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Protestbewegungen

Vereinzelung verhindern

Dem Widerstand gegen die Big-Tech-Industrie mangelt es bislang an einer Analyse historischer Vorgänger, die an der Isolation einzelner Kämpfe scheiterten. Über die Bewegung des »Neo-Luddismus«

Von Laurenz Sachenbacher
Foto: Matrix Images/IMAGO
Protest gegen einzelne Anlagen ist notwendig, aber ungenügend. Demonstration gegen ein riesiges KI-Rechenzentrum in Melbourneund gegen den australischen Premierminister Anthony Albanese von der Labor Party (9.8.2026)

Die Geschichte des Kapitalismus ist durchzogen von tiefgreifenden technologischen Umbrüchen im Interesse der relativen Mehrwertsteigerung, die jedoch stets von mehr oder weniger organisiertem Widerstand begleitet wurden. Im aktuellen Hype um generative künstliche Intelligenz (KI) zeigt sich dies erneut. Während Modellanbieter und Plattformbetreiber Produktivitätssteigerungen und Automatisierungswellen versprechen, häufen sich Berichte von Protestaktionen gegen die drastischen Kontroll- und Disziplinierungsmöglichkeiten, die die neue Technik bietet, und die desaströsen ökologischen Effekte, die ihr Einsatz zeitigt – etwa bei dem monatelangen Streik der »Writers Guild of America« gegen den Einsatz generativer KI in Hollywood in 2023, der Gründung der »African Content Moderators Union« im selben Jahr als Reaktion auf Kündigungen einzelner Beschäftigter bei Sama Source (ein Unternehmen, das Trainingsdaten für künstliche Intelligenz generiert, jW), der Waldbesetzung bei der Tesla-Gigafactory in Grünheide 2024 oder dem Streik der Tik-Tok-Beschäftigten gegen Kündigungen vergangenen Herbst in Berlin.

Derzeit bildet sich offenbar ein neues Bewusstsein bei den Arbeiterinnen und Arbeitern heraus, die Notwendigkeit und Möglichkeit radikalen Widerstands gegen den Kapitalismus wird wieder artikuliert. Dies zeigt sich auch in positiven Bezügen auf die Ludditinnen und Ludditen des 19. Jahrhunderts – englische Textilarbeiter, die gezielt Fabrikmaschinen zerstörten, in denen sie die Manifestationen der Industrialisierung sahen, und die dafür unter enormen Repressionen litten. Der heutige »Neo-Luddismus« stellt sich in diese Tradition einer radikalen Ablehnung des Einsatzes von Technik zu Ausbeutungszwecken. Er richtet sich vor allem gegen die Big-Tech-Industrie und deren Heilsversprechen. Welche Technologien, Praktiken oder gesellschaftlichen Entwicklungen neo-ludditische Praxis konkret im Auge hat, bleibt in der Bewegung jedoch meist unspezifisch und variiert je nach politischer Akteurin bzw. Akteur.

Vergesellschaftung fordern

Auch wenn der Neo-Luddismus bisher größtenteils in akademisierten Kreisen Anklang findet bzw. dort entwickelt wird – prominente Vertreter sind Gavin Mueller, Thomas Dekeyser, Brian Merchant oder Jathan Sadowski –, wird auch in zivilgesellschaftlichen Gruppierungen und politischen Bewegungen verstärkt darauf Bezug genommen. Am 11. und 12. April dieses Jahres fand in Berlin die »Cables of Resistance«-Konferenz statt, eine Bewegungskonferenz, die als selbsterklärtes Ziel formuliert, Big Tech zu »hacken, vergesellschaften und um(zu)bauen«, aber auch zu »verweigern, zerschlagen und herunter(zu)fahren«¹. Trotz der strategischen Unterschiede dieser beiden Ansätze, von denen besonders der zweite sich explizit der Sprache des Neo-Luddismus bedient, einte alle Teilnehmenden die Erkenntnis, dass ein gemeinwohlorientierter Einsatz digitaler Technologien weder reiner Profitlogik noch den marktkonformen Reformen der Politik weltweit überlassen werden kann, sondern konkrete, organisierte Gegenmacht erfordert.

Ein solcher Diskurs um den technologischen Wandel ist zu begrüßen. Dennoch fand ich als Panelist auf der Konferenz Teile der vorgeschlagenen politischen Strategie unproduktiv. Positive Bezüge auf einen kleinteiligen, zerstörerischen Widerstand gegen Big Tech entstehen zwar aus einer zutreffenden Analyse der Machtverhältnisse, aber meines Erachtens tragen sie wenig zur Bildung der geforderten organisierten Gegenmacht bei. Als Ausgangspunkt nehme ich hier bewusst den Neo-Luddismus, weil er durch den KI-Hype zu einer anschlussfähigen Strömung innerhalb der techkritischen Linken geworden ist – ohne dass aus dem Scheitern seines historischen Vorbilds die richtigen Lehren gezogen werden. Für eine fundierte Kritik und Einschätzung des Neo-Luddismus gilt es, zuerst die historische Bewegung zu analysieren und ihre Erfolge und Niederlagen zu skizzieren. Erst auf einer solchen Grundlage können sinnvolle Vorschläge formuliert werden, wie aus dem durchaus beeindruckenden Mobilisierungspotential der Bewegung (allein auf der Konferenz in Berlin gab es rund 100 Veranstaltungen mit Hunderten Teilnehmern) eine materielle Kraft entstehen kann, die über punktuellen Widerstand hinauswachsen kann.

Bei den Ludditinnen und Ludditen handelte es sich um meist hochqualifizierte Facharbeiter, vorrangig Strumpfwirker, Tuchscherer und Weber, in den englischen Grafschaften Nottinghamshire, Yorkshire und Lancashire, die zwischen 1811 und 1816 gegen drastisch sinkende Löhne und verschlechterte Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie protestierten. Die nach dem vermutlich fiktiven General Ned Ludd, der bereits im Jahr 1779 Strumpfwickelmaschinen zerschlagen haben soll, benannten Aktivisten erfuhren die Automatisierung ihrer Arbeitsprozesse als direkten Kontrollverlust, dem sie mit Maschinenstürmerei, also der gezielten Zerstörung der Maschinen, begegneten.²

Nicht zufällig entfaltete sich der Luddismus gerade in der Textilindustrie. Dank Erfindungen wie der »Spinning Jenny«, einer im Jahre 1765 erfundenen halbautomatischen Spinnmaschine, wurde die Branche eines der ersten Zentren der industriellen Revolution und ein Laboratorium der kapitalistischen Produktionsweise. Durch die Einführung neuer Technologie wurden im Sinne der Produktivitätssteigerung Arbeitsprozesse standardisiert, qualifizierte Handwerksarbeit entwertet, zahlreiche Weber arbeitslos und die Verhandlungsmacht der übrigen Beschäftigten drastisch geschwächt.

Diesem unmittelbaren Kontrollverlust über den Arbeitsprozess und der Verelendung begegneten die Ludditinnen und Ludditen mit nächtlichen Sabotageaktionen, organisierter Maschinenzerstörung und anonymen Drohbriefen an Fabrikbesitzer. Entscheidend für ein Verständnis der ludditischen Politik ist hierbei, dass die Zerstörung der Maschinerie keinen Selbstzweck darstellte, sondern als Mittel fungierte, um die »Arbeitgeber« finanziell unter Druck zu setzen und dadurch zu Zugeständnissen zu zwingen. Ihre Forderungen bezogen sich auf den Erhalt handwerklicher Standards, die Einführung von Mindestlöhnen und bessere Arbeitsbedingungen. Statt einer undifferenzierten Technikfeindlichkeit formulierten die Ludditinnen und Ludditen ein politisch-ökonomisches Programm, das laut dem marxistischen Historiker Edward Palmer Thompson eine der ersten Ausformulierungen des Widerstands gegen die kapitalistische Aneignung des Mehrwerts und gegen das herrschende Verhältnis von Arbeit, Kapital und staatlicher Machtausübung darstellte.³

Anfänglich konnte die Bewegung konkrete Verbesserungen für Arbeiterinnen und Arbeiter erkämpfen. So begannen bereits im Dezember 1811 in Nottinghamshire, nach wochenlangen nächtlichen Angriffen auf Webstühle, Verhandlungen zwischen Vertreterinnen und Vertretern der Strumpfwirker und der Hosiers (Händler bzw. Hersteller von Strumpfwaren, jW). Dies mündete am 28. Dezember 1811 in einer Vereinbarung zur Anhebung der Durchschnittslöhne – ein Erfolg, der heute als maßgeblicher Grund für die Ausweitung der Bewegung auf Yorkshire und Lancashire im Jahr 1812 gesehen wird.⁴ Dennoch schafften es die Ludditinnen und Ludditen nicht, den Vormarsch des industriellen Kapitalismus in England aufzuhalten. Ein prominentes Beispiel für ihre Niederlagen ist dabei das sogenannte Battle of Rawfolds Mill vom 11. April 1812, bei dem rund 150 bewaffnete Arbeiterinnen und Arbeiter den Besitzer der Mühle, William Cartwright, zwingen wollten, den Einsatz automatischer Scherrahmen zurückzunehmen. Trotz ihrer zahlenmäßigen Stärke wurden sie von Söldnern, die Cartwright im Wissen um den bevorstehenden Angriff angeworben hatte, im Kampf besiegt, wobei zwei Arbeiter erschossen und Dutzende festgenommen wurden.⁵

Der Staat schlägt zu

Diese Niederlage verweist auf einen der Hauptgründe für das Scheitern der Ludditen-Bewegung, nämlich die prokapitalistische Rechtsprechung im England des 18. und 19. Jahrhunderts. Besonders die »Combination Acts« von 1799 und 1800 legten ein faktisches Verbot von gewerkschaftlicher Organisierung und Tarifverhandlungen fest, das zum größten Hindernis für eine Ausweitung der Proteste wurde.⁶ Als Reaktion auf das »Battle of Rawfolds Mill« wurde zudem im Jahre 1812 der »Frame Breaking Act« beschlossen, der die Zerstörung von Textilmaschinen zu einem Kapitalverbrechen erklärte, das fortan mit der Todesstrafe geahndet wurde. Dieses Gesetz, das den Schutz industriellen Eigentums ausdrücklich über die sozialen Forderungen der Arbeiterinnen und Arbeiter stellte, bildete die juristische Grundlage für die Hinrichtung von 17 der nach der Battle of Rawfolds Mill festgenommenen Arbeiter.⁷

Neben der staatlichen Repression war vor allem auch die fehlende organische Verankerung der Ludditen ausschlaggebend für ihr Scheitern. Auch wenn ein Großteil der Bevölkerung grundsätzlich solidarisch war und teilweise sogar Geheimhaltung versprach, um einzelne Individuen zu schützen, mussten die Ludditinnen und Ludditen notgedrungen klandestin agieren. Eine direkte Konsequenz daraus war, dass die Zellen in den einzelnen Grafschaften weitgehend isoliert voneinander handelten und sich auf verschiedene Ziele richteten. Während sich die Proteste in Nottinghamshire zunächst gegen die Verschlechterung der Stücklöhne der Strumpfwirker richteten, konzentrierten sich die Aktionen in Yorkshire beispielsweise auf Scherrahmen in der Tuchindustrie und in Lancashire auf mechanisierte Webstühle. Diese Vereinzelung verhinderte letztendlich, dass aus den Protesten eine überregionale, branchenübergreifende Bewegung entstand, die dem Repressionsdruck hätte standhalten können.⁸

Wegen dieser Mischung aus repressiven rechtlichen Rahmenbedingungen und der strukturellen Vereinzelung der Bewegung gelang es dem Staat als »ideellem Gesamtkapitalisten« und den Fabrikbesitzern schließlich, bis 1816 die regionalen Proteste nacheinander und unter dem Einsatz von rund 12.000 Soldaten militärisch niederzuschlagen. Das Scheitern der Ludditinnen und Ludditen ist somit weniger ein Zeugnis der Aussichtslosigkeit radikalen Widerstands als vielmehr der Grenzen einer Politik, die mangels dauerhafter Organisationsformen überwiegend auf punktuelle Sabotage angewiesen bleibt.

Schwächen der Neo-Ludditen

Die Verflechtung der kapitalistischen Produktionsweise mit der Ausübung staatlicher Gewalt ist heute viel enger als zur Hochzeit der Ludditenbewegung. Big-Tech-Unternehmen werden – vor allem von den USA – subventioniert, um nationale Wachstumszahlen zu stützen, künstliche Intelligenz und Dateninfrastruktur werden im Sinne der »Datensouveränität« zu nationalen Sicherheitsfragen erklärt, womit Investitionen gerechtfertigt werden, und staatliche Repressionsapparate zerschlagen jeden Ansatz organisierten Widerstands, wie etwa bei der bereits erwähnten Waldbesetzung in Grünheide. Vertreterinnen und Vertreter des Neo-Luddismus formulieren dementsprechend eine politische Analyse, in der die gezielte Verweigerung der kapitalistischen Aneignung von Technologie und der staatlichen Eingriffe bzw. Subventionen in den Fokus gerückt wird. In seinem neo-ludditischen Manifest benennt ­Jathan Sadowski beispielsweise diese »radical politics of refusal«⁹ als notwendige Voraussetzung für eine gemeinnützige Ausrichtung technologischen Wandels, die im Notfall auch mit physischer Gewalt erkämpft werden müsse.

Es ist kein Zufall, dass sich der Protest auf den Techsektor fokussiert. Vielmehr ist es ein Ausdruck der zentralen Rolle der Branche in der Umverteilung zwischen Kapitalfraktionen auf Kosten der Arbeiterklasse in einer stagnierenden Wirtschaft, wie ich in einem anderen Beitrag ausführlich erklärt habe (vgl. junge Welt vom 29.4.2026). Während ich also die Diagnose der Neo-Ludditen teile, richtet sich meine Kritik gegen die daraus abgeleitete Strategie. Denn in der konkreten Umsetzung erschöpft sich neo-ludditischer Aktivismus bislang größtenteils in vereinzelten, lokal begrenzten Kämpfen, etwa gegen einzelne Rechenzentren oder einzelne Techstandorte von Konzernen.

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Bei der Konferenz »Cables of Resistance« (CoR) wurden die zwei Hauptprobleme der Bewegung besonders gut deutlich. Mit mehreren hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern, bestehend aus klima- oder digitalpolitischen Aktivistinnen, Content-Moderatoren, Hackerinnen, Wissenschaftlern und Gewerkschaftssekretärinnen, war sie einer der größten Vernetzungsversuche im deutschsprachigen Raum, was an sich bereits einen Teilerfolg darstellt. Allerdings standen eher einzelne, konkrete Kämpfe im Vordergrund der Diskussionen, ohne dass daraus eine gemeinsame Strategie abgeleitet wurde, während strukturelle Analysen und systematische Forderungen, etwa von Vergesellschaftung, überwiegend aus dem akademisch geprägten Teil der Teilnehmenden kamen, die selbst nicht direkt in konkrete Arbeitskämpfe eingebunden sind.

Die CoR bildet damit ein Paradebeispiel für das Auseinanderfallen von organisierter Praxis und struktureller Analyse. In einem politischen Klima, in dem zur Stärkung des »Wirtschaftsstandorts Deutschland« Infrastrukturprojekte wie etwa der Bau der Tesla-»Gigafactory« forciert werden, erscheint lokaler Widerstand oft als die einzige unmittelbare Handlungsoption. Die Gefahr hierbei ist, dass daraus lediglich eine undifferenzierte Ablehnungshaltung entsteht, ohne positive Zukunftsvision und ohne fehlende organische Vernetzung unterschiedlicher Kämpfe. So bliebe aber die neo-ludditische Bewegung, ganz ähnlich ihrem historischen Vorbild, dem Repressionsdruck des Staates weitgehend hilflos ausgeliefert, wie sich Anfang Juli an der Schikane des »KI kurzschließen«-Camps vor einem geplanten Rechenzentrum in der Schweiz gezeigt hat.¹⁰

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben auf der Konferenz eine ambivalente Rolle eingenommen. Sie können es sich rein materiell leisten, eine strukturelle Analyse und dementsprechende Enteignungsszenarien zu formulieren. Wegen ihrer Abhängigkeit von Fördermitteln sind sie aber dazu genötigt, einen Balanceakt zwischen ihrer Position im Wissenschaftsbetrieb und politischer Radikalität zu vollziehen. Dementsprechend werden akademischer Diskurs und abstrakte Enteignungsrhetorik bereits als radikale Intervention verstanden, unabhängig davon, ob sie sich mit organisierter Praxis verbinden oder nicht. Wie wenig die Übersetzung der Analyse in politische Praxis bislang gelingt, zeigt sich exemplarisch daran, dass aus der CoR nun die »Nodes of Resistance« (NoR) entstanden ist, eine Diskussionsreihe, die dem eigenen radikalen Anspruch der Konferenz nicht gerecht zu werden scheint.¹¹

Organisierte Gegenmacht

Auch wenn die verschiedenen Taktiken und individuellen Verhaltensweisen nachvollziehbar sind, verliert die radikale Linke damit den Kampf gegen Big Tech. Die Neuauslegung des Luddismus trägt daran meines Erachtens eine Teilschuld – nicht wegen einer falschen Diagnose, sondern weil sie punktuellen Widerstand mit politischer Intervention verwechselt. Wenn man an der Möglichkeit einer Emanzipation der Arbeiterklasse festhält, das Mobilisierungspotential der CoR begrüßt und ihren zentralen Anspruch, »Kämpfe zu verbinden«¹², ernst nimmt, sind vor allem zwei strategische Forderungen wichtig, die aus der Analyse des Scheiterns der Ludditinnen und Ludditen erwachsen.

Erstens: Die viel versprochene »gewerkschaftliche Erneuerung« muss erkämpft werden. Aktuell wird unter dem Begriff des »Mobilizing« ohne inhaltliche Linie die Arbeiterklasse eher verwaltet als ermächtigt – entsprechend stark ist die Enttäuschung bei den Betroffenen. Im Techsektor hängt beispielsweise die Unterstützung von Arbeitskämpfen stark von dem Engagement einzelner Gewerkschaftssekretärinnen und -sekretäre ab. Dies zeigt sich exemplarisch im Vergleich zweier Fälle, in denen Verdi die Kämpfe von Datenarbeiterinnen und -arbeitern begleitet hat. Während die Tik-Tok-Beschäftigten in Berlin von Daniel Gutiérrez, einem politisch versierten und kämpferischen Verdi-Angestellten, begleitet wurden und ein für viele Beschäftigte zufriedenstellendes Ergebnis erkämpft haben¹³, wurden die Beschäftigten von Telus International in Essen in ihrem Arbeitskampf derart vernachlässigt, dass sie geschlossen aus der Gewerkschaft austraten und nun ihre eigene Gewerkschaft gründen wollen.¹⁴ Diese Uneinheitlichkeit ist historisch bedingt, etwa durch das seit den 1960er Jahren geltende Teilverbot politischer Streiks, das gewerkschaftliches Handeln von vornherein in enge Bahnen lenkt. Hier lässt sich eine bemerkenswerte Parallele zu den »Combination Acts« ziehen, die schon den Ludditinnen und Ludditen jede legale Organisierung verwehrten. Gerade weil digitale Technologien im Begriff sind, die kapitalistische Produktionsweise noch ausbeuterischer zu gestalten, muss man, um die fehlende Massentauglichkeit der Ludditenbewegung nicht zu reproduzieren, die Repolitisierung der Gewerkschaften als zentrale Organe der Arbeitermacht in den Fokus rücken.

Zweitens: Der Widerstand muss internationalisiert werden. Die globale Verflechtung von Big Tech mit Militärapparaten und rechten Parteien/Akteuren ist Kernbestandteil der ökonomischen und ideologischen Strategie des Kapitals. Wer den Internationalismus des Gegners ignoriert und statt dessen nur einzelne, isolierte Kämpfe führt, macht sich um so angreifbarer. Exemplarisch zeigt sich das etwa daran, dass Google im Frühjahr 2024 rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fristlos kündigte¹⁵, die sich im Rahmen der Kampagne »No Tech for Apartheid« gegen die Cloud-Verträge des Konzerns mit dem israelischen Militär organisiert hatten. Diese Entlassungen waren nicht auf ein Versagen der Aktivistinnen und Aktivisten zurückzuführen, sondern demonstrieren, wie leicht sich ein auf einzelne Konzerne begrenzter Protest isolieren und unterdrücken lässt. Als positives Gegenbeispiel lässt sich jedoch anbringen, dass sich dieselbe Initiative im vergangenen Jahr explizit mit den Hafenstreiks in Italien solidarisiert hat, wo Hafenarbeiterinnen und -arbeiter in Genua, Livorno und Marghera wiederholt das Be- und Entladen von Schiffen mit Rüstungsgütern für Israel verweigerten.¹⁶ Diese politische Verbindung von digitaler und materieller Infrastruktur des Krieges verlieh dem Protest eine internationale Reichweite und Anerkennung, die vielen Kämpfen im Techsektor bislang fehlt.

Diese beiden Forderungen – Repolitisierung der Gewerkschaften und internationalistische Vernetzung – laufen letztlich auf die Einsicht hinaus, dass Widerstand gegen Big Tech nur als Form des Klassenkampfes verstanden werden kann. Während die Ludditinnen und Ludditen dieser Einsicht zumindest in ihrer politischen Analyse noch gerecht wurden, bleibt der heutige Neo-Luddismus hinter seinem eigenen radikalen Anspruch zurück, wenn er Widerstand als punktuelles Ereignis statt als kontinuierliche Anstrengung hin zu organisierter Gegenmacht denkt.

Anmerkungen

1 Manifest 2.0 der Cables of Resistance, https://de.indymedia.org/node/855763. Vgl. zur Konferenz auch den Bericht im ND vom 13. April 2026 (alle Webseiten zuletzt aufgerufen am 1.8.2026)

2 Eric Hobsbawm: The machine breakers, https://libcom.org/article/machine-breakers-eric-hobsbawm

3 Edward Palmer Thompson: The Making of the English Working Class. Open Road Media 2016

4 John Beckett: Luddites. The Nottinghamshire Heritage Gateway, http://www.nottsheritagegateway.org.uk/people/luddites.htm

5 Jonathan Bell: Man and Machine: The Battle of Rawfolds Mill. Medium, 11.4.2020, https://medium.com/@JonathanLBell/man-and-machine-the-­battle-of-rawfolds-mill-a34c1ba9c922

6 The Luddites and the Combination Acts, https://www.marxists.org/history/england/­combination-laws/combination-laws-1800.htm

7 Matthew Wills: Luddites on Trial. JSTOR Politics & History, 2024, https://daily.jstor.org/luddites-on-­trial

8 Malcolm I. Thomis: The Luddites: Machine-Breaking in Regency England. Schocken 1970

9 Jathan Sadowski: The Mechanic and the Luddite: A Ruthless Criticism of Technology and Capitalism. ­University of California Press 2025, S. 45

10 »KI kurzschließen«-Camp, https://aufstaendederallmende.org/index.php/camp, vgl. auch junge Welt vom 20.7.2026

11 Nodes of Resistance, https://noderesist.de

12 Manifest 2.0 der Cables of Resistance, https://de.indymedia.org/node/855763

13 Verdi: Auseinandersetzung bei Tik Tok beendet, https://bb.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++b6145870-be1b-11f0-ae00-7b029f5c9f7b

14 Anonymous authors: »From Data Workers to Data Workers – Precarious Working Conditions in Content Moderation and their Consequences for Workers«. In: M. Miceli, A. Dinika, K. Kauffman, C. Salim Wagner, & L. Sachenbacher (Hg.). Data Workers’ Inquiry. Creative Commons BY 4.0, 2024, https://data-workers.org/essen

15 Workers accuse Google of »tantrum« after 50 fired over Israel contract protest, The Guardian, 27.4.2024, https://www.theguardian.com/technology/2024/apr/27/google-project-nimbus-israel

16 Tasnima Uddin: The making of Italy’s Pro-Palestine General Strike. Jacobin, 16.10.2025, https://jacobin.com/2025/10/italy-general-strike-palestine-labor

→ Laurenz Sachenbacher schrieb an dieser Stelle zuletzt am 29. April 2026 über eine historisch-­materialistische Perspektive auf die gesellschaftliche Funktion von KI: »Technologische Heilsversprechen«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 03.09.2026, Seite 12, Thema

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  • Mitter Albert aus Gmunden 5. Sept. 2026 um 01:02 Uhr
    Die Entwicklung der Produktivkräfte kann nicht auf Dauer gestoppt werden. Sie ist die Bewegung, die zu den verschiedenen Produktionsweisen in der Geschichte geführt hat und (mit der Ablösung der kapitalistischen durch die sozialistische) weiterhin führen wird. Entgegen der idealistischen Geschichtsauffassung jenseits des historischen Materialismus wird die sozialistische Produktionsweise nicht wegen ihrer moralischen Überlegenheit über die kapitalistische mit dem Klassenkampf der ausgebeuteten Klassen abgelöst, sondern wie Marx gezeigt hat materialistisch. Infolge des Widerspruchs, zu dem die Produktivkräfte zur bestehenden Produktionsweise geraten. Nicht die Idee einer gerechteren Gesellschaft an sich führt dazu. Das beweist die ganze Geschichte. Wir erleben gerade einen weiteren Sprung bei der Entwicklung der Produktivkräfte mit der technologischen Entwicklung. Angesichts der Tatsache, dass diese Entwicklung nicht auf die Big-Techs des westlichen Kapitalismus beschränkt ist, sondern die sozialistische VR China mit an der Spitze bei dieser Entwicklung steht, wird sehr spannend zu beobachten sein, wie die kapitalistischen Gesellschaften des Westens einerseits, die VR China andererseits damit umgehen werden, diesen weiteren enormen Produktivitätsfortschritt gesellschaftlich gestalten. Es zeigt sich, dass in der VR China, obwohl teilweise sogar an der Weltspitze, mit diesen neuen Produktivkräften, diese keinesfalls zu einer Verschlechterung der Lage der Arbeiterklasse oder gar zu massenhaften Entlassungen und damit einem Ansteigen von Arbeitslosigkeit führt. Offensichtlich ist es so, dass der sozialistische Staat politisch dafür sorgt, dass der Produktivitätsfortschritt gerechter verteilt wird. Nicht einfach nur zu mehr Mehrwert wird, sondern auch den Arbeitenden zugute kommt. Während es in westlichen Staaten bereits zu ersten Massenstreiks geführt hat, das menschliche Arbeit zugunsten eines höheren Mehrwerts ersetzt wird mit massenhaften Entlassungen.
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