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Aus: Ausgabe vom 29.10.2019, Seite 12 / Thema
Literaturstreit

Immer noch Handke

Die Vergabe des Nobelpreises für Literatur an den Schriftsteller treibt die bürgerlichen Medien um. Und ein Buchpreisträger überarbeitet seine Rede
Von Gerd Schumann
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Da mag er gar nicht mehr hinhören. Weil Peter Handke sich die offizielle Darstellung der Zerschlagung Jugoslawiens nicht zu eigen machte, sondern Fragen stellte, sei er nicht ­­nobelpreiswürdig, heißt es jetzt allerorten (Handke, hier in einer Aufnahme vom 11.11.2009)

Ob gewollt oder, wohl eher, nicht gewollt: Das Thema Jugoslawien-Krieg ist zurück. Die Entscheidung, den Nobelpreis für Literatur an den österreichischen Dichter Peter Handke zu verleihen, befördert das ideologieträchtige Thema, seit Jahren in irgendwelchen Gewölben mehr oder weniger vor sich hin schlummernd, wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Es stellt sich heraus: »Die Wunden sind offen wie am ersten Tag, wie damals, beim ersten Streit um Handke.« So konstatiert die Zeit (»Bleibender Schatten«, 17.10.2019), sich noch nicht so richtig trauend, den Kern des »Streits« zu benennen, wie auch »damals« schon.

Schließlich hätte mit Handkes Balkan-Werken aller Logik nach die längst überfällige Debatte über die ganze Problematik der neuen Kolonialkriege beginnen müssen, die unter dem Vorwand gerechtfertigt werden, der Verteidigung von Menschenrechten zu dienen; von den unsäglichen Kriegen der westlichen Imperien in Afghanistan, Irak und aktuell Syrien, bis hin zur für ganz Afrika desaströsen Zerschlagung Libyens – von den französischen Beutezügen auf dem Kontinent ganz zu schweigen. Der nicht nur in Sachen Jugoslawien widerständige Handke, ein Mann des Wortes und der Tat, bringt einiges ins Rollen. Wieder einmal.

Und wieder einmal wird er unflätig beschimpft wie in der New York Times (»Bob Dylan unter den Genozidapologeten«). Oder sein Werk wird nach politischen Kriterien zerlegt bzw. in Gänze verdammt: »In der Tat war es in den vergangenen Tagen erstaunlich zu beobachten, wer alles meint, Handkes Gesamtwerk mit gönnerhaften Kommentaren für nichtig erklären zu können – oder gar stolz verkündet, es nicht zu lesen, aber dennoch seine Meinung dazu hat.« (FAZ, 17.10.2019) Bleibt abzuwarten, welche Blüten die Verdammung des Schriftstellers bis zum 10. Dezember, dem Tag der Preisverleihung in Stockholm, noch so treibt.

Fragen stellen

Der Dimension von Grausamkeit, die sich hinter dem im Bosnien-Krieg (1992–1995) entstandenen Wortungeheuer »ethnische Säuberungen« verbirgt, wird nicht gerecht, wer sie nicht hinterfragt. Diesbezüglich hat sich im kollektiven Gedächtnis derjenigen, die seinerzeit Erklärungen für die Greuel in Bosnien und der Herzegowina suchten, bis heute ein Gefühl von Unfassbarkeit gehalten. Kaum erklärbar, dass ein jahrzehntelang gewachsenes friedliches Miteinander der Ethnien und Religionen innerhalb kurzer Zeit verschwindet oder verdrängt wird von Hass und offener Gewalt.

Als ich vor dem Krieg durch Bosnien fuhr – jeweils im November der Jahre 1990 und 1991 – bildeten sich lange Autoschlangen an den Tankstellen. Das Warten auf Benzin dauerte oft tagelang. Auch Heizstoff war knapp im Gegensatz zu Geldscheinen: Die Druckmaschinen spuckten Noten aus, die von Stunde zu Stunde an Wert verloren. Es war die Zeit, als die nationalistisch ausgerichteten Parteien entstanden und die Männer ihre Waffen ölten. Das Gefühl, wenn die Kälte des Winters in jede Ecke und in jeden Körper dringt, lässt Gedanken einfrieren und erzeugt Willenlosigkeit bis zur Apathie. Die Gründe dafür, dass ein Land aus dem Frieden fühlbar in den Krieg gleitet, sind deswegen so schrecklich, weil es sie gibt, und die Vernunft – in diesem Fall – nicht gegen sie ankommt.

