Aus: Stadt und Stadtentwicklung, Beilage der jW vom 04.07.2018

Googles Pläne im Kiez

Internetgigant bereitet »Campus« in Berlin vor. Anwohner protestieren gegen Umbau ihrer Stadt durch Technologieunternehmen

Von Marc Bebenroth
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Atmosphäre fürs Geschäftemachen: das ehemalige Umspannwerk in Berlin-Kreuzberg

Der große Industrieklinkerbau am südlichen Ende der Oh­lauer Straße in Berlin-Kreuzberg hat seine Zeit als Hort klassischer Arbeit hinter sich. Heute beherbergt das ehemalige Umspannwerk am Landwehrkanal ein Restaurant, ein Musikstudio, eine Immobilienfirma und eine Reihe Büroräume. Noch in diesem Jahr soll dort ein »Google-Campus« eröffnen. Die eigenen Räume will der Internetkonzern in Zukunft ausgewählten Jungunternehmern zur Verfügung stellen. Mit Beratungsleistungen will Google ihnen bei der Gründung eigener Startups unter die Arme greifen.

»Kick Google aus dem Kiez!« fordern vereinzelt Plakate entlang der Reichenberger Straße. Über einem dieser Poster steht in Großbuchstaben »Gentrifick dich« geschrieben. Die anhaltenden Proteste verschiedener Organisationen und Bündnisse richten sich gegen die Verdrängung von Anwohnern in Kreuzberg und andernorts. Unternehmen wie Zalando, Rocket Internet, Deliveroo und Google tragen nach Ansicht ihrer Gegner entscheidend dazu bei, Stadtteile für die dort lebende Bevölkerung mit steigenden Mieten und neuen Luxusbauten unbezahlbar zu machen. Diesen Prozess nennt man Gentrifizierung.

Widerstand organisiert sich

»Wir finden es schwierig, uns zu organisieren. Wir sind entfremdet voneinander«, sagt Jacek. Der Deliveroo-Fahrer berichtet aus seinem Arbeitsalltag. Jacek kommt aus Polen und arbeitet seit drei Jahren als »Rider« (Fahrer) für den Internetessenslieferdienst. Zur Diskussion geladen hatte das Theater »Hebbel am Ufer« (HAU). Neben Jacek teilen weitere Redner ihre Erfahrungen mit den Gästen der ehemaligen Schaubühne am Halleschen Ufer. Alle sitzen, um einen großen Tisch versammelt, auf schwarzen Klappstühlen. Der Austausch erfolgt auf deutsch und auf englisch. Für Simultan­übersetzung ist gesorgt.

»Ich denke, die Trennung der Leute ist wichtig für den Gewinn des Unternehmens«, sagt Jacek. Er heißt in Wirklichkeit anders. In ruhigem Ton erzählt er, wie das Unternehmen nur in Gestalt eines Algorithmus in Erscheinung tritt. Der legt fest, wer welche Route zugeteilt bekommt. Strafpunkte regulieren den Zugang zu lukrativen Fahrten. Von denen gibt es deutlich weniger, als Fahrer arbeiten wollen, erklärt Jacek. Die Fahrer werden vom Deliveroo-System unter Druck gesetzt. »Ich habe Angst vor der Polizei entwickelt«, sagt er. Zuletzt hat er einen Strafzettel für die verrosteten Bremsen an seinem Fahrrad bekommen. Das und seine gesamte Ausrüstung muss er selbst bezahlen.

Die »Rider« sollen möglichst schnell die Bestellungen an die Kunden ausliefern. Das nötigt die Fahrer zu riskantem Fahrverhalten. Staus, rote Ampeln, Unfälle: Das alles ist dem Algorithmus egal. Er überwacht Zeit und Geschwindigkeit jedes einzelnen Fahrers. Einmal, erzählt Jacek, konnte er wegen einer Verletzung einen Tag lang nicht fahren. Zur Strafe hagelte es so viele Minuspunkte auf seinem Mitarbeiterkonto, dass Deliveroo ihm für zwei Wochen keine neuen Aufträge vermittelte. Der Essenslieferdienst ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie Internetfirmen mit den Menschen umgehen, die für sie die Arbeit machen. Und es zeigt, wie IT-Unternehmen soziale Konflikte verschärfen.

