willst, dich vermählen.« (Deutsch von Johann Heinrich Voß)

Der Sohn, Telemachos (Tom Holland), ist schon längst »im ersten Barte der Jugend«, als er sich endlich von seiner Mutter löst, um den Vater zu suchen. Er ist in jeder Beziehung die Schwachstelle der Geschichte. Denn den Freiern gegenüber, die ihn ermorden wollen, ist er zu schwach, und das ist leicht begreiflich: Außer dem blinden Sauhirten Eumaios (John Leguizamo) steht ihm niemand zur Seite. Aber was genau will Telemachos erreichen? Will er ernsthaft von den traurigen Niederlagen seines Vaters hören? Will er selbst an die Macht kommen? Am Ende wird sie ihm, abweichend von der Homerschen Fabel, wie ein Schwarzer Peter aufgedrängt. Und man möchte lieber nicht wissen, wie lange der Knabe Ithaka halten kann.

Selbst das Ende der Kriege und die Einsicht in ihre Vergeblichkeit können den Staatsapparat nicht wiederherstellen, und griechisch-demokratische Lösungen werden gar nicht erst erwogen. Über dieses Trauerspiel tröstet Nolan sein Publikum mit den üblichen, vor Schwerthieben und Blut schmatzenden Kampfszenen, die, weil das Bild fast durchweg dunkel und kontrastarm ist, selten gut zu verfolgen sind, besonders die Episode mit dem geblendeten Polyphem bleibt im Zwielicht; erfreulicherweise, man möchte nicht immer alles sehen.

Eine einzige Szene sticht heraus: die Begegnung mit Kirke, auch wenn sie, um jugendfrei zu bleiben, entschärft worden ist. Kirke – bewegend gespielt von Samantha Morton – verwandelt Männer, hier den abgekämpften, hungrigen Trupp des Odysseus, in Schweine. Vertierte Soldaten zu Tieren zu machen, hat nach all den Kriegsszenen und der in ihnen geschilderten Gewalt gegen Frauen mehr Berechtigung als bei Homer und rechtfertigt vielleicht sogar, dass Kirke, nachdem sie den Zauber gelöst hat, nicht wie bei Homer – »Da bestieg ich mit ihr das köstlich bereitete Lager« – mit Odysseus ins Bett geht.

Kirke erklärt Odysseus, wie er in der Unterwelt die Gefallenen treffen kann. Die Unterwelt ist im Film ein Strand, und man sieht unwillkürlich die Bucht von Dünkirchen oder die von Iwojima vor sich, mit verfaulenden Leichen übersät. Nein, dieser Film ist kein zweiter »Ran« à la Akira Kurosawa (Christopher Nolans erklärtes Vorbild) und auch sonst nicht bedeutend, aber doch ein frappierendes Symptom für die weiter wachsende Unlust an imperialen Abenteuern aller Art.

→ »Die Odyssee«, Regie: Christopher Nolan, UK/USA 2026, 180 Min., Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.07.2026, Seite 11, Feuilleton

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