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Dem Algorithmus unterworfen
Im US-Gesundheitswesen werden Pflegejobs zunehmend über Plattformen vergeben. Gewerkschaften warnen vor dramatischer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen
Beim Thema »künstliche Intelligenz« wird gerne darüber geredet, wie viele Berufsgruppen durch deren Einsatz verschwinden, und wie viele Jobs deshalb abgebaut werden. Weitaus weniger kommt dabei zur Sprache, dass der Einsatz von KI-Technologien auch ein Angriff auf Arbeitsbedingungen von Lohnabhängigen ist. Denn KI wird von der Kapitalseite zur Veränderung von Kräfteverhältnissen und der profitableren Verwertung menschlicher Arbeitskraft genutzt. Hier werden weniger die Menschen durch Roboter ersetzt, sondern Lohnabhängige einem intransparenten, KI-gestützten Algorithmus unterworfen, der Ausbeutungs- und Verwertungsprozesse im Sinne von Kapitalinteressen und gegen die Lohnabhängigen organisiert.
Beobachten lässt sich das in den USA. Dort hat sich in den vergangenen Jahren ein neuer Sektor innerhalb der sogenannten Plattformökonomie entwickelt, der vor allem das Gesundheitswesen im Visier hat. Ein »Uber für Pflegekräfte« sei dort entstanden, so der Titel einer vor einigen Monaten vom AI Now Institute herausgegebenen Studie, die sich kritisch mit dem Phänomen befasst. Auch die Gewerkschaften sind längst alarmiert und warnen vor dramatischen Verschlechterungen für die Pflegekräfte in US-Krankenhäusern.
Der Gesundheitssektor in den USA ist eine Wachstumsbranche, wenn auch mit Widersprüchen behaftet. Zum einen altert die US-amerikanische Gesellschaft rapide. Bis zum Jahr 2040 wird einer von fünf US-Amerikanern älter als 65 Jahre sein. Das Arbeitsministerium rechnet damit, dass die Beschäftigtenzahlen für Pflegekräfte im Gesundheitswesen von 2024 bis 2034 um 35 Prozent ansteigen werden. Zum Vergleich: Für den allgemeinen Stellenmarkt wird nur ein Anstieg von drei Prozent für denselben Zeitraum prognostiziert. Diese Zahlen berichtete das Magazin Fortune in einem Artikel vom 23. April dieses Jahres. Laut dem AI Now Institute arbeiten 15 Prozent aller Beschäftigten in den USA im Gesundheitsbereich. Dieser sei eine der wenigen Wachstumsbranchen für Jobs überhaupt.
Die Kehrseite davon ist, dass gerade im Zuge der Lockdownphase der Covid-19-Pandemie viele US-amerikanische Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger stressbedingt kündigten. Die Gewerkschaft National Nurses United (NNU) spricht davon, dass eine von fünf Krankenpflegekräften in den ersten Jahren der 2020er hingeschmissen hätte, weil sie sich mit Unterversorgung und Personalknappheit nicht mehr abfinden wollten, oder weil sie sich den Gefahren durch das Covid-19-Virus auf Grund mangelnder Unterstützung durch die Chefetage schutzlos ausgesetzt sahen. Während also in den Krankenhäusern zunehmend offene Stellen und Arbeitsplätze vorhanden sind, gibt es andererseits Pflegekräfte, die nicht bereit sind, jede Zumutung am Arbeitsplatz blind zu akzeptieren. Schließlich haben sie, um ihrem Beruf überhaupt nachgehen zu können, je nach Qualifikationsgrad aufwendige Lehr- und Studiengänge belegen müssen.
Unterbietungswettbewerb
Diese Situation hat das US-amerikanische Techkapital auf den Plan gerufen, das starke Wachstumsmöglichkeiten wittert. Die Idee: Offene Stellen sollen zunehmend nicht mehr durch fest angestellte Arbeitskräfte nachbesetzt werden. Statt dessen können Krankenhäuser ihre offenen Schichten auf Onlineplattformen stellen. Dort buhlen dann Stellensuchende um diese Schichten, etwa indem sie der Plattform ihre Gehaltsvorstellungen posten. Die Person mit der niedrigsten Gehaltsvorstellung bekommt dann den Job.