Amerikanische Verhältnisse

Die Spaltung der Gesellschaft in Bedienstete und diejenigen, die bedient werden wollen, ist in den USA bereits weit vorangeschritten. Zwei weitere Redner berichten im HAU von der Situation in San Francisco. Der deutsche Stadtökonom Felix Hartenstein schildert seine Reise­eindrücke, die US-amerikanische Feminismusforscherin Erin McElroy stellt die Arbeit ihres Aktivistenkollektivs vor. »San Francisco ist ein Lost cause – ein hoffnungsloser Fall«, sagt Hartenstein. Auf der Suche nach der Wirklichkeit hinter dem Mythos vom dynamischen Technologiemekka ist der junge Urbanist auf »kuratierte Landschaften« gestoßen. Hartenstein spricht von »Stadtsimulation«, als er den dortigen Google-Campus beschreibt. Auf ihm finde man alles geboten, um dieses Gelände möglichst nicht verlassen zu müssen. Aber man habe keine Ahnung, was sich hinter den Fassaden abspiele, sagt Hartenstein. Er berichtet von der anderen Seite San Franciscos, davon, wie Menschen in ihren Pkws oder Wohnwagen hausten. Andere übernachteten in Zeltsiedlungen, teilweise mitten auf dem Bürgersteig vor Luxuswohnkomplexen.

McElroy und ihre Mitstreiter dokumentieren detailliert, wie systematisch Mieter aus ihren Wohnungen verdrängt werden. Das »Anti-Eviction Mapping Project« (AEMP) betreibt im Internet interaktive Karten, mit denen sich unter anderem die Hintermänner jeder registrierten Zwangsräumung recherchieren lassen. Hinter vielen der in die Hunderte gehenden Firmen stecken einzelne Immobilienhaie. Das AEMP recherchiert ihre Namen und Geschäftsbeziehungen. McElroy und ihre Gruppe machen die unsichtbaren Machenschaften in San Francisco transparent.

Google aus dem Kiez!

Von McElroy und Hartenstein wollen die anwesenden Berliner wissen, ob die geschilderten Entwicklungen ihrer Stadt noch drohen. Die jungen Wissenschaftler warnen davor, zu spät zu handeln. »Ist Berlin wirklich so anders?« fragt Hartenstein rhetorisch in die Runde. Er ist davon überzeugt, dass Prozesse wie in San Francisco in Berlin bereits im Gang sind. Digitalisierung sei das ideologische Vehikel für derartige Entwicklungen, sagt er. McElroy ruft Berlins Bevölkerung dazu auf, sich noch stärker zu organisieren. Über Formen des Widerstands könne man auf beiden Seiten des Atlantiks voneinander lernen.

Google ist nicht das erste Technologieunternehmen, das sich in einem Kiez wie dem in Kreuzberg ansiedelt. Vor ihm haben sich bereits andere niedergelassen. Und auf Google werden weitere folgen. Auf den ersten Blick erscheint der geplante Google-Campus im Umspannwerk harmlos. Ein paar Büroräume für Unternehmensgründer sollten niemanden stören, möchte man meinen. Doch es geht um mehr. Das Wissen um die prekäre Lage in anderen Teilen der Stadt und um die Situation in den USA macht deutlich, wie wichtig Widerstand ist. Den Google-Campus doch noch irgendwie zu verhindern, das wäre für die Gegner von Verdrängung ein wichtiger Teilsieg. Doch um den öffentlichen Raum für sich zu behaupten, müssen sie es mit den Interessen der Technologiefirmen sowie der Berliner Politik aufnehmen. Der Kampf um eine Stadt für ihre Bewohner ist noch lange nicht entschieden.

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