Es ist auch die Zeit der deutschen Außenpolitik mit dem Befürworter kroatischer Eigenstaatlichkeit an der Spitze, Hans-Dietrich Genscher, dem vielleicht größten Förderer der Abtrennung Kroatiens – auslösendes Moment der schweren Kämpfe zu Beginn der Jugoslawien-Kriege um Slawonien und vor allem später die mehrheitlich serbische Krajina, aus der 1995 Zehntausende Serben vertrieben werden. Es ist zudem die Zeit der ehemaligen, nach 1945 enteigneten Großgrundbesitzer. Jakob Graf zu Eltz und Vukovar, dessen Burg Eltz den 500-DM-Geldschein zierte, war 1992 zuständig für die Ausgabe kroatischer Pässe in Deutschland und schließlich Abgeordneter des kroatischen Parlaments (1992–2000). Die Besitzurkunden in den ehemals jugoslawischen Republiken lesen sich heute wie ein »Who is who« im Konzernlexikon.

Peter Handke, damals schon als Nobelpreisträger im Gespräch, fuhr auf der Suche nach Wahrheit nicht nur auf den Balkan und hörte und sah, sondern er stellte Fragen. Zu dem, was geschah in Bosnien und Serbien, in Vukovar und der Krajina. Er fasste in Worte, was alle wissen wollten, die wirklich wissen wollten: »Warum solch ein Tausendfachschlachten? Was war der Beweggrund? Wozu? Und warum statt einer Ursachen-Ausforschung (›Psychopathen‹ genügt nicht) wieder nichts als der nackte, geile, marktbestimmte Fakten- und Scheinfakten-Verkauf?« Fragen in diesem Fall zu Srebrenica, die sich angesichts der politischen Instrumentalisierung von Leid bis heute stellen. Schon deswegen sind sie legitim.

»War damals nicht der Krieg ausgebrochen gewesen, mit gegenseitigen Kämpfen fast überall in Bosnien?« fragt Handke. Ja, er war ausgebrochen. Und in Visegrad, der ostbosnischen Kleinstadt an der Drina, berühmt durch Ivo Andrics Roman »Die Brücke über die Drina«, können viele Menschen, die den Krieg überlebt haben, davon erzählen, wie Häuser angesteckt und Nachbarn misshandelt oder ermordet wurden – auf allen Seiten der ethnischen Barrikaden. Die Namen der Betroffenen klingen muslimisch und serbisch und kroatisch.

Immer noch – auch heute – werden »Statistiken« über die Herkunft genannt, um die besondere Betroffenheit einer ethnischen Gruppe zu belegen. Kürzlich tat sich zum Beispiel die Frankfurter Rundschau (15.10.2019) mit dem »Totenbuch von 2012« als Quelle hervor. Indem sie zwei Regionen erwähnte, in denen mehrheitlich bosnischen Muslime ums Leben kamen, bediente sie das alte Schuldmuster. Aber sicherlich sagt die Aufrechnung von Opferzahlen – insgesamt starben im Bosnien-Krieg etwa 100.000 Menschen – wenig über das Leid der jeweils anderen aus. Und nichts über die Zukunft aller. Und nichts über die Ursachen.