Während die Lohnabhängigen auf diesen Bewerbungsplattformen um den niedrigstmöglichen Stundenlohn konkurrieren, sorgen die Plattformen für die Disziplinierung des temporären Pflegepersonals. So bewertet die Plattform Clipboard Health die über sie vermittelten Pflegekräfte laut einem Artikel in der britischen Tageszeitung The Guardian vom 21. April 2026 nach einem sogenannten Disziplinierungspunktesystem. Wenn Arbeitskräfte eine von ihnen bereits angenommene Schicht in einem Krankenhaus wieder absagen, gibt es dafür Strafpunkte. Dabei gilt: Je kurzfristiger die Absage, desto mehr Strafpunkte. Ein Algorithmus sorgt dann dafür, dass Bewerber mit vielen Strafpunkten entsprechend wenig Chancen auf neue Arbeitsschichten bekommen.
Firmen wie Clipboard Health präsentieren sich in ihrer Selbstdarstellung als eine moderne Version von Leiharbeitsfirmen. Ihr Ziel ist es, möglichst viele der sogenannten Lohnnebenkosten den Lohnabhängigen selbst aufzubürden. Weder die Plattformen, noch die Krankenhäuser, in denen die vermittelten Arbeitskräfte schließlich arbeiten, sind somit mit Sozialleistungen wie bezahltem Urlaub und Krankenstand oder tarifvertraglich geregelten Sonderleistungen belastet. Auch ihre Arbeitsuniformen müssen über die Onlineplattformen vermittelte Arbeitskräfte selbst zahlen. Dafür laufen aber sämtliche bürokratischen Abläufe über diese Plattformen: Sie registrieren Beginn und Ende einer Schicht und überweisen auch die Löhne. Die Plattformen haben bei alldem die totale Kontrolle. Beschäftigte kriegen ihren Lohn nicht von der Gesundheitseinrichtung ausgezahlt, bei der sie arbeiten, sondern von der Plattform. Gleichzeitig verwaltet die Plattform den Zugang zu den von den Gesundheitseinrichtungen online gestellten Schichten.
Keine Transparenz
Transparenz für die Beschäftigten gibt es hierbei keine. Die Plattform bestimmt die Höhe der Löhne nach eigenem Gutdünken. Dafür werden die Beschäftigten mit dem Versprechen beruflicher Flexibilität angelockt. Schließlich gibt es viele Gründe, warum Lohnabhängige weniger starre Beschäftigungsformen suchen, etwa wenn sich häusliche Pflegeverantwortungen nicht in ein geregeltes Lohnabhängigkeitsverhältnis einpassen lassen. Außerdem kann das Modell, selbst darüber zu entscheiden, wie viele Schichten eine Person arbeiten möchte, mit Blick auf die strukturelle Überlastung des fest angestellten Personals im Gesundheitswesen durchaus attraktiv erscheinen.
Bei näherem Hinsehen entpuppen sich die Versprechen flexiblerer Arbeitsformen jedoch als schöner Schein. Tatsächlich erzeugen die Plattformen eine Fragmentierung von Arbeitsprozessen vor Ort. Durch Plattformen rekrutierte Beschäftigte kennen die Teams nicht, mit denen sie ihre Schichten abarbeiten. Sie sind mit spezifischen, oft informellen Arbeitsprozessen vor Ort nicht vertraut. Sie können somit auch kaum Vertrauensverhältnisse zu Kolleginnen und Kollegen aufbauen – damit fehlen auch Möglichkeiten zur informellen Aneignung neuer Wissensstände. All diese Dinge sind jedoch Vorbedingungen betrieblicher kollektiver Selbstorganisation der Beschäftigten, denen so Hindernisse in den Weg gelegt werden.
Die in den USA großteils profitorientiert operierenden Krankenhäuser können so Kosten sparen und Profitmargen erhöhen. Gleiches gilt für die Plattformen, die für ihr Geschäftsmodell mit steigenden Kursen an den Börsen belohnt werden. Laut Angaben des AI Now Institute haben sich längst transnational aktive spekulative Kapitalfonds in diese Plattformen eingekauft. Sie wittern ein für ihre Anleger lukratives Geschäft.
