Die Welt steht auf keinen Fall mehr lang
Tom Cruise als katzenliebender Ölmilliardär in Alejandro Iñárritus apokalyptischer Komödie »Digger«
Scientology hin oder her, Tom Cruise ist nicht nur der größte Actionheld unserer Tage, sondern auch ein brillanter Charakterdarsteller. Gewagte These? Nicht, wenn man den am 3. Juli 1962 in Syracuse als Thomas Cruise Mapother IV geborenen Schauspieler als im Rollstuhl sitzenden Vietnamkriegsveteran in »Geboren am 4. Juli« (1989), als eifersüchtigen Arzt und Ehemann in »Eyes Wide Shut« (1999) oder als eiskalten Profikiller in »Collateral« (2004) gesehen hat. Nach Oliver Stone, Stanley Kubrick und Michael Mann hat Cruise die Liste der berühmten Regisseure, mit denen er zusammengearbeitet hat, nun um Alejandro González Iñárritu erweitert. »Digger« ist eine Weltuntergangskomödie, deren Titelfigur Cruise im Interview als »abgedrehteste Rolle, die ich je gespielt habe« bezeichnet.
Mit tonnenweise Make-up und im Fatsuit ist er als durchgeknallter Multimilliardär allerdings der einzige Lichtblick einer Farce, die Vorbildern wie »Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben« nicht im Ansatz das Wasser reichen kann. Der von ihm verkörperte Digger Rockwell hat neben seiner weißen Katze nur noch eine Leidenschaft: Seine Ölquellen müssen ausgebeutet werden, solange der leicht vertrottelte US-Präsident (John Goodman) noch im Amt ist. Doch eines unschönen Tages hat er bei seinen Bohrungen den Bogen tatsächlich überspannt. Ein gigantischer Eisberg hat sich gelöst und treibt auf Europa zu. Bei einem Zusammenstoß drohen Überschwemmungen und Millionen von Toten. Das Ende ist also nah, wenn nicht Digger höchstpersönlich die Ärmel hochkrempeln würde.
Wer jetzt allerdings epische Weltuntergangsszenarien und große Actionszenen erwartet, wird enttäuscht. Denn nachdem sich Diggers todkranke Katze gleich zu Beginn als mechanische Bühnenrequisite erwiesen hat, folgt der einzige gelungene dramaturgische Clou von Iñárritu und seinem aus Sabina Berman, Alexander Dinelaris und Nicolás Giacobone bestehenden Autorenteam: Die Horrorschau entpuppt sich als abgefilmte Theaterinszenierung. Bei aller Liebe für »Camp« ist es doch ziemlich plump, dass Digger eine durch hemmungslose Umweltausbeutung ausgelöste Katastrophe ausgerechnet dadurch verhindern will, dass die Natur mit militärischer Gewalt attackiert wird.
Leider muss man sagen, dass Iñárritus episodische Dramen wie »21 Gramm« (2003), »Babel« (2006) oder »Amores Perros« (2000), den mir Cruise im Gespräch neben »Jules und Jim« (1962) und »2001: Odyssee im Weltraum« (1968) als einen seiner drei absoluten Lieblingsfilme nennt, durchaus eindrucksvoll sind, die Komödien des zweifachen Regie-Oscar-Gewinners (2015 für »Birdman« und 2016 für »The Revenant – Der Rückkehrer«) aber einfach nicht lustig. War »Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten« (2022) ein semiautobiographisches Desaster, ist »Digger« der vorläufige Tiefpunkt seiner lange von Erfolg zu Erfolg eilenden Karriere.
In grotesk stilisierter Optik gedreht und mit Nebendarstellern wie Sandra Hüller besetzt, die sich auf albernste Weise herzeigen müssen, zündet der Humor einfach nicht. An einer Stelle will Cruise als Digger-Schauspieler von seiner Regisseurin (Sophie Wilde) wissen: »Soll die Szene jetzt witzig sein?« Gute Frage. Die stellt sich auch der Zuschauer permanent während der nicht nur für den Spiegel »schrecklichsten 128 Filmminuten des Jahres«.
»Digger«, Regie: Alejandro G. Iñárritu, UK/Mexiko/USA 2026, 128 Min., bereits angelaufen
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