Indem er Fragen stellte, relativiere er die Tat, wird zwar inzwischen wieder, nachdem Handke am 10. Oktober der Literaturnobelpreis 2019 zuerkannt wurde, behauptet und so vermieden, den Ethnohass, den es im Vielvölkerstaat Jugoslawien über Jahrzehnte kaum gegeben hatte, auf seine Ursprünge hin zu befragen. Und doch: Der Spiegel (43/2019) sagt zwar nicht, Handke habe recht gehabt, er erkennt aber immerhin, dass sich mit dem NATO-Angriff auf Jugoslawien 1999 »vollends die moralpolitische Wende des Westen« vollzogen habe, »die bis heute die deutsche Außenpolitik prägt«. Diese »Moralpolitik« sei inzwischen unter Druck geraten, und »die Wortgefechte um Handke sind auch Rückzugsgefechte«.

Handke habe den westlichen Intellektuellen und Medienleuten, indem er die Kriege und die Berichterstattung darüber kritisierte, indirekt immer auch gesagt: »Ihr seid nicht die Guten, für die ihr euch haltet.« Besser hätte es heißen müssen: Die ihr vorgebt zu sein – und einige der Bedächtigeren scheinen tatsächlich zu bemerken, dass der »Epochenwechsel«, wie sie Niederlage und Verschwinden des europäischen Sozialismus nennen, andere Ergebnisse hervorgebracht hat, als geschrieben wurde.

Leichen pflastern ihren Weg, besonders seit »sich der kapitalistische Sieger an seinem Triumph über den Kommunismus berauschte« (Die Zeit, 17.10.2019). Das betrifft besonders den Sündenfall Jugoslawien, mit dem die in Helsinki 1975 beschlossenen Prinzipien über die territoriale Integrität und die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten endgültig ad acta gelegt wurden. Das Irrationale triumphiert, und nebenbei wird Schuld verteilt. Das Böse an sich und der Serbe speziell gehören zu den vorgestanzten und mit Bedacht eingesetzten Erklärungsmustern. Sie werden gepflegt seit den ersten Zerfallsanzeichen des jugoslawischen Staates – zunächst im Zuge der Wirtschaftskrise Mitte der 1980er Jahre mit von Weltbank und Internationalem Währungsfonds angezogenen Kreditschrauben und dann nach dem Zerfall des sozialistischen RGW-Europas.

Die vorrangig vom Westen und den ihm nahestehenden innerjugoslawischen, auf ihren Vorteil mittels »Unabhängigkeit« drängenden Machtzentren beförderte ökonomische und politische Verelendung macht Bosnien krank. Das Jugoslawien en miniature, ein ethnischer Flickenteppich, zerfällt.

Die Rede im Kaisersaal

Nun sitze ich wieder vor dieser Rede, die Sasa Stanisic am 14. Oktober im Kaisersaal des Frankfurter Römer hielt. Mit ihr bedankte sich der Schriftsteller für den Buchpreis, mit dem sein Werk »Herkunft« ausgezeichnet worden war. Wobei seine wenigen Sätze eher Fragmenten gleichen, ein kurzer Wutausbruch, mit dem er Handkes Berichte aus seiner Heimat Visegrad geißelt. Und ich denke: Wie kommt Stanisics sonderbar abgehackte Litanei zustande, die lediglich einen kurzen O-Ton Handkes enthält, ein »Barfuß«-Zitat. Es soll belegen, dass Handke Morde und Massaker im bosnischen Land geleugnet oder doch zumindest bezweifelt hat.

Stanisic sagt: »In seinem Text, der über meine Heimatstadt Visegrad verfasst worden ist, beschreibt Handke unter anderem: ›Milizen, die barfuß nicht die Verbrechen begangen haben können, die sie begangen haben‹. Diese Milizen und ihren Milizenanführer, der Milan Lukic heißt und lebenslang hinter Gittern sitzt, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, erwähnt er nicht.« Dazu sei angemerkt: Das Handke zugeschriebene Zitat gibt es nicht.

Das ist nichts Neues im Fall Handke. Der ihm zugeschriebene Satz beispielsweise »Sie können sich Ihre Leichen in den Arsch stecken«, den der bosnisch-muslimische US-Autor Aleksandar Hemon in der New York Times erst jüngst wieder benutzte, um in alter Tradition des Blattes den mutmaßlichen Urheber zu diskreditieren, ist ebenfalls nie gefallen und wird trotzdem seit 1996 immer wieder angeführt. Aber dass Stanisic seine Preisrede, »eine einzige Anklage« (Der Spiegel), auf einem nicht existierenden Zitat aufbaut, verwundert dann doch.

