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Ein Klick bis zum Selbstmord
Megaprozess gegen Meta wegen Verbreitung jugendgefährdender Inhalte könnte gesamte Techbranche erschüttern. Profitgier schlägt Kindeswohl
Vor dem Gerichtsgebäude in Oakland, Kalifornien, hatten sich am Dienstag Demonstranten postiert. In den Händen hielten sie ein meterlanges Banner mit den Namen Hunderter Kinder und Jugendlicher, die mutmaßlich Opfer von Social Media wurden. Der schwere Vorwurf der Hinterbliebenen: Facebook und/oder Instagram haben ihre Lieben in den Freitod getrieben. Später, in ihrem Eröffnungsplädoyer, legte die stellvertretende Generalstaatsanwältin des US‑Sonnenstaats, Megan O’Neill, den Finger in die Wunde. Meta, der Mutterkonzern beider Techplattformen, habe Minderjährige abhängig gemacht, die Funktionsweise ihrer Gehirne »ausgenutzt« und die Öffentlichkeit in die Irre geführt. Das alles sei vorsätzlich und aus niederen Beweggründen passiert. »Sie haben es gewusst, aber immer und immer wieder ging der Profit vor.«
Gemünzt war die Ansage auch und vor allem auf Mark Zuckerberg, obwohl der selbst nicht anwesend war. Der Meta‑Boss soll erst zu einem späteren Zeitpunkt vorgeladen werden, ebenso Instagram‑Chef Adam Mosseri. Dieser hatte sich in einem früheren Verfahren in Los Angeles Anfang des Jahres damit verteidigt, Nutzer sozialer Medien würden nur »sozusagen« süchtig, so wie nach einer Fernsehserie, aber nicht »klinisch süchtig«. Die Klägerin hingegen führt ihre Depressionen, Angststörungen und ihr verzerrtes Körperbild auf den schon seit früher Kindheit praktizierten Konsum von Instagram und der Videoplattform Youtube zurück, die zum Google‑Imperium gehört. Der Prozess ging Ende März mit einer herben Schlappe für die Beklagten zu Ende, wogegen sie umgehend Berufung einlegten. Viel schwerer als der verhängte Schadenersatz von drei Millionen US-Dollar wiegt dabei die Aussicht, dass hier ein Präzedenzfall geschaffen wurde, der das Zeug hat, die gesamte Branche zum Beben zu bringen.
Oakland könnte nun zum Epizentrum werden, weil hier quasi ein ganzes Geschäftsmodell auf der Anklagebank sitzt. Dieses lässt sich laut Staatsanwältin O’Neill auf vier Punkte verkürzen: »Nutzer an sich binden, sie so lange wie möglich halten, ihre Daten abschöpfen und dann die Wahrheit vor der Öffentlichkeit verbergen.« Als erster Zeuge der Anklage kam der einstige Facebook‑Mitarbeiter Arturo Béjar zu Wort, der inzwischen als Whistleblower die Seite gewechselt hat. Bei Meta habe das Motto »schnell vorankommen und Dinge kaputtmachen« gegolten, sagte er. Sicherheitsaspekte seien bei der Einführung neuer Funktionen wie der Kurzvideos »Reels« keine Überlegung wert gewesen. Junge Nutzer bekämen 100‑ bis 400‑mal mehr schädliche Inhalte angezeigt als von der Meta‑Statistik erfasst.
Ausgangspunkt der Anklage sind die sogenannten Facebook‑Files. 2021 waren die Ergebnisse einer firmeninternen Recherche zu den Auswirkungen der Plattformen auf die seelische Gesundheit minderjähriger User publik geworden. Die Enthüllungen brachten ans Licht, dass man bei Meta sehr wohl um das Gefährdungspotential seiner Anwendungen für Heranwachsende und die Gesellschaft wusste, aber profitgetrieben an den Praktiken festhielt. Beispiele: Einem Drittel der Mädchen, die sich unwohl in ihrem Körper fühlen, geht es bei Nutzung von Instagram noch schlechter. Die Systeme wurden so optimiert, dass spaltende und hasserfüllte Inhalte mehr Reichweite erhielten. Auch unternahm man nichts gegen die Verbreitung von Fake News und Gewaltaufrufen.
In Reaktion auf die Leaks der ehemaligen Facebook‑Mitarbeiterin Frances Haugen initiierten knapp 30 Bundesstaaten eine gemeinsame Untersuchung der Vorwürfe und reichten zwei Jahre später Klage gegen Meta ein. Stellvertretend für sie führen Kalifornien, Colorado, Kentucky und New Jersey den Pilotprozess. Sie pochen auf Beschränkungen der inkriminierten Instagram‑ und Facebook‑Funktionen und machen eine Schadenssumme von rund 200 Milliarden US-Dollar geltend.
Meta dagegen behauptet, es drohten Strafen von 1,2 Billionen US-Dollar, und argumentiert, in diesem Falle sei die Existenz des Unternehmens bedroht. Kaliforniens Generalstaatsanwalt Rob Bonta hat derweil angekündigt, auch gegen die Videoplattform Tik Tok zu prozessieren. Kritiker halten der Plattform unter anderem vor, Suizidtipps in Umlauf zu bringen.
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