»Aus einzelnen Kämpfen koordinierten Widerstand machen«
Antimilitaristische Vernetzungskonferenz am 16. und 17. Oktober in Kassel: Es soll nicht bei Appellen gegen Aufrüstung bleiben. Ein Gespräch mit Andreas Buderus
Warum laden Sie gerade jetzt zu einer Vernetzungskonferenz nach Kassel ein?
In den vergangenen Monaten und Jahren sind an vielen Orten antimilitaristische Initiativen entstanden – in Betrieben, Gewerkschaften, Friedensgruppen und anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Kolleginnen und Kollegen organisieren sich gegen Militarisierung und Rüstungsproduktion, gegen Sozialabbau und die Unterordnung gewerkschaftlicher Interessen unter die sogenannte Kriegstüchtigkeit. Aber vieles findet noch nebeneinander statt. Unser Ausgangspunkt ist deshalb die Frage: Wie bekommen wir diese Erfahrungen zusammen? Zudem wollen wir verhindern, dass die jüngsten Massenmobilisierungen, also der Aktionstag der Automobilindustrie und die Sozialproteste am 26. September, seitens des Gewerkschaftsapparats in konzertierte Aktionen überführt werden.
Es gibt Initiativen dieser Art. Was wollen Sie anders machen?
Uns interessiert vor allem die konkrete Praxis: Was passiert in den Betrieben? Welche Auseinandersetzungen gibt es dort und innerhalb der Gewerkschaften? Wo gelingt es Kolleginnen und Kollegen, sich zu organisieren? Wo stoßen sie auf Widerstände? Und was können andere daraus lernen? Dabei wollen wir betriebliche und gewerkschaftliche Initiativen ausdrücklich mit der zivilgesellschaftlichen antimilitaristischen Bewegung zusammenbringen. Nicht übereinander reden, sondern miteinander. Nicht nur analysieren, was gerade geschieht, sondern diskutieren, was wir praktisch tun können. Auch muss niemand mit fertigen Antworten kommen, und wir müssen auch nicht in jeder Frage derselben Meinung sein. Entscheidend ist die Bereitschaft, Erfahrungen zu teilen und darüber zu reden, wo gemeinsames Handeln möglich ist.
Gibt es für den angepeilten Schulterschluss Erfolgsbeispiele?
Vielerorts unterstützen gewerkschaftliche Zusammenschlüsse die Schulstreikbewegung. In manchen Gewerkschaftshäusern finden Kriegsdienstverweigererberatungen statt. Umgekehrt haben wir bei unseren Informationsveranstaltungen zum Plan von Elbit Systems, in Sangerhausen eine Rüstungsfabrik zu eröffnen, großes Interesse der palästinasolidarischen Bewegungen registriert. Auf solche Querverbindungen wollen wir bauen.
Geht es also um den Aufbau einer neuen Organisation?
Nein. Wir wollen nicht den nächsten Apparat gründen und auch niemandem ein fertiges Programm vorsetzen. Es geht, wie der Name nahelegt, zunächst darum, Menschen und Initiativen zusammenzubringen. Unterschiede dürfen dabei sichtbar bleiben. Eine tragfähige Vernetzung entsteht nicht dadurch, dass man Differenzen zukleistert. Wir wollen herausfinden, was wir gemeinsam tun können: Wo können Aktionen miteinander verbunden werden? Wo können wir uns gegenseitig unterstützen? Welche Formen kontinuierlicher Zusammenarbeit brauchen wir? Und wie kann aus Protest tatsächlicher Widerstand entstehen? Ob daraus anschließend eine dauerhafte Koordinierung entsteht und welche Form sie haben könnte, müssen die Beteiligten gemeinsam entscheiden.
Welches Programm erwartet die Gäste?
Wir haben bewusst kein Programm zusammengestellt, bei dem zwei Tage lang vorn geredet und hinten zugehört wird. Es gibt kurze Impulse, ein Podium, Arbeitsgruppen und einen Markt der Möglichkeiten. Initiativen sollen ihre Erfahrungen vorstellen können, Kontakte knüpfen und konkrete Verabredungen treffen.
Ein besonderer Programmpunkt wird eine Liveschaltung nach Vigo in Spanien sein. Dort tagt die Generalversammlung des European Dockworkers’ Council. Die Hafenarbeiter bereiten derzeit ihren nächsten europäischen Hafenaktionstag am 30. Oktober vor. Das ist für uns wichtig, weil antimilitaristischer Widerstand international gedacht werden muss. Häfen, Logistik, Produktion – Kriegsmaterial bewegt sich nicht von selbst. Überall stehen Beschäftigte an entscheidenden Stellen.
Wer steht hinter der Einladung nach Kassel?
Die Initiative ist aus der Zusammenarbeit von »Sagt NEIN! – Gewerkschafter*innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden«, dem Jour fixe Gewerkschaftslinke Hamburg und der Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften, VKG, entstanden. Das sind unterschiedliche Zusammenhänge mit unterschiedlichen Traditionen und Erfahrungen. Auch deren Unterschiede soll die Konferenz für antimilitaristischen Widerstand produktiv machen.
Die Konferenz findet im Stadtteilzentrum »Vorderer Westen« in der Elfbuchenstraße 3 in Kassel statt. Beginn ist am Freitag um 13 Uhr, Ende am Sonnabend gegen 15 Uhr. Anmeldungen sind unter info@sagtnein.org möglich. Andreas Buderus ist Mitglied der koorganisierenden Initiative »Sagt NEIN!«
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