Auch ist es nicht gerade üblich, dass ein Preisträger einen anderen Preisträger scharf angreift, ein Kollege den anderen, und das vor der internationalen Medienöffentlichkeit. Warum also? Undeutlich bleibt, ob überhaupt und, wenn ja welchen Einfluss Stanisics Attacken auf die Vergabe des Buchpreises gehabt haben. Tatsache ist, dass seine Anti-Handke-Twitter-Aktivitäten in den Tagen vor der Frankfurter Juryentscheidung einigen Wirbel erzeugt hatten. Davon abgeleitet fragt Die Zeit: »Wäre die Juryentscheidung anders ausgefallen, wenn Stanisic sich vorab nicht so stark gegen Handke exponiert hätte?« In der Geschichte des Buchpreises jedenfalls hätte noch nie eine Entscheidung »vor einer derart aufgeladenen öffentlichen Debatte« stattgefunden.

Immerhin waren Stanisics erste Vise­grad-Kindheitserinnerungen »Wie der Soldat das Grammofon repariert« 2006 für den Buchpreis nominiert wie auch 2014 seine Post-DDR-Geschichte »Vor dem Fest«, die zuvor in Leipzig auf der Buchmesse prämiert worden war. Für »Herkunft« – »weniger ein Roman, vielmehr ein vielschichtiges Prosa-Patchwork und eine autobiographische Erzählung« (Die Zeit, 17.10.2019), erhielt er dann Standing Ovations vom geladenen Fachpublikum: »Der Beifall im Kaisersaal wollte diesmal wirklich nicht enden, bis er es doch tat, widerwillig.« (Frankfurter Rundschau, 15.10.2019). Natürlich landete er mit seiner Handke-Beschimpfung in so ziemlich allen Programmen.

Stanisic selbst nannte es, sich »kurz (…) echauffieren«: »Ich tu’s auch deswegen, weil ich das Glück hatte, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt. Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat, und die in seine Texte der 90er Jahre hineinreicht.«

Nur: Welche »Wirklichkeit« hat sich Handke (»dieser Mensch«) »nicht angeeignet«? Und: Was will Stanisic mit der Feststellung sagen, dass diese in Handkes Texte hineinreiche? Schließlich dreht sich die ganze Aufregung ja gerade um Handkes Texte von 1995 und 1996 (»Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien« und der nachfolgende – »in einer Art Wiederholung unserer ersten Fahrt durch das Land« – »Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise«). Und darin begibt er sich eben auf die Spurensuche nach jener Kriegswirklichkeit ebendort. Seine Schilderungen vom Aufenthalt in Srebrenica gehen unter die Haut, auch wenn, wie Handke sagt, die Worte nicht ausreichen. Für das Gesehene hat »das Gedächtnis weder Bilder noch Worte«.

Sasa Stanisic musste mit seiner Mutter als 14jähriger 1992 aus Visegrad fliehen. Er schildert in »Herkunft«, wie seine Mutter am Rathaus von einem Mann in Polizeihemd, Trainingshose und umgehängtem Waffengurt herangerufen wird. »Als sie vor ihm stand, wiederholte er ihren Namen leiser und mit gespielter Sorge. Er fragte Mutter, ob sie wisse, wie spät es sei. Mutter verstand schon, dass er nicht die Uhrzeit meinte, sie sagte sie ihm dennoch.« Die Mutter verstand und floh. Die Ereignisse nach der Flucht, die Stanisic beschreibt, können naturgegeben nur vom Hörensagen stammen. Er selbst hat sie – zum Glück! – nicht erlebt.

Die Wörter »barfuß» und »Barfüßler« tauchen in Handkes »Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise« übrigens auf, einmal zitiert aus der New York Times und einmal als Bezugnahme auf die Berichterstattung der Zeitung. Dabei schwingen Fragen mit, wie das grausame Geschehen ablaufen konnte, was genau geschehen ist, nach dem mehrfachen Wechsel der Herrschaft über die Stadt, nach versteckten Waffen und Munition, mit denen der Moscheenabriss begründet wird – und nach eben jenem barfüßigen bosnisch-serbischen Milizenchef, verantwortlich für ein Massaker an bosnischen Muslimen.

Vom Zitat zur Paraphrase

Handke schreibt: »Viele von den Opfern, so Augenzeugen (gerade aus einem Hotelzimmer wie dem meinen hier), dort drüben von der Brückenbrüstung gestoßen, und das alles auf Geheiß eines jungen serbischen Milizenführers; mir dazu im Gedächtnis insbesondere ein Artikel aus der New York Times, gespickt mit Aussage um Aussage gegen diesen inzwischen entschwundenen Mann, der – sein Hauptmerkmal – ›oft barfuß ging‹, in der von ihm ›Die Wölfe‹ genannten Paramilitärtruppe, und unter den sonst, wie üblich, ausschließlich muslimischen Belastungszeugen auch, wieder wie üblich, jener einzelne Serbe, ein Mann hier aus der Stadt, in Gefangenschaft geraten und dort verhört von einem UN-Polizisten, später aber, so hieß es, ausgetauscht und ebenfalls verschwunden (fast sicher ›zu seinem Verderben‹, schrieb die Zeitung).« Mehr konnte Handke 1996 im »sommerlichen Nachtrag« nicht schreiben. Der Untergetauchte wurde erst 2005 in Buenos Aires verhaftet und nach Den Haag zum Internationalen Jugoslawien-Tribunal (ICTY) überstellt, wo er 2009 »lebenslänglich« erhielt.

Die FAZ »dokumentiert« die Stanisic -Rede vom 14. Oktober unter der Überschrift »Wo nur noch Lüge besteht« am 16. Oktober »in leicht von ihm überarbeiteter Form«, also in einer von Stanisic selber korrigierten Version. Dass das falsche Handke-Zitat von Stanisic herausredigiert und durch drei Worte ersetzt wurde, durch »ein paar Barfüßler«, steht nicht in der FAZ.

Dazu habe der Autor, so der Spiegel (19.10.2019), auf Nachfrage erklärt, das in der Rede als Zitat Ausgewiesene sei als »Paraphrase« gemeint gewesen – »eine Paraphrase dessen, was Handke geschrieben habe«. Indes macht diese Erklärung die Angelegenheit nicht verständlicher, weil sie an Stanisics Interpretation von Handkes Visegrad-Passagen nichts ändert.

Derweil brachte sich der immer noch vom Fake-Drama um den Reporter Claas Relotius geschädigte Spiegel erneut in Kalamitäten, als er einen Beitrag seiner Kolumnistin Margarete Stokowski »präzisierte«. Er bemerkt zu dem selbst für den serbophoben Leser befremdlich klingenden Text mit der Überschrift »Perfide Mülltrennung« (15.10.2019): »In einer früheren Version des Textes stand, Handkes Erzähler würde Verbrechen leugnen. Wir haben diese Stelle präzisiert.« Um welche Stelle es sich handelt, war nicht nachvollziehbar, doch offenbar setzte Stokowski zuviel Vertrauen in die Seriosität von Sasa Stanisic. So heißt es in ihrem – vom Spiegel »präzisierten« – Beitrag: »Handke hat unter anderem über Sasa Stanisics Heimatstadt Visegrad geschrieben und lässt seinen Erzähler Zweifel an der Darstellung der Geschehnisse säen, etwa, indem dieser die Frage aufwirft, wie es sein könne, dass eine Truppe von serbischen Partisanen die muslimische Mehrheitsbevölkerung terrorisiert.« Das klingt ziemlich präzise nach Stanisic light.