Laut dem Bericht des AI Now Institute hat eine Plattform namens Shift Key Investitionen im Wert von 300 Millionen US-Dollar durch Private-Equity-Fonds erhalten. Die drei in den USA führenden Plattformen Shift Key, Intely Care und Clipboard Health werden an den Börsen mit einem Wert von je einer Milliarde US-Dollar bewertet. Die These des AI Now Institute ist, dass sich diese Plattformen nicht nur als ein weiterer Teilbereich neben existierenden Leiharbeitsfirmen etablieren, sondern dass sie die Regeln für den Arbeitsmarkt der gesamten US-Gesundheitsbranche umschreiben wollen. Schon längst sind Shift Key und Co. nicht mehr nur im Gesundheitsbereich aktiv. So wird über ihre Plattformen inzwischen auch Personal für Abschiebeeinrichtungen der US-amerikanischen »Ausländer Raus«-Behörde ICE angeworben.
Gewerkschaften warnen
Laut der Gewerkschaft NNU und dem AI Now Institute arbeiten die Plattformen gezielt an einer Deregulierung des US-amerikanischen Arbeitsmarkts. Dafür geben die Plattformbetreiber große Geldbeträge aus, um Politiker auf der Ebene der Bundesstaaten sowie auf föderaler Ebene zu beeinflussen. Immer geht es dabei um die Durchsetzung von neuen Gesetzen, die das Vermittlungskonzept der Plattformen rechtlich dauerhaft absichern sollen. Dem US-Kongress liegt zum Beispiel ein Gesetzentwurf vor, der den Einsatz von Plattformarbeit im Fall von Notstandslagen vereinfachen soll.
Die Gewerkschaft NNU fürchtet um den Verlust hart erkämpfter Rechte für Pflegekräfte, wie etwa das Recht auf einen gesetzlichen Mindestlohn. Über Plattformen vermitteltes Pflegepersonal hätte außerdem höhere Arbeitslosenversicherungskosten zu tragen, so die Gewerkschaft. Zudem würden so Möglichkeiten gewerkschaftlicher Organisierung erschwert. Inzwischen sei auch der Amazon-Konzern in den Markt eingestiegen, was der Bedrohungslage für Arbeiterrechte noch höhere Dringlichkeit verleihe. Bis heute versuchen US-amerikanische Gewerkschaften weitgehend vergeblich, gewerkschaftliche Organisierung bei Amazon langfristig durchzusetzen.
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Rayan 24. Sept. 2026 um 09:30 UhrDie Entwicklung erinnert verblüffend an die sarkastisch, blasphemisch, schwarz-humorige Klamauk-Miniserie »Mrs. Davis«. Im gar nicht so sehr fiktiven Setting dieser Serie sind die Zustände bereits so weit, dass die beinah allmächtige KI quasi gar nichts mehr für die Erfüllung ihrer Aufträge zahlen muss. Ein paar Bytes Digi-Trash, die den sozialen Status in den asozialen Medien vermeintlich aufwerten, reichen schon dafür aus. Oder auch dafür, dass sie ihr schnell mal per Mausklick ihre »Seele« verkaufen, sobald sie von der KI und den gesellschaftlichen Verhältnissen des Kapitalismus erfolgreich zum Psycho-Krüppel gemacht und in die Verzweiflung getrieben wurden. Wobei sich die gezeigten, am Fließband vermittelten Aufträge dramaturgisch bedingt nur ausschnitthaft vor allem darum drehen, »Nicht-User« der KI aufzuspüren und zu korrumpieren, sprich zum User zu machen. Doch jede Wette, dass nicht nur die im Artikel aufgezeigten Konzepte des durch die Plattformen strukturell begünstigten, sondern auch ganz direkten, KI-gesteuerten Union-Bustings sich auch real bereits in der Queue befinden. Die IPOs von Book-a-Streikbrecher.com und DrFaust24.com sind ganz bestimmt der nächste heiße Scheiß an den Börsen.
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Interessant wäre eine Einschätzung von Christian Bunke zu folgenden Punkten: Einerseits gibt es Artikel, die berichten, dass KI um eine Million neue Arbeitsplätze geschaffen hat. Andererseits verlieren Angestellte, wie in seinem und unteren Artikel (auf franz.) beschrieben, ihre Stellen und werden durch KI‑Plattformen ersetzt. Französische MitarbeiterInnen in E-Commerce-Chats, die durch KI ersetzt wurden, wollen sich das nicht einfach so gefallen lassen: https://basta.media/Remplaces-par-IA-les-employes-des-tchats-e-commerce-iAdvize-ne-comptent-pas-se-laisser-faire Solche Tendenzen gab es bereits früher: Softwareindustrie, Automatisierung der Prozessabläufe in Industrie und Landwirtschaft.
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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