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Kino

Aus den letzten Tagen des Printjournalismus

Mark Zuckerberg und kein Ende der Recherchen: Aaron Sorkins Spielfilm »The Social Reckoning«

Foto: Leah Gallo/Sony Pictures via AP/dpa
Investigativer Journalismus in Heimarbeit: Jeremy Allen White (l.) und Mikey Madison

Ehrlich gesagt, fand ich Myspace viel cooler als Facebook. Nicht nur, weil Tom Anderson und Chris DeWolfe im Juli 2003 mit mehr als einem halben Jahr Vorsprung Mark Zuckerberg in die Schranken gewiesen hatten. Während die als »The Facebook« am 4. Februar 2004 erstmals online gegangene Plattform ursprünglich nur als Austauschforum für Harvard-Studenten konzipiert wurde, konnte man bei Myspace von Beginn an rund um den Globus mit allen möglichen Leuten chatten. Außerdem war die Gestaltung des Profils mittels HTML- und CSS-Code jedem User völlig frei überlassen. So wählte ich als Hintergrund David Pelhams berühmte Illustration für den Buchdeckel der 1972er Penguin-Neuauflage von Anthony Burgess’ Roman »A Clockwork Orange«. Facebooks einheitliches Design fand ich dagegen sterbenslangweilig, registrierte mich dort 2009 aber dennoch, nachdem der Stern von Myspace, unter anderem wegen zu langer Ladezeiten, am Sinken war.

Der Untergang von Myspace und der gleichzeitige Triumph von Facebook gehören zu den spannendsten Geschichten des frühen Internets. Obwohl Myspace 2007 einen geschätzten Wert von zwölf Milliarden US-Dollar hatte, verlor das Unternehmen innerhalb kürzester Zeit fast alle Nutzer. Das wäre auch ein Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm. Statt dessen gibt es bereits den zweiten Film über Zuckerbergs, gelinde gesagt, dubioses Gebaren: »The Social Reckoning« will Regisseur und Drehbuchautor Aaron Sorkin allerdings nicht als Fortsetzung von David Finchers mit drei Oscars prämiertem Drama »The Social Network« (2010), zu dem Sorkin ebenfalls das Skript ablieferte, verstanden wissen. Getreu dem Motto im Trailer »Jede Revolution beginnt mit einer Abrechnung« erklärt er im Interview: »Ich mag Superhelden, die keine übernatürlichen Kräfte haben. Bei mir ist diesmal der Printjournalismus der Held!«

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Dieser leider vom Aussterben bedrohten Zunft setzt er in Gestalt des realexistierenden Jeff Horowitz vom Wall Street Journal ein Denkmal. Engagiert verkörpert wird Horowitz hier von dem vornehmlich durch seine Hauptrollen in den Serien »Shameless« und »The Bear: King of the Kitchen« bekannt gewordenen Schauspieler Jeremy Allen White. Fast überflüssig zu erwähnen, dass sich Sorkin und Co. relativ eng an tatsächlichen Ereignissen orientieren, um Zuckerberg (Jeremy Strong) gehörig zu demontieren. Die junge Facebook-Ingenieurin Frances Haugen (»Aurora«-Star und Oscar-Preisträgerin Mikey Madison) entschließt sich, interne Informationen an Horowitz weiterzugeben. Ihre gemeinsamen Recherchen fördern bislang verborgene Vorgänge innerhalb des Unternehmens zutage. Die Führungsspitze des Unternehmens duldet »schädliche Inhalte« – von politischer Hetze über Falschinformationen bis hin zu Posts, die Jugendliche gefährden. Zuckerberg, dem ein Gerichtsverfahren droht, will sich natürlich mit allen Mitteln schützen. Während die Veröffentlichung der Recherchen näher rückt, wächst der Druck auf beide Lager.

Auch wenn White und Madison nicht so eindrücklich agieren wie einst Dustin Hoffman als Carl Bernstein und Robert Redford als Bob Woodward, die zwei noch lebenden Legenden der Washington Post-Journalisten, im Watergate-Film »Die Unbestechlichen« (Alan J. Pakula, 1976), harmonieren sie doch beide prächtig miteinander. Leider ist ihr Antagonist Zuckerberg dank Jeremy Strongs angestrengt wirkendem Method Acting arg eindimensional. In quasi jeder Szene hat er einen unsympathischen, leicht bedrohlichen Gesichtsausdruck. Jesse Eisenbergs Zuckerberg-Porträt zwischen Nerd und Charismatiker in »The Social Network« war da wesentlich differenzierter. Die etwas schematische Inszenierung wiederum will auf etwas hinaus, das ohnehin längst alle wissen: Unsere Suche nach Likes bei Facebook ist für den Konzern ein kalkuliertes Geschäft.

→»The Social Reckoning«, Regie: Aaron Sorkin, USA 2026, 112 Min., Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.10.2026, Seite 11, Feuilleton

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