Zeit für eine andere Debatte

Inzwischen hat die Süddeutsche Zeitung (wie bereits im Januar/Februar 1996) den Text der »Winterlichen Reise« im Original auf ihre Webseite gestellt (SZ, 19.10.2019). Das kann hilfreich sein, damit sich die Diskussion endlich Inhalten zuwendet – also Fragen nach der Schuld sowohl für die Jugoslawien-Kriege (vor allem: Kroatien und Bosnien) als auch den NATO-Krieg gegen Rest-Jugoslawien – und eben nicht weiter auf der Propagandaebene verharrt. Wie seit drei Jahrzehnten.

Wer schuld ist am völkerrechtswidrigen NATO-Krieg liegt zwar auf der Hand, ist aber immer noch nicht durchgedrungen zu den Verantwortlichen in Medien- und anderen hohen Häusern. Ebensowenig die Vorgeschichte, das ganze Jahrzehnt der jugoslawischen Kriege. Bisher setzt dabei die FAZ – von einigen Zwischentönen vor allem in der ersten Bewertung der Preisvergabe für Handke abgesehen – recht stur auf die überkommene Version vom Dichter, der »seinen Beruf instrumentalisiert, als er seine peinlichen und mitunter auch niederträchtigen Einlassungen zu Bosnien publiziert«. So verkündet es Jürgen Kaube per Leitartikel (19.10.2019).

Der Versuch des FAZ-Herausgebers, die Frage nach den Verantwortlichen für den Krieg auf eine Niedertracht des Künstlers abzuschieben, wirkt letztlich hilflos. Das Problem, eine Debatte über den Angriff auf ein souveränes Land, das von Deutschland schon einmal – 1941 – überfallen worden war, zu vermeiden, wird sich so nur schwerlich lösen lassen. 2019 ist nicht 1999.

Als am Tag der Verkündung der Verleihung des Nobelpreises eine Kulturkritikerin der Tageszeitung Dagens Nyheter und des öffentlich-rechtlichen schwedischen Fernsehens erklärte, in Zeiten der Desinformation sei es eine »Schande«, Peter Handke den Literaturnobelpreis zuzusprechen, konterte das Mitglied der Schwedischen Akademie Henrik Petersen: »Meines Erachtens ist das Gegenteil der Fall; gerade in einer von Desinformation geprägten Zeit hat sich der Nobelpreis an Peter Handke als überaus zeitgemäße Wahl erwiesen. Eines Tages werden die Reaktionen auf Handkes Nobelpreis Gegenstand einer historischen Abhandlung sein.« Es ist an der Zeit.

Gerd Schumann schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 12./13. Oktober 2019 über die Geschichte des vom Abriss bedrohten Bitterfelder Kulturpalastes.

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (29. Oktober 2019 um 08:23 Uhr)
    Ausgezeichnet werden halt üblicherweise Autoren, die „auf Linie“ schreiben, weil die sich so schön ins gängige Propagandaschema des Establishments einfügen und sich als entsprechendes „Kampfmittel“ für ihre Zwecke nutzen lassen. Dementsprechend bedient ein Heer von angepaßten Schreiber/Innen die bekannten konformen Inhalte, Formen und Ziele und schafft sich so auch ein durchaus einträgliches Geschäftsmodell. Im Umkehrschluß drischt man logischerweise auf einen, der mal nicht wie erwartet mit den Wölfen heult. Handke sollte das gelassen nehmen nach dem Motto: „Viel Feind – viel Ehr“, denn das Geschrei spült auch die brisanten Themen wieder hoch und kann auch durchaus der Wahrheitsfindung ein bißchen dienen. Zum Beispiel, daß der allseits hochgeachtete „Genschman“ bewußt und organisiert die Lunte gezündet hatte, um den Staat Jugoslawien zu eliminieren und damit große Mitverantwortung für massenhaften Tod und Zerstörung trägt.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Olivera Götz: Traurig Dieser Artikel von Gerd Schumann ist ein Grund mehr, die junge Welt zu abonnieren. Es gibt kaum etwas, was man zu dem Text anmerken kann. Ich erlaube mir dabei nur einen Hinweis. Die Rede von Sasa Sta